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Gefangene der JVA Wriezen können sich über künftige Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten informieren

Bildung
Bewerbertag hinter Gittern

Im Gespräch: Claudia Müller, Koordinatorin des Projekts „Haftvermeidung durch soziale Integration“, tauscht sich beim Bewerbertag an der JVA Wriezen in einer Pause mit Ausbilder Thomas Lehmann von der BUG Verkehrsbau AG aus.
Im Gespräch: Claudia Müller, Koordinatorin des Projekts „Haftvermeidung durch soziale Integration“, tauscht sich beim Bewerbertag an der JVA Wriezen in einer Pause mit Ausbilder Thomas Lehmann von der BUG Verkehrsbau AG aus. © Foto: Anett Zimmermann
Anett Zimmermann / 15.08.2018, 06:00 Uhr
Wriezen (MOZ) Wriezen. Bewerbertage für junge Leute sind an sich nichts Besonderes. In der Justizvollzugsanstalt Wriezen aber schon. Dort konnten sich Gefangene am Dienstag erneut über Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten nach ihrer Entlassung informieren.

Thomas Lehmann, Ausbilder der BUG Verkehrsbau AG, ist das erste Mal beim Bewerbertag in der Justizvollzugsanstalt Wriezen (JVA) dabei. Besonders vorbereitet habe er sich darauf nicht, sagt er und ist teils angenehm überrascht: „Die jungen Männer machen hier alle etwas.“ Der Berufsbildungsverein Eberswalde (BBV), der den Bewerbertag in der JVA organisiert, betreut dort seit 2004 auch die Berufsvorbereitung und den praktischen Teil der Berufsausbildung in den Bereichen Farbe/Holz sowie Bau/Galabau. „Viele der Gefangenen haben aber nicht einmal einen Schulabschluss“, macht Ines Schirmer auf ein weiteres Problem neben der Haftstrafe aufmerksam. Sie ist beim BBV als Bildungsbegleiterin tätig und stimmt sich regelmäßig mit der zuständigen Lehrerin an der JVA nicht nur für die Erstgespräche ab. Auch von der Agentur für Arbeit würden jeden Monat Beratungen angeboten.

Sie ist an diesem Tag ebenso beteiligt wie das Jobcenter, die Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg sowie die Handwerkskammer Frankfurt (Oder)-Region Ostbrandenburg. Deren Vertreter Dirk Konzer allerdings empfiehlt, künftig stärker auf die Herkunftsorte der jungen Männer zu schauen. Diesmal würden fast alle aus der Potsdamer Ecke stammen. „Da kann ich nur allgemeiner informieren, meine Kontakte zu hiesigen Firmen nützen mir nur wenig.“ Einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, sei heute meist jedoch kein Problem mehr, sagt Ines Schirmer und verweist auf die gute Zusammenarbeit mit einer Zeitarbeitsfirma. Komplizierter sei es, bezahlbaren Wohnraum zu finden. „Kleine Wohnungen sind ja ohnehin rar.“

Sie freue sich über jeden, der es schafft, nach seiner Entlassung aus der JVA straffrei zu bleiben. Doch die Rückfallquote sei hoch. „Oft fehlen Bindungen, etwa an die Eltern oder eine Freundin. Da reicht unsere Nachbetreuung einfach nicht aus und sind manchmal auch die an sich aufgeschlossenen Firmen überfordert.“ Hinzu komme, dass nicht wenige Gefangene ein Suchtproblem haben. „Viele Straftaten geschehen unter Drogeneinfluss.“ Über die Diakonie gebe es Gruppen- und Einzelangebote in der JVA und sei zum Teil auch eine stationäre Therapie noch während der Haftzeit möglich, aber entsprechende Angebote könnten natürlich auch nach der Entlassung genutzt werden. „Die jungen Männer sollen wenigstens wissen, wohin sie sich wenden können.“

Mit zwei Mitarbeitern des BBV üben die Gefangenen an diesem Tag zudem die Telefonbewerbung. „Sie scheuen oft davor, zum Hörer zu greifen“, sagt Ines Schirmer. Neben den Teilnehmern aus den beiden Ausbildungsbereichen in der JVA können am Nachmittag auch Gefangene aus dem Hafthaus den Bewerbertag nutzen.

Ralf Krautmann vom BBV ist Ansprechpartner der Anlauf- und Beratungsstelle Wriezen im Rahmen des Projekts „Haftvermeidung durch soziale Integration“. Dabei handele es sich um ein brandenburgweites Netzwerk, das auch ambulante Maßnahmen wie zum Beispiel ein Anti-Gewalt-Training vermitteln kann. Er lobt die direkte und enge Zusammenarbeit mit der JVA und sieht das Thema Wohnen als großes Problem: „Viele der Gefangenen sind aus meiner Sicht nicht wohnfähig, auch weil sie bisher noch nie eine eigene Wohnung hatten.“

Martin Falk, Sozialpädagoge beim BBV, macht diesmal Bewerbungsfotos und hat noch extra Oberhemden besorgt. Fotos seien zwar oft nicht mehr erforderlich, aber von den Arbeitgebern doch gewünscht. Dass einige der Gefangenen herumalbern oder keine Lust haben, sieht er gelassen. „Da unterscheiden sie sich in Nichts zu ihren Altersgefährten draußen.“ Und auch Thomas Lehmann lässt sich durch nichts beirren und erst in der Pause durchblicken, dass er einen der jungen Männer gern mal auf eine Gleisbaustelle mitgenommen hätte. „In dem Leben ist schon so viel schiefgelaufen, aber mit guter Arbeit lässt sich immer gutes Geld verdienen.“ Vor allem könne man dann bestimmt auch ruhiger schlafen.

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