Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Julian Muckel vom Verein Opferperspektive beobachtet Prozesse an Gerichten und begleitet Geschädigte und Nebenkläger zu Prozessen.

Gewalttaten
"Ein Angriff auf jeden einzelnen ist ein Angriff auf uns alle"

Berater für Betroffene rechter Gewalt: Julian Muckel vom Verein Opferperspektive
Berater für Betroffene rechter Gewalt: Julian Muckel vom Verein Opferperspektive © Foto: Verein
Nadja Voigt / 06.11.2019, 06:00 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) Im Jahr 2015 griffen mehrere Männer nach dem Feuerwehrfest in Bad Freienwalde drei Personen an und verletzte diese zum Teil schwer. Im April 2019 fiel, wie diese Zeitung berichtete, das Urteil: Drei der Angreifer wurden verurteilt. Nun steht am Freitag ein zweiter Prozess gegen einen weiteren Mittäter an. Wieder dabei: der Verein Opferperspektive. Ein Gespräch über die Arbeit mit Betroffenen rechter Gewalt mit Berater Julian Muckel.

Herr Muckel, wen begleitet der Verein und warum?

Opferperspektive berät und unterstützt Menschen, die rechte Gewalt erfahren haben. Häufig sind das Personen, die aus rassistischen Motiven angegriffen wurden. Im Rahmen unserer Tätigkeit bieten wir Betroffenen von rechter Gewalt psychosoziale Beratung an. So kann aus der Beratung resultieren, dass wir ins Krankenhaus, zur Polizei, zu Anwälten oder zu Gerichtsterminen unterstützend begleiten. Wir wollen die Menschen nicht allein lassen und stellen uns an ihre Seite, um den Tätern und der Gesellschaft zu zeigen: Ein Angriff auf jede einzelne Person ist immer auch ein Angriff auf alle, die in einer freien, gleichberechtigten und vielfältigen Gesellschaft leben wollen.

Wenden sich die Opfer an Sie oder umgekehrt?

Beides ist möglich. Betroffene können sich direkt an die Berater in ihrer Region wenden oder wir erfahren über Kooperationspartner vor Ort über Vorfälle. In vielen Städten und Orten gibt es engagierte Menschen, die von Angriffen erfahren und den Kontakt zu den Betroffenen an uns vermitteln. Darüber hinaus recherchieren wir täglich in der Presse nach rechten Angriffen und versuchen, Kontakt zu den Betroffenen aufzunehmen.

Wie viele Fälle begleiten Sie brandenburgweit?

Im Vorjahr haben wir in 116 Fällen beraten. Hierbei handelt es sich sowohl um Beratungen zu Angriffen aus dem Jahr 2018 als auch aus den Vorjahren. Häufig zieht sich der Beratungsprozess über einen längeren Zeitraum, da der Angriff und die daraus resultierende Traumatisierung einen schwerwiegenden Einfluss auf das Leben der Betroffenen haben. Erschwerend ist es für sie, dass die juristische Aufarbeitung zum Teil mehrere Jahre dauert. So findet etwa die jüngste Prozessbegleitung in Bad Freienwalde zu einem Angriff aus dem Jahr 2015 statt.

Welche Bandbreite an Fällen betreuen Sie?

Die ist so facettenreich wie das gesellschaftliche Phänomen von rechter Gewalt grundsätzlich. So beraten wir etwa Betroffene eines Brandanschlages auf eine Geflüchtetenunterkunft. Oder alternative Jugendliche, die von Neonazis aufgrund ihrer Kleidung angegriffen wurden. Ebenso beraten wir ein schwules Pärchen, das sich als solches erkenntlich in der Öffentlichkeit aufhielt und hierdurch ein Feindbild für anwesende Rechte darstellte.

Wie war der Eindruck des mehrtägigen Verfahrens im April dieses Jahres am Amtsgericht Bad Freienwalde?

Nach der Tat waren die Betroffenen vor Ort einem Klima ausgesetzt, in dem sie alltäglich immer wieder mit den Tätern konfrontiert wurden und Folgedrangsalierungen ausgesetzt waren, ohne dass sie den Eindruck hatten, Hilfe von der örtlichen Polizei zu erhalten. Durch die engagierte Arbeit der Nebenklageanwälte konnten im Rahmen des Prozesses viele Tatumstände angemessen aufgearbeitet werden. Darüber hinaus begrüßen wir sehr, dass der Vorsitzende Richter das politische Motiv der Tat in der Urteilsverkündung dezidiert benannt hat. Trotzdem ist die Höhe des Urteils für die Betroffenen zu milde in Anbetracht der schwerwiegenden Tat und daraus resultierenden Tatfolgen. Retrospektiv zeigt uns die Aufarbeitung bedauerlicherweise, wie notwendig unsere Arbeit derzeit noch in Brandenburg ist.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG