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Kunst in Corona-Zeiten
Paradoxe Skulptur zum Abstand halten

Während des Arbeitsprozesses: Die derzeitige Weisung zum Abstand halten zur Eindämmung des Corona-Virus war die Inspiration für Wolfgang Stübners Holzskulptur, die ein Paar beim Tangotanz zeigt, der eigentlich für körperliche Nähe bekannt ist.
Während des Arbeitsprozesses: Die derzeitige Weisung zum Abstand halten zur Eindämmung des Corona-Virus war die Inspiration für Wolfgang Stübners Holzskulptur, die ein Paar beim Tangotanz zeigt, der eigentlich für körperliche Nähe bekannt ist. © Foto: Wolfgang Stübner/privat
Jacqueline Westermann / 24.03.2020, 20:28 Uhr
Wilkendorf (MOZ) In einigen Facebook-Gruppen aus der Region um Bad Freienwalde geistert derzeit eine Fotografie einer Holzskulptur des Bildhauers Wolfgang Stübner umher. Der Titel: Abstand halten. Die Skulptur: aneinander gepresste Tango-Tänzer. Wie passt das zusammen?

Am Telefon erklärt es der 70-jährige Künstler aus Wilkendorf. Letzteres betont er übrigens sehr deutlich – offiziell sei Wilkendorf zwar ein Ortsteil von Altlandsberg, doch für Stübner ist Wilkendorf alleinstehend ein bedeutsamer Ort, nicht nur aufgrund der Historie. Diese Überzeugung könne die damalige kommunale Gebietsreform unter Jörg Schönbohm ihm nicht zunichte machen.

Die Idee, ausgerechnet den Tangotanz als Motiv für sein neustes Werk zu wählen, hatte Stübner eigentlich schon länger. "Ich habe eine alte Skizze rausgewühlt. Die Idee selber entstand nämlich schon, als vor ein paar Jahren eine Pappel von Forstarbeitern abgeschnitten wurde und die mir daraus eine acht Zentimeter starke Bohle zugeschnitten haben", erzählt der Bildhauer. Der Plan für die reliefartige Skulptur war also nicht neu, sondern schlummerte in einer Schublade. Doch das ganze als Paradoxon zum derzeitig notwendigen Abstandhalten zu kreieren, kam natürlich erst mit der gegenwärtigen Situation, der sich ausbreitenden Corona-Pandemie und daraus folgenden Auflagen.

Stübner wollte in diesen schweren Zeiten einen Beitrag wie andere auch leisten, aber eben auf seine Art und Weise. "Ein Künstler arbeitet aus dem Bedürfnis heraus, sich auszudrücken." Verärgert äußert er sein Unverständnis gegenüber denjenigen, die meinten, sie müssten nach wie vor Party machen und sich dem Ernst der Lage offensichtlich nicht bewusst seien. Der einfache Beitrag, den alle leisten könnten, sei Abstand zu halten. So hätte die Skulptur den Titel bekommen. Wie lange er genau an der Skulptur gewerkelt habe, wolle er aber nicht verraten, erzählt Stübner lachend am anderen Ende der Leitung. Wie lange Künstler an Kunstwerken arbeiteten, darüber würden sie grundsätzlich nicht reden, meint er. Aber dass diese neue Kreation aus Pappelholz gefertigt wurde und zwischen zwei und 2,20 Metern hoch ist, erzählt er ohne Einwände.

Holz statt Stein

Stübner ist mit Herz und Seele Bildhauer. "Schon vor der Wende bin ich in die Kunst gewechselt", erzählt der Wilkendorfer. Er habe sein Hobby zum Beruf gemacht. Vor allem die Unabhängigkeit, die mit dem Bildhauerdasein einhergehe, habe er bislang immer geschätzt. Es ermögliche ihm, sich ganz individuell auszudrücken. "Über das Material definiere ich mich, es kommt meinem persönlichen Zustand entgegen", erklärt der Bildhauer. Am meisten Freude bereite ihm das Arbeiten mit Holz. Hin und wieder auch Keramik, aber auf das Werkeln mit Stein habe er gar keine Lust. Holz lasse sich nämlich – anders als Stein – schnell formen.

Für Stübner ist es trotzdem derzeit nicht leicht: Er musste den weit über die Region hinaus frequentierten "Kunstmarkt im Grünen" absagen, der eigentlich am 1. Mai stattfinden sollte. Das schmerzt ihn vor allem für die über 70 kunstschaffenden Teilnehmer, die er informieren musste – für die wiederum Absagen derartiger Veranstaltungen dieser Tage leider nichts Neues seien. "Die Kunst geht den Bach runter. Die meisten sind Freigeister, aber Geringverdiener. Diese Situation trifft sie", sagt der Bildhauer traurig. Auch er hoffe, dass er die Skulptur verkaufen könne. Im nächsten Atemzug fasst er sich jedoch wieder und sagt: "Respekt und Optimismus brauchen wir jetzt." Deswegen hat er den Nachholtermin für den Kunstmarkt für den 5. September angesetzt.

Unterstützung für Solo-Selbstständige

Ab heute soll in Brandenburg ein Soforthilfeprogramm mit insgesamt 7,5 Millionen Euro für Klein- und Kleinstunternehmer, zu denen auch Kunstschaffende gehören, ausgezahlt werden, teilte der Wirtschaftsminister des Bundeslandes, Jörg Steinbach (SPD), am vergangenen Donnerstag mit. Auch die Bundesregierung plant Milliardenhilfen für Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmen. ⇥jw

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