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Dorfbildprägendes Ensemble wird zur Heimstatt eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts / Schon jetzt vielfältige Vernetzung

Neustart auf dem Prädikower Gutshof

Thomas Berger / 30.06.2017, 06:40 Uhr
Prädikow (MOZ) Seit vielen Jahren liegt der Prädikower Gutshof gewissermaßen im Dornröschenschlaf. Eine Gruppe überwiegend jüngerer Leute will auf dem riesigen Areal im Dorfzentrum jetzt schrittweise ein gemeinschaftliches Wohnprojekt aufbauen. Die Vorarbeiten sind in vollem Gange.

Pause bei einem Arbeitseinsatz, wie sie jetzt schon regelmäßig laufen. Die Anwesenden haben sich in großer Runde am Mittagstisch auf der Hofwiese eingefunden. Beim Essen gibt es eine Kennenlern-Runde. Schließlich sitzen Mitglieder der sogenannten Kerngruppe, die das Projekt federführend vorantreiben, wie auch neue Interessenten am Tisch. Fast alle haben einen Zettel mit ihrem Vornamen auf der Brust kleben.

Alice aus Berlin, das erst vier Wochen alte Töchterchen im Arm, ist von Haus aus Bildhauerin, macht derzeit aber vor allem Requisiten, Kulissen und Modellbau für den Film, wie sie erzählt. "Ich bin auf dem Land aufgewachsen", die Kreuzberger Ecke rund um den "Kotti", also den Kottbusser Platz, sei aber gerade mit Familie nicht das längerfristig gewünschte Lebensumfeld. Und über eine Bekannte, die Goldschmiedin Lou, haben sie und ihr Partner Mathieu von dem Projekt in Prädikow erfahren.

Zurück aufs Land - das wollen die meisten in der Runde. Auch Martin, der zum zweiten Mal dabei ist. Ihn, selbstständiger Autor, vor allem jugendlicher Hörspiele, und seine Freundin, die Fotografin ist, reize das Dörfliche bei gleichzeitiger Nähe zur Großstadt mit ihrem Kulturangebot. Mit dem Gedanken, ein altes Gutshaus zu kaufen, trage sie sich schon länger, berichtet Bettina, zuletzt als Umweltwissenschaftlerin zwei Jahre auf einer Nordseeinsel tätig. Eine Ausbildung als Tierarzthelferin bringt die Interessentin, die erstmals auf dem Hof ist, ebenso mit wie Erfahrungen in Sachen Ökolandbau. "Eine Mischung aus Gemeinschaft und privatem Rückzugsraum", schwebe ihr vor, was andere in der Runde ähnlich äußern.

"Ich bin total begeistert von der Idee, hier eine Art ,Dorf 2.0' aufzubauen", sagt Suse, die in Friedersdorf aufgewachsen ist, noch Familie in Strausberg hat. Gerade für ihren kleinen Sohn will die Informatikerin, die beruflich gerade ins Holzhandwerk wechselt, wieder irgendwie zurück aufs Land. "So ein Projekt würde die ganze Region bereichern", glaubt sie.

Seit dem Vorjahr schon lebt Tine im Dorf, die als Yogalehrerin arbeitet und zum fünfjährigen Sohn bald das zweite Kind erwartet. Dann sind da noch Heidi und Jochen, schon ein wenig älter mit erwachsenen Kindern, die gern noch einmal einen kompletten Neuanfang in so einem Rahmen machen würden. "Nur die Pendelei schreckt uns derzeit ein wenig", sagt sie, die als eine der wenigen aus der Runde angestellt arbeitet, Projektleiterin Bahnsicherungstechnik bei Siemens in Berlin ist. Ehemann Jochen ist zwar Ur-Berliner und Programmierer, hat aber auch mal einen Schmiedelehrgang besucht und damit handwerkliche Erfahrungen einzubringen.

Philipp, selbstständig als Projektmanager und aus Eggersdorf stammender Berliner, gehört zur Kerngruppe. "Als ich das hier erstmals gesehen habe, war sofort die Idee da, es wieder zu einem Lebens- und Arbeitsort aufzubauen", sagt der gelernte Programmierer und Designer, der auch die Initiative "Digitale Regionen" mitorganisiert hat.

