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Vor 20 Jahren hatte das Gründerduo den Traum eines Theaters in der Provinz / Jetzt feiert das überaus erfolgreiche Experiment Jubiläum

Jubiläum
20 Jahre Theater am Rand

Thomas Berger / 15.05.2018, 06:45 Uhr - Aktualisiert 05.09.2018, 17:37
Zollbrücke Aus dem Experiment von einst ist eine Institution geworden, die weit über die Ortsgrenzen hinaus im Land bekannt ist. Jetzt feiert das Theater am Rand Jubiläum – für die Protagonisten Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann Anlass, auf 20 bewegte Jahre zurückzuschauen.

Die beiden Theatergründer haben sich für diesen besonderen Sonntagnachmittag als Einstieg und Hauptteil für die Form Tagebuch entschieden. Morgenstern sitzt am Klavier, gerade eine Neuanschaffung aus dem Vorjahr, die den elektrischen Vorgänger ins Magazin verdrängt hat. Webt immer neue Klangteppiche als Untermalung für zwei Jahrzehnte im Zeitraffer, von Rühmann gelesen. Immer drei, vier Sätze, die ein Jahr zusammenfassen, auf den Punkt bringen. Viel zu wenig, um all das abzubilden, was sich da im Einzelnen abgespielt hat an Pläneschmieden, Alltagsgeschäft, Problemlösen. Und doch genug, um nicht nur bei den altgediente Stammgästen viele eigene Erinnerungen zu wecken, sondern auch den erst in jüngster Zeit dazu gestoßenenen Theaterfreunden einen Eindruck dieser bemerkenswerten, nicht immer geradlinigen und durchaus hürdengespickten Entwicklung zu geben.

Zwei Männer, ein Traum. Der lange in Provisorien verharrte. „Das Unvollendete im Unvollkommenen“, wie es an einer Stelle heißt. Zunächst Morgensterns Wohnzimmer, gerade mal 32 Gästen Platz bietend, die Bühne spartanische drei mal drei Meter messend. Im Jahr zwei bereits geht es im Sommer raus auf die Wiese. „20 Musiker, doppelt so viele wie Zuschauenden, die auf Campingstühlen sitzen“, so eine der szenischen Beschreibungen. Nicht mal ein Telefon gibt es anfangs, wird später noch ergänzt. Weshalb die Zwischenlösung gefunden wird, die Ticketbuchung über einen Freund in der Schweiz laufen zu lassen. Was schon bei der sprachlich ungewohnten Begrüßung manche Anrufer zweifeln lässt, wo sie denn da gelandet sein mögen ...

Die größte Mangelware ist lange Zeit Platz. Schon in Jahr drei wird erweitert. Erster Umbau auf 50, dann ein weiterer auf 70 Plätze. Und immer noch nicht genug. Sommers draußen auf der Wiese sind es bald 400 Menschen, in Jahr sieben schon 600. Und die Idee des neuen Hauses wird geboren und umgesetzt. Jahr acht mit Bauarbeiten, „Errichtung der Portale bei 20 Grad Minus“. Sie immer noch im Altbau laufenden regulären Spielbetrieb – denn gespielt wird immer. Immerhin ist mit dem fertiggestellten Neubau im Folgejahr nun Platz für 200 Leute, die Bühne groß. Die Theatermacher freut’s, mancher Zuschauenden trauert noch kurz dem früher so Beengten hinterher. „Keiner konnte umfallen, keiner konnte frieren“, meint später ein Stammgast dazu.

Was bleibt, ist das Familiäre. Auch als das Schiff draußen im Hof seinen Ankerplatz findet, in Jahr zwölf die „Randthemen“ im stetig umfangreicher werdenden Programm ihren Platz finden. Durchaus kontroverse Gesprächsrunden zu Windkraft, Glyphosat, anderen Aufregern. Ein weiteres Indiz dafür, das Kultur hier nicht nur Selbstzweck zur Unterhaltung ist, sondern es um das Erzeugen von Nachdenklichkeit, die Einmischung in gesellschaftliche Debatten geht. Preise werden den beiden Protagonisten zwischenzeitlich zuteil, darunter der Brandenburgische Verdienstorden. Und baulich kommt noch die Randwirtschaft dazu, die nun vor und nach dem Bühnenerlebnis schöne Einkehrmöglichkeit bietet.

Später sitzen sie vorne zu dritt, wälzen weitere Erinnerungen. Almut Undisz, inzwischen Geschäftsführerin des Theaterbetriebs, stieß frühzeitig als wichtigste ständige Stütze zu den beiden. Natürlich verweist das Trio auf das erste „Vorstellungsbuch“, erschienen 2009, und das zweite, ganz frisch erschienen, mit dem Untertitel „Magische Bilder – Wildes Denken“. Künstlerin Antje Scholz aus der erweiterten Nachbarschaft im Oderbruch, „eine Meisterin der Collage“ (Undisz), hat das Gros der Arbeit gehabt, 36 000 über die Jahre gesammelte Fotos gesichtet, eine Auswahl aufbereitet, liebevoll arrangiert. Den „Bildern zum Zwanzigsten“ sollen nun noch passend dazu in Band drei Geschichten folgen. Die Journalistin Gabriele Gillen hat das in der Hand, die schon jetzt Vor- und Nachwort beisteuerte.

Das Theaterteam ist mit den Jahren ebenso wie der Gebäudekomplex gewachsen. Weitere Kollegen kamen zu dem Trio dazu, heute sitzen bei den Betriebsversammlungen 15 bis 20 Leute, wie Morgenstern erzählt.

Ausruhen auf dem Erreichten? Das gibt es auch nach 20 Jahren nicht. Sondern neue Pläne, kurz- und langfristig. Am 8. Juni hat „Die Glut“ Premiere, eine Produktion zum Jubiläum. Am 10. Juni dann steht das nächste „Randthema“ an – Titel „Glyphosat am Rand der Vernunft“.

Höhepunkte 2018

■ 1./2. Juni: OderKurz-Filmspektakel

■ 21. Juli: „Gletschertheater“, zehn lesende Schauspieler und ein Streichquartett

■ 4. August: „Oderton“ – junge Musik über alle Genregrenzen

■ 7. September: Premiere „Unter W@asser“

■ 28. September: Premiere „Gier. oder Unterm Birnbaum“

■ 3. Oktober: Liederfest mit bekannten Liedermachern

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