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Telematik-Tarife
Anke Domscheit-Berg: weiterer Schritt in Richtung umfassender Überwachung

Anke Domscheit-Berg hat kein Auto, aber eine mehr als skeptische Haltung gegenüber Telematik-Tarifen von Kfz-Versicherern.
Anke Domscheit-Berg hat kein Auto, aber eine mehr als skeptische Haltung gegenüber Telematik-Tarifen von Kfz-Versicherern. © Foto: privat
René Wernitz / 27.11.2019, 16:23 Uhr - Aktualisiert 27.11.2019, 18:34
Berlin/Havelland (MOZ) Am 30. November endet die Wechselfrist bei Kfz-Versicherungen. Soll man oder soll man nicht für eine mögliche Kostenersparnis einen sogenannten Telematik-Tarif wählen? Auf BRAWO-Anfrage hin erläutert die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg, was sie von diesen Tarifen hält, die immer mehr  Versicherungsunternehmen anbieten.

Sie schiebt voraus, dass sie gar kein Auto besitze. "Ich fahre viel mit der Bahn, das ist klimafreundlicher, und ich habe das Glück, dass mein Wohnort sehr gut angebunden ist. Viele Menschen haben dieses Glück nicht und sind deshalb täglich auf das eigene Auto angewiesen."

Alle Kraftfahrer müssen ihre Fahrzeuge versichern. Bei Telematik-Tarifen kann man durch "risikoarme Fahrweise" durchaus sparen, wie es in verschiedenen Webportalen heißt "Das klingt erstmal gut, denn Menschen, die rücksichtslos und zu schnell fahren, gefährden nicht nur sich, sondern auch andere", meint Domscheit-Berg, die für Die Linke im Bundestag sitzt und deren Heimatwahlkreis sich über das westliche Havelland und Brandenburg/Havel bis nach Teltow-Fläming erstreckt. Sie erklärt: "Die Fahrweise wird aufgezeichnet und ausgewertet. Dazu wird eine Black Box installiert, eine App geladen oder ein Stick in den Zigarettenanzünder gesteckt, seit neuestem gibt es sogar eine Versicherung, die die Installation einer Dashcam vergütet, die permanent den Verkehr aus der Frontscheibe heraus filmt." Ein Algorithmus entscheide dann, ob die Fahrweise als "risikoarm" eingestuft wird oder nicht.

Hier gebe es schon zwei Probleme, sagt die Politikerin: "Einerseits entstehen sehr genaue Bewegungsprofile von Menschen, die viele Rückschlüsse auf ihr Leben zulassen. Das interessiert nicht nur Versicherungen, sondern auch kommerzielle Datenverwerter, zum Beispiel personalisierte Werbung oder Online-Shops, bei denen Preise individuell angepasst werden. Aber auch die Sicherheitsbehörden sind an solchen Daten bestimmt interessiert. Es ist ein weiterer Schritt in Richtung umfassender Überwachung."

Die Daten würden zum Beispiel bei der HUK Coburg für fünf Jahre gespeichert, die individuellen Scores bleiben zehn Jahre bestehen. "Nach fünf Jahren sollen die Daten nicht gelöscht, sondern lediglich anonymisiert und dann unbegrenzt gespeichert werden. Allerdings ist fraglich, wie anonym Daten sind, wenn der genaue Standort mit erfasst wird. Den Wohnort oder die Arbeitsstelle zu ermitteln ist dann zum Beispiel kein Kunststück mehr", so Domscheit-Bergs Hinweis. "Dass solche Daten hochsensibel sind, ist klar. Doch wie sicher sind sie bei den Versicherungen und potentiellen Dritten? In der IT-Sicherheit stellt sich nicht die Frage, ob ein System sicher ist, sondern für wie lange. Denn es werden ständig neue Sicherheitslücken entdeckt, selbst bei gut gewarteten, den aktuellen Sicherheitsstandards entsprechenden Systemen. Datenlecks können also nie 100-prozentig ausgeschlossen werden. Daten, die nicht existieren, können jedoch auch nicht verloren gehen."

Deshalb sei Datensparsamkeit ein sehr wichtiges Thema, erläutert sie weiter. Denn einmal "verlorene" Daten, könnten schlecht wieder aus dem Internet entfernt werden. Selbst wenn 99,9 Prozent der Kopien eines Datensatzes gelöscht wurden, würde eine Kopie genügen, um ihn wieder von neuem in Umlauf zu bringen.

Für einen weiteren problematischen Aspekt hält Anke Domscheit-Berg den Bewertungsalgorithmus. Zwar seien manche Kriterien bekannt - etwa hohe Geschwindigkeit, heftiges Abbremsen, rasche Beschleunigung, starke Kurvenfahrt, sowie Tag, Zeit und Straßenart -, jedoch sei unklar, wie diese bemessen werden und wie genau sie einfließen. "Während die fahrende Person selbst entscheiden kann, ob sie zu schnell fährt, sucht sie sich nicht aus, ob die Strecke zur Arbeit kurvig ist, zu welcher Zeit sie fährt und ob sie dabei an einer besonders riskanten Unfallstelle vorbei kommt. Das halte ich für eine unzulässige Diskriminierung."

Im Fall von Versicherungen sei der Anreiz klar, "wer Geld sparen will, verkauft die eigenen Daten", sagt Domscheit-Berg. Das klinge freiwillig, setze aber Menschen mit geringem Einkommen stark unter Druck. Gerade Fahranfänger/-innen würden besonders hohe Versicherungsbeiträge zahlen und hätten häufig noch kein hohes Einkommen. "Und ob sie am Ende wirklich sparen, ist unklar. Denn wer weiß schon, ob das eigene Fahrverhalten – abgesehen von der zulässigen Geschwindigkeit – den Risikoarmutskriterien der Versicherungen entspricht?"

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