Seit rund einem Jahr bastelt die Kerngruppe am Grundkonzept, erklärt Julia Paaß, die mit ihrem Partner Benjamin Schaarwächter bereits seit vier Jahren im Dorf lebt. 300 Besucher habe man neulich zum Hoffest gehabt, "ein gelungener Auftakt für unser Projekt" mit regem Austausch zwischen Prädikowern und potenziellen Neubürgern aus Berlin. Auch aus der Gemeinde gebe es Unterstützung. Bürgermeister Rudolf Schlothauer, Ortsvorsteher Andreas Behnen und Gemeindevertreterin Simona Koß, zudem Landtagsabgeordnete, stünden hinter dem Vorhaben.

Für den ersten Bauabschnitt, Backhaus und Pferdestall, wolle man zügig Nägel mit Köpfen machen, betont sie. Zehn bis zwölf Wohneinheiten seien dort geplant, je nach Bedarf und Größe: "Sind es mehr Familien mit Kindern oder Singles, können es ein bis zwei weniger sein." Insgesamt habe man derzeit rund 100 Interessenten im E-Mail-Verteiler. Wichtig sei jetzt, möglichst bald die Kernprinzipien des Miteinanders festzuschreiben. Denn natürlich müsse es Klarheit über solche Grundlagen geben und es menschlich stimmen, um größere Konflikte zu vermeiden.

Vieles ist vorstellbar, manches noch fernere Zukunftsmusik wie möglicherweise sogar einmal Kita oder gar Schule auf dem Gelände. Tiere werde es aber wohl geben, ebenso einen Permakulturgarten auf dem fruchtbaren Boden der alten Gärtnerei: "Volle Selbstversorgung wird wohl nicht möglich sein." Eine Hof-Gastronomie ist geplant, dazu eine große Küche, auch für Kurse, und eine für das ganze Dorf offene Werkstatt. "Auch einen größeren Backofen haben wir geplant", und Gespräche über einen dörflichen Gemeinschaftsraum laufen bereits.

Diesen Sonnabend wird wieder größerer Trubel herrschen. Dann findet neben einem weiteren Arbeitseinsatz von 14 bis 17 Uhr ein Kinderbasar statt. Getrödelt wird alles von Kinderbekleidung über Spielzeug und Bücher bis hin zu Kinderwagen. Auch Kaffee und Kuchen wird es geben.

Ein weiterer Höhepunkt auf dem Hof soll im Herbst das Oktoberfest des Vereins Prädikower Kultur- und Landleben sein, zu dem es schon gute Kontakte gibt. Zum vergangenen Arbeitseinsatz wurde abends sogar schon "Hofkino" geboten.

Der Gutshof


■ Das Gut Prädikow gehörte zu jenen landwirtschaftlichen Betrieben in Brandenburg, die sich besonders lange in der Verwaltung der Treuhand-Nachfolgerin BVVG befanden. 1998 brach diese ein Bieterverfahren für das gesamte Gut ab. Der Verkauf erfolgte danach in Teilen. Neuer Eigentümer des Kerngeländes, also des historischen Hofensembles mit der Brennerei, war mit Wirksamkeit im Folgejahr Hans Eisel aus Ketzin bei Nauen. Der Weiterbetrieb der Prädikower Brennerei mit 400 000 Litern Brennrecht lief danach aber nur noch eine begrenzte Zeit.
■ 2012 stellte sich Familie Preuß den Prädikowern bei einer öffentlichen Veranstaltung mit ihrem Konzept für die Zukunftsgestaltung des Areals vor. Mehr als 70 Tonnen Abfälle wurden seinerzeit beräumt. Letztlich fehlte den Berlinern, deren Vorstöße für Fördermittel fehlgeschlagen waren, aber das Geld für die Umsetzung ihrer Pläne.
■ Seit Dezember 2016 ist die Stiftung trias, die sich gegen Bodenspekulation engagiert, neuer Eigentümer. Die Umsetzung des Projektes erfolgt wiederum über die 1990 gegründete Selbstbau Genossenschaft in Berlin.

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