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Was macht die Identität der Kurstadt aus? Einwohner und Kurgäste berichten, wie sie Bad Freienwalde wahrnehmen

Kurstadt
Eine Perle, die entstaubt werden muss

Kathrin Meyer / 17.05.2018, 06:00 Uhr - Aktualisiert 16.05.2018, 21:57
Bad Freienwalde Was ist eigentlich Bad Freienwalde? Wer lebt hier? Was will die Stadt sein? Kurstadt oder Ausflugsziel? Tausch-Reporterin will es im Gespräch mit den Bewohnern herausfinden. Eine Suche nach der Identität der brandenburgischen Kleinstadt.

„Bad Freienwalde ist Segen und Fluch zugleich“, sagt Leo Koch. „Hier kennt wirklich jeder jeden.“ Der 22-Jährige ist hier aufgewachsen. Aus seinem Abiturjahrgang war er einer der wenigen, die geblieben sind. Nur für einen Teil seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann hat Koch in Berlin gewohnt. Viele seiner Freunde wollen aber nach dem Studium auch zurückkommen. Auch Koch wird ab Herbst ein Lehramtsstudium beginnen, danach will aber auch er wieder in die Heimat. „Ich bin eben ein Dorfkind und gehöre hier hin“, sagt er. Berlin sei ihm zu groß. Hat Bad Freienwalde überhaupt etwas für junge Menschen zu bieten? „Sportvereine sind gefragt“, sagt Koch. Wenn der SV Jahn in der Brandenburgliga Handball spiele, dann sei das immer ein Ereignis. Viele würden zur Musikschule gehen und dort im Jugendorchester spielen. Aber auch er sagt: Ein bisschen was hat sich verändert, aber der Stadtkern ist noch immer wenig attraktiv.“

Geöffnete Cafés sucht man in der Königstraße besonders am Wochenende – wenn man Zeit hat, dort zu sitzen, vergeblich. Das Freienwalder Schloss thront still über der Stadt. Auch auf den ausgespülten Wegen im Schlosspark ist bei bestem Wetter niemand unterwegs. Die Beete sind eher notdürftig bepflanzt. Einladend sieht anders aus. „Hier steht alles perfekt, und es wird einfach nicht genutzt“, kritisiert der Filmemacher Eberhard Görner. Früher sei die Stadt ein kultureller Leuchtturm gewesen, jetzt habe man dem Leuchtturm die Lampe ausgeknipst. Görner sieht das Problem vor allem in der fehlenden Initiative der Stadt. Eigentlich sei er immer optimistisch, mit Blick auf Bad Freienwalde hat er wenig Hoffnung.

„Ich verstehe nicht, dass alle immer nur schimpfen“, sagt hingegen Susan Mücke. Die 42-Jährige treffe ich im Café Blaue Zwiebel im Kurviertel, das sie neben dem Bruchware-Laden betreibt. 2010 ist Susan Mücke aus Berlin hierhergezogen und hat es nie bereut. Ihr Ehemann habe familiäre Verbindungen in die Kurstadt gehabt. Seit 2012 betreibt Mücke dort den früheren Kiosk als Café. Villen aus unterschiedlichen Epochen reihen sich hier aneinander. Aber im Gegensatz zum Stadtkern scheint die verschlafene Kurstadt plötzlich aufzuwachen. Man hat das Gefühl, man ist nicht mehr in der brandenburgischen Provinz. In ihrem Bruchware-Laden in der Königstraße ist ein bisschen großstädtisches Flair zu spüren. Hier mischen sich die Generationen und bestellen Kurkuma-Latte ebenso selbstverständlich wie das beliebte Softeis mit unterschiedlichen Toppings. Auch wenn der eine oder andere erstmal nachfragen muss, was das denn eigentlich ist. „Ich glaube, dass Bad Freienwalde gerade im Trend wird“, sagt Mücke. „Ein bisschen wie eine Perle, die noch entstaubt werden muss.“ Der Berliner Speckgürtel sei überlastet und die Leute würden also noch weiter raus ziehen.

Dr. Limburg Hardy ist Chefarzt an der Bad Freienwalder Kurklinik. Er pendelt von Bernau aus in die Kurstadt. „Aus meiner Sicht hat Bad Freienwalde Potenzial“, sagt der 56-Jährige. Natürlich falle der ein oder andere Leerstand unübersehbar ins Auge, aber die Bemühungen sind da. Die Uhren würden vielleicht langsamer ticken als in Berlin, aber das sei nicht verkehrt.

„Von der Stadt habe ich noch nichts gesehen“, sagt Krista Krakau. Die 77-jährige Berlinerin ist seit Anfang Mai zur Reha hier. Als Kurgast komme man vom Moorbad kaum weg, gerade wenn man mit Krücken unterwegs sei. Besuchen könne einen hier auch niemand – zumindest, wenn er kein Auto hat. „Meinen Freunden habe ich schon gesagt, die brauchen gar nicht herkommen“, sagt Krakau. Der Weg vom Bahnhof zur Klinik sei zu weit. Aber die Rentnerin genießt ihren Aufenthalt in Brandenburg. Ich hab Glück mit dem Wetter.“

Auch für mich ist nach wenigen Tagen die Trennung von Kurviertel und Stadtkern unübersehbar. Fast spöttisch untermalt durch die unübersehbare Brücke der Bundesstraße. Das seit Jahren umstrittene Politikum bleibt auch Fremden nicht verborgen. Die Kurgäste im idyllischen Ambiente auf der einen Seite, auf der anderen Seite der Innenstadtkern, der es bisher nicht geschafft hat, der Tristesse zu entfliehen.

Das Herz der Stadt ist die Königstraße, ist in der Broschüre der Touristinformation zu lesen. Und weiter: Die umliegenden schmucken Cafés und hübschen Boutiquen laden zu einem Stadtbummel ein. Doch auch ein Abbiegen in die Nebenstraßen lohnt sich. Diese Sätze kommen mir beim Gang durch die Stadt immer wieder in den Kopf. Wer Bad Freienwalde kennt, für den muss diese Beschreibung schlichtweg wie Ironie klingen. „Zum Einkaufen muss man nach Berlin fahren“, heißt es auf der Straße. Man ist sich einig: „Hier gibt’s doch nichts.“

Das stimmt so nicht: Denn es gibt sie, die Ecken, für die es sich lohnt zu kommen und die, die Stadt ausmachen. Die Stille im Kurpark und die unberührte Natur in den umliegenden Wäldern gehören zur Identität von Bad Freienwalde. Auch die Versuche Einzelner, die verschlafene Kurstadt mit städtischem Flair zu beleben, bereichern die Kleinstadt. Wenn sich die verstaubte Perle in den nächsten Jahren entwickelt, dann könnte es klappen. Was fällt dann nämlich den Berlinern als Ausflugsziel für gestresste Großstädter ein? Richtig: Bad Freienwalde.

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