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Erschütternde Aussagen behandelnder Ärzte vor dem Amtsgericht / Mutter und Stiefvater auf der Anklagebank

Prozess
„Das Kind schwerst misshandelt“

Ein Richter im Gerichtssaal das Strafgesetzbuch (StGB) in der Hand.
Ein Richter im Gerichtssaal das Strafgesetzbuch (StGB) in der Hand. © Foto: Oliver Berg
Nadja Voigt / 14.12.2018, 07:30 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) Ein besonders erschütternder Fall wird derzeit vor dem Amtsgericht Bad Freienwalde verhandelt. Auf der Anklagebank sitzen die Mutter eines kleinen Mädchens und ihr früherer Lebensgefährte. Und müssen sich wegen Misshandlung verantworten.

Für alle Anwesenden sind die Ausführungen der Sachverständigen schwer zu ertragen: Sie hat das kleine Mädchen untersucht. Und dabei festgestellt, dass ihm beide Ober- und Unterarme gebrochen wurden. „Das ist nichts, was aus Versehen passiert“, konstatierte die Fachärztin und stellvertretende Leiterin der Gewaltschutzambulanz an der Berliner Charité. Und gab zu Protokoll, dass schwer psychisch auffällige Kind massivster Gewalt zum Tatzeitpunkt im Jahr 2016 ausgesetzt war.

Wer dem Kleinstkind das angetan hat, versucht das Amtsgericht derzeit zu klären. Bisher gab es zwei Sitzungstermine, die insgesamt fast zehn Stunden dauerten. Zwei weitere Termine wurden nun bereits festgesetzt. Dabei sollen weitere Zeugen vernommen werden.

Nun aber gab der Richter der angeklagten Mutter letztmalig die Chance, die Wahrheit zu sagen. Dem Tatgeschehen kam man in dieser Woche beim zweiten Gerichtstermin jedoch auch nicht näher. Die Mutter sagt aus, ihr früherer Lebensgefährte habe dem Kind Gewalt angetan. In einem Nachbarzimmer, das zu betreten er ihr verboten habe. Wie sie in der ersten Verhandlung berichtete, habe er sie massiv unter Druck gesetzt. Habe Erziehungsaufgaben an der Tochter übernommen. Vor allem sei es dabei um die Windelentwöhnung gegangen. Aber anscheinend auch um Macht und Dominanz, Isolation wie die Mutter des Mädchens immer wieder zitternd und weinend, manchmal schreiend berichtet. „Er wollte uns beweisen, dass wir bekloppt sind.“

Immer wieder wurden dem Kind Haare ausgerissen, hatte es blaue Flecke. „Aber ich hatte nie einen Beweis“, versucht sich die Mutter zu rechtfertigen. Nach einer kurzzeitigen Trennung und einer Kur, bei der Mutter und Kind drei Wochen allein an der Ostsee waren, eskalierte die Situation anscheinend. Zum Kinderarzt ging die Mutter jedoch erst, das legen die Untersuchungen in Berlin-Buch nahe, zwei Wochen nach dem Gewaltexzess. Mit einer Lüge wandte sich die Mutter an den Kinderarzt. „Sie behauptete, ihre Tochter habe sich beim Toben im Bett verletzt“, erinnert sich der damals behandelnde Kinderarzt, der nun als Zeuge vor Gericht aussagte. Da das Ausmaß der Verletzungen so groß war und „offensichtlich war, dass das hinterfragt werden muss“ habe er Mutter und Kind in die Kinderschutzambulanz geschickt. Dort wurde das damals zweijährige Mädchen eingehend untersucht. „Es war klar“, schilderte die Sachverständige nun vor Gericht, „dass sie über einen längeren Zeitraum negative Erfahrungen gemacht hat.“ Und: „Das Kind war schwerst misshandelt worden.“ Die kleine Patientin habe keinerlei Schmerzreaktion gezeigt. Und das mit beidseits gebrochen Unter- und Oberarmen, die seit Wochen unbehandelt waren. Und mit denen sie nicht mal mehr einen Trinkbecher halten konnte.

„Sie hat anscheinend gelernt, keinen Schmerz zu zeigen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen.“ Eine typische Reaktion von vernachlässigten und misshandelten Kindern. Auf Nachfrage des Richters sagte die Pathologin, dass die Brüche alle zum gleichen Zeitpunkt entstanden seien. „Durch brechen über eine Kante, massives gegeneinander verdrehen. Oder Fußtritte.“ Die Aussage, das Kind habe sich zudem die Haare selbst ausgerissen, wies sie als reine Schutzbehauptung der Angeklagten zurück. Von denen äußert sich bislang nur die Mutter des Mädchens. Über Stunden und zum Teil vom Blatt ablesend. Ihr früherer Lebensgefährte schweigt.

Die Mutter, so die Sachverständige weiter, sei nicht in der Lage gewesen, ihr Kind zu schützen. Zudem habe sie sich nicht als fürsorgliche, sondern als überforderte Mutter wahrgenommen. „Panisch, fast so wie vorhin bei der Befragung des Richters.“

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