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650 Jahre Dorfgeschichte
Böhne hatte einst zwei Rittergüter

Etwaige Ortslage von Böhne um 1796. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Rittergüter des Ortes im Besitz von Johanna Christina Friederike (Jenny) von Möllendorf, geb. von Briest.
Etwaige Ortslage von Böhne um 1796. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Rittergüter des Ortes im Besitz von Johanna Christina Friederike (Jenny) von Möllendorf, geb. von Briest. © Foto: Repro Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 31.07.2020, 07:15 Uhr
Rathenow/Böhne Wenn man das kleine Haveldorf Böhne heute betrachtet, möchte man kaum glauben, dass sich hier einst zwei Rittergüter befanden und über Jahrhunderte nebeneinander existierten. Bei der urkundlichen Ersterwähnung vor 650 Jahren wird allerdings nur ein Rittersitz genannt. Das zweite Adelsgut entstand nach der Böhner Geschichtsschreibung 1561, also beinahe 200 Jahre nach der amtlichen Erstnennung des Ortes.

Anlass für die Neugründung eines weiteren örtlichen Ritterbesitzes war hier, wie auch aus anderen Dörfern bekannt, eine Erbteilung. An und für sich war eine Erbteilung eines adligen Besitzes zu jener Zeit nichts Besonderes. Doch nicht selten führte eine Teilung zur wirtschaftlichen Schwächung des einstigen Stammbesitzes. Deshalb versuchte der Landadel nur zu oft, durch Erwerb von zusätzlichem Landbesitz dieser Gefahr entgegen zu wirken.

Diese Bemühungen wurden immer wieder mit harten Bandagen und oft zum Nachteil der dörflichen Bauern- und Kossatenschaft geführt. Nicht anders war das seiner Zeit auch in Böhne (heute ein Ortsteil der Stadt Rathenow). Dank der Aufzeichnungen des einstigen Böhner Kantors Ortschronisten Meyer sowie der heutigen Hobbyhistorikerin Heike Brett wissen wir heute mehr darüber, wie dieses Prozedere vor rund 460 Jahren ablief.

Zu Beginn des 15. Jahrhundert wurden Böhne und zahlreiche andere Orte der Region Opfer eines Raubritterüberfalls. Dieser ging, so berichtet die Chronik, noch recht glimpflich für die Gesundheit und das Leben der Einwohner des Dorfes aus. Dafür mussten die ohnehin damals recht armen und ständig um ihre nackte Existenz kämpfenden Menschen üppigen Tribut an die sie überfallenen Quitzow-Raubritter entrichten. Zudem machten in den Folgejahren Wetterunbilden, Überschwemmungen und Missernten den geplagten Dorfbewohnern das Leben zusätzlich schwer.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts brachte die erste Pestwelle Angst und Schrecken in die Dörfer an der Havel. Wenn auch die todbrin­gende Seuche weder vor Arm noch Reich einen Bogen machte, waren es doch überwiegend die armen, in bescheiden Verhältnissen lebenden Menschen, die besonders davon betroffen wurden. In der Folge verloren viele Dörfer der Region eine Vielzahl ihrer Einwohner.

Nicht wenige der 300 bis 500 Jahren zuvor im Rahmen der Kolonisierung im Elb-Havel-Winkel gegründeten Dörfer wurden von den wenigen noch lebenden Bewohnern schließlich aufgegeben und fortan zu Wüstungen. So auch Dersen, der schon immer in vielerlei Hinsicht mit Böhne engverflochtene unmittelbare Nachbarort.

Meyer schreibt: "[dass es] in der Gemarkung um 1560 vier unbewirtschaftete und verfallene Acker- sowie acht Kossatenhöfe gegeben hat. Aus der Hälfte der wüsten Grundstücke 1561 ein neues, weiteres adliges Gut – Der Kleine Hof – entsteht".

Die restlichen Ländereien wurden offensichtlich auf höhere Weisung hin auf die sechs Bauern und zehn Kossaten des Ortes aufgeteilt. Eine anscheinend faire Teilung der wüst liegenden Ländereien zu Gunsten der übrigen Landbesitzer des Dorfes. "Doch die [zusätzlichen] Prästationen (Abgaben, Dienstleistungen) waren im Verhältnis zum [gewonnenen] Besitze sehr hoch bemessen", beklagt Kantor Meyer weiter. Denn die von Briest haben dafür gesorgt, dass ihr neu entstandenes Rittergut von Abgaben und Verpflichtungen gegenüber dem Landesherren in Magdeburg, dem dortigen Erzbischof, weitestgehend entbunden wurde. Diese aber gingen fortan in vollem Umfang ausschließ­lich zu Lasten der anderen Begünstigten der Gemeinde.

Gemäß den Recherchen von Heike Brett gehörten zum "Kleinen Hof", vor 1618 auch noch Besitzan­teile in der Steckelsdorfer Gemarkung, die höchstwahrscheinlich dazugekauft wurden. Diese wurden aber spätestens nach dem Dreißigjährige Krieg an die von Tresckows weiterverkauft.

Wer als erster Herr auf dem zweiten Böhner Rittergut residierte, ist heute nicht bekannt. Nachweisbar ist aber, dass zu der Zeit als Jacob von Briest (1631-1703), Besitzer des "Großen Hofes", die Pläne zur Vertreibung der Schweden aus Rathenow schmiedete, der Rittergutsbesitzer dieses Anwesens Georg Otto von Briest hieß. Er starb im Jahre 1681 in Böhne.

In welchem genauen verwandtschaftli­chen Verhältnis er zu Jacob von Briest stand, konnte bislang nicht ermittelt werden. Ottos Sohn, Bern­hard Friedrich von Briest (er lebte bis 1715), war mit Marie Elisabeth von Bredow aus dem Hause Bredow (1675-1736) verheiratet. Aus der Ehe gingen die Kinder Maria Sophia von Briest (1709-1747) und Friedrich Siegesmund (1707-1756) hervor, der das Rittergut als Erbe weiterführte.

Seine Söhne Gebhard Friedrich Sigismund (geboren 1742) und Friedrich Christoph von Briest verkauften schließlich am 16. Juni 1795 den "Kleinen Hof" an ihre Verwandte Jenny von Möllendorf, geborene von Briest. Sie war die Ur-Ur-Enkelin des Jacob von Briest (siehe BRAWO vom 14. Juni 2020) und brachte die Besitzungen der beiden Briest‘schen Linien in Böhne nach mehr als 230 Jahren wieder zusammen.

Der "Kleine Hof" hatte in der Zeit seiner Existenz nie die Größe und Leistungsfähigkeit des "Großen Hofes" erlangen können. Dieser erreichte nach Heirat des Jacob von Briest mit Ludmilla Katarina von Ribbeck in den Jahren nach 1654 seine größte Ausdehnung. Beide wurden unter maßgeblicher Einflussnahme des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg, zu Herrschern über Nennhausen, Bamme, Lochow, Böhne und Schmetzdorf.

Jennys zweiter Mann, Franz Theodor Ludwig Briesen (1783-1858) führte das vereinte Böhner Rittergut nach 1807 in einen Fideikommiss. Eine damals praktizierte rechtssichere Lösung, die eine Aufteilung des Besitzes auf mehre Personen im weiteren Erbfall ausschloss. Der einstige "Kleine Hof" wurde nach 1810 zum Wohnsitz der Rittergutsfamilie, während der vormalige "Große Hof" zum ausschließlichen Wirtschafts­hof mit Stall- und Lagergebäuden sowie Wohnsitz des Gutsverwalters bestimmt wurde.

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