Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt

Gemälde
Expertin spricht in Rathenow über "Jesus vor dem Hohen Rat"

"Christus vor dem Hohen Rat", so heißt dieses Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, das in der Rathenower Sankt-Marien-Andreas-Kirche hängt.
"Christus vor dem Hohen Rat", so heißt dieses Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, das in der Rathenower Sankt-Marien-Andreas-Kirche hängt. © Foto: Knackmuß
Heinz-Walter Knackmuß / 09.10.2019, 12:40 Uhr
Rathenow Wieviel Bibelkunde in einem gemalten Bild stecken kann, belegt ein Vortrag von Prof. Dr. Gudrun Gleba in der Rathenower Sankt-Marien-Andreas-Kirche. Die Historikerin (Uni Osnabrück) sprach mit wissenschaftlicher Akribi über das Gemälde "Christus vor dem Hohen Rat", das ein niederländischer Wandermaler geschaffen haben soll und in der Kirche zu sehen ist.

Der Rat der Stadt Rathenow soll den Auftrag zunächst abgelehnt haben. Erst als der Maler den Vorschlag machte, die damaligen Stadträte in dem Gemälde zu verewigen, hätte er sich ans Werk machen können. So heißt es. Gudrun Gleba hält das für unwahrscheinlich, denn kein Ratsherr hätte sich als Richter über Christus porträtiert sehen lassen wollen.

Sie sieht in dem Gemälde die Darstellung von drei unterschiedlichen Geschichten aus der Bibel. Die erste Darstellung betrifft das Verhör von Christus vor dem Hohen Rat (Sanhedrin) der Jüdischen Gemeinde in Jerusalem, das vom Hohen Priester Kaiphas geleitete wird. Dieses Verhör steht im Zentrum des Bildes.

Der Hohe Priester Kaiphas sowie die Ratsmitglieder und Schriftgelehrten werden um Jesus in der Mitte angeordnet. Die Mitglieder des Hohen Rats sind alle mit Spruchtafeln ausgestattet, die die verschiedenen Positionen darstellen. Die einen halten eine Verurteilung für unrechtmäßig, die anderen wollen das Problem einfach nur loswerden und fordern eine Überstellung nach Rom oder eine Verbannung, und die dritte Gruppe fürchtet einen Volksaufstand und plädiert deshalb für eine Verurteilung zum Tode.

Der Hohe Rat der Juden hatte das Privileg, in Religionsfragen über Menschen aus den eignen Reihen Recht zu sprechen. Nachdem Jesus auf die Frage: "Bist Du Gottes Sohn?" dem Obersten Richter und Vorsitzenden des Hohen Rats, Kaiphas, antwortete: "Du sagst es" war die Sachlage eindeutig. Denn nach jüdischem Recht war das eine Gotteslästerung, wenn ein Mensch behauptete, er sei Gottes Sohn. Das konnte nur mit der Todesstrafe geahndet werden.

Diese durfte aber nur von den Römern verhängt werden. Daher sieht man auf einer zweiten Darstellung die Vorführung des Beschuldigten vor den Stadthalter Roms in Jerusalem, Pontius Pilatus. Dieser Abschnitt ist am linken Rand des Gemäldes abgebildet. Als Jesus dem Statthalter mit der Maßgabe vorgeführt wird, das vom jüdischen Hohen Rat verhängte Todesurteil zu bestätigen, kann er keine Schuld an dem Delinquenten Jesus Christus finden.

Die dritte biblische Darstellung betrifft das jüdische Volk, das als Zuschauer am rechten oberen Rand des Bildes zu sehen ist. Diese Szene ist mit der Darstellung von Pontius Pilatus und der Begnadigung des Mörders Barnabas eng verbunden. Pontius Pilatus folgt damit einer Sitte zum Osterfest und stellt Jesus mit dem Mörder Barnabas zur Schau und sagt dem Volk: "Einen davon könnte ich begnadigen. Wen wollt ihr begnadigt wissen?" Da schrien alle: "Barnabas! Weg mit diesem und gebt uns Barnabas frei! Kreuzigt ihn!  Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!"

Pontius Pilatus lässt sich darauf eine Kanne Wasser bringen und sagt: "Ich wasche meine Hände in Unschuld" und unterzeichnet das Todesurteil für Jesus Christus. Am linken Seitenrand sieht man den Stadthalter Pontius Pilatus auf einem Thron mit Baldachin sitzen und vor sich eine Kanne Wasser. Sein Urteilsspruch befindet sich in dem langen Text am unteren Bildrand.

Im Mittelalter waren die Gerichtsprozesse öffentlich und wurden im Freien abgehalten, wie die alte Gerichtslaube in Tangermünde unter dem Rathaus noch zeigt. Auf dem Gemälde "Christus vor dem Hohen Rat" in Rathenow wird aber der Gerichtsprozess nach Innen verlegt, was der aktuellen Rechtsprechung im 17. Jahrhundert entsprach, wo Rechtsgelehrte die Gerichtsverfahren übernahmen.

Das andere, was das Bild zeigt, ist, dass hier zwei Rechtssysteme dargestellt werden. Zum einen ist da das Gewohnheitsrecht, das ja noch lange bis ins 18. Jahrhundert auch bei uns galt und das die Ratsherren und Magistrate nach dem Magdeburger Recht sprachen. Es wird durch den Hohen Rat in Jerusalem dargestellt. Die Richterkollegien in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten beriefen sich auf das in einer Stadt gültige Gewohnheitsrecht und waren in der Regel vertrauenswürdige und mit eben diesem Gewohnheitsrecht vertraute Laien.

Parallel dazu findet aber auch schon das römische Recht Anwendung, das nur Gesetzbücher (den Codex Justinianum) und geschriebene Anklagen und Urteile nutzt. Dies wird durch die zwei Gelehrten, die mit Jesus Christus am Tisch sitzen gezeigt. Im 17. Jahrhundert setzte sich nach und nach dieses Rechtssystem durch.

Der HoheRat ist sitzend abgebildet, und nur der Hohe Priester Kaiphas steht. Auch Jesus, der Beschuldigte, sitzt - aber mit nacktem Oberkörper und gefesselten Händen vor einem Tisch, an dem zwei Rechtsgelehrte mit einem Schriftstück sitzen. Es handelt sich um eine schriftlich festgehaltene Zeugenaussage.

Die Aussage des Gemäldes ist die, dass der Einzige, der hier vor dem Gericht steht, der Hohe Priester selbst ist. Und das hat eine symbolische Bedeutung. Eigentlich sitzt Jesus über ihn zu Gericht als Weltenrichter.

Auf die Frage, wann das Gemälde entstand, meinte Gudrun Gleba: "Sechzehnhundertdickemilch," was wohl heißen sollte: erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Gemälde ist vielleicht nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) auch als Sehnsucht der Menschen  nach Recht und Ordnung zu verstehen. Deshalb gibt es thematisch gleichartige Gemälde in Helmstedt, Tangermünde und Stölln.  Das Rathenower Gemälde müsste indessen mal restauriert werden.

Auf der Internetseite www.rathenow-kirchen.de ist ein Video eingestellt, das den Vortrag in voller Länge zeigt.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG