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Corona-Krise
Hebammen helfen in Märkisch-Oderland weiter aus

In anderen Zeiten: Im vergangenen Jahr konnte Hebamme Simone Heyer (r.) zum Hausbesuch bei Nancy Ritter, mit Amély auf dem Arm, und Andrej Kolew kommen. In Corona-Zeiten muss sie ihre Arbeitsweise anpassen.
In anderen Zeiten: Im vergangenen Jahr konnte Hebamme Simone Heyer (r.) zum Hausbesuch bei Nancy Ritter, mit Amély auf dem Arm, und Andrej Kolew kommen. In Corona-Zeiten muss sie ihre Arbeitsweise anpassen. © Foto: Anett Zimmermann
Jacqueline Westermann / 26.03.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 26.03.2020, 08:57
Bad Freienwalde (MOZ) Schwierig. So beschreibt Simone Heyer, Hebamme aus Bad Freienwalde, die derzeitige Situation. Das alltägliche Leben lässt sich zu Zeiten einer Pandemie vielleicht einigermaßen kontrollieren, doch Kinder kommen weiterhin auf die Welt, sodass Hebammen, wie so viele andere Helden des Alltags, sich der derzeitigen Situation anpassen müssen. Vom Gesundheitsamt oder Amtsarzt des Landkreises Märkisch-Oderland habe sie noch keine Vorgaben erhalten, ob sie sich in Corona-Zeiten anders zu verhalten habe. "Ich halte mich deswegen jetzt an die Hinweise des Hebammenverbandes und des Bundesministeriums für Gesundheit", erklärt Heyer am Telefon.

"Die normale Standardhygiene, die ich sowieso mache, ist ja schon sehr intensiv – und die halte ich natürlich gerade jetzt weiter ein", erzählt die 46-Jährige. Und dennoch würden die Hinweise des Verbandes und Ministeriums ihre Arbeit derzeit gravierend verändern: "Ich arbeite jetzt ausschließlich mit Handschuhen und Mundschutz." Alle Besuche, die medizinisch nicht zwingend notwendig seien, hätte sie zunächst auf nach Ostern verschoben oder – wo möglich – nimmt sie stattdessen ein telefonisches Gespräch vor.

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Die Anordnung zu Versammlungen und Gruppenveranstaltungen haben auch Auswirkungen: Heyer musste den Vorbereitungskurs, der diese Woche beginnen sollte, absagen. Derzeit plane sie, den Inhalt statt in einer Kurs- in einer Einzelbetreuung zu vermitteln. "So können wir wichtige Fragen noch klären und auch die Atemgeschichte nochmal durchgehen. Bei einigen Frauen ist es ja das erste Kind." Ihren Rückbildungskurs, den sie ursprünglich nach draußen verlegen wollte, um die Abstandsvorschriften einzuhalten, hat sie nun aber ebenfalls abgesagt. "Gott sei Dank waren wir sowieso schon fast fertig mit dem Kurs", sagt Heyer.

Zu wenige Hebammen in Märkisch-Oderland

Allgemein schätzt Simone Heyer die Hebammen-Situation im Landkreis als schlecht ein, vor allem "dadurch, dass wir viel zu wenige vollberufliche Hebammen in der Region haben." Es gebe zwar unheimlich viele freiberufliche Hebammen; die meisten davon würden jedoch nur ein bis zwei Wochenbett-Betreuungen im Monat übernehmen. Letztes Jahr allein im Dezember hätten mehr als 30 Mütter oder werdende Mütter Heyer kontaktiert – nicht zu schaffen für eine Person. Auch dieses Jahr ist ihr Terminkalender schon fast bis Oktober voll.

Auch sehr schwierig sei die Lage hinsichtlich von Kurs-Hebammen, also die die Vorbereitungs- oder Gymnastikkurse für Schwangere anbieten würden. Es lohne sich schlichtweg finanziell nicht, erklärt Heyer. Im Schnitt verdiene man mit diesen Kursen 7,50 Euro brutto. Davon Kursraum-Miete zu zahlen sowie die ausreichende Hygiene garantieren zu können, sei fast nicht machbar. Der finanzielle Faktor sei ein großes Manko des Berufsbildes, schließlich wüssten auch Laien um die hohen Haftpflichtgebühren für Hebammen. "Dieses Jahr waren das bei mir 11 000 Euro. Das ist fast unmöglich, wieder reinzubekommen."

Sie schätze vor allem die Unterstützung aus Eberswalde. "Ohne die Kolleginnen dort sei die Situation gar nicht zu wuppen", erzählt die Bad Freienwalderin. So prekär, wie sie die Lage Richtung Frankfurt (Oder) einschätze, sei es in Märkisch-Oderland aber noch nicht.

Neues Hebammen-Studium

Heyer ist, soweit sie weiß, die einzige Hebamme in Bad Freienwalde und Umgebung, die außerklinische Geburten anbietet. Ihrer Ansicht nach steige der Trend zur Hausgeburt aber langsam. Wo sie sich absolut sicher sei, ist der Trend zur Hebammenbetreuung. Frauen heutzutage wüssten, was ihnen zustünde und sähen viele Vorteile in der Hinzuziehung einer Hebamme während der Schwangerschaft. "Für viele ist es sehr entspannt, wenn nochmal jemand auf alles draufguckt und wenn da jemand ist, dem man Fragen stellen kann."

Ein anderer Faktor, warum viele vor der Hebammen-Branche zurückschreckten, sei, dass es paradoxerweise ein familienfeindlicher Beruf sei. Man brauche eine starke Familie wie ihre eigene, sagt Heyer, die hinter einem steht und Verständnis dafür zeigt, dass man viel unterwegs ist und mitten in der Nacht los muss.

Heyer setzt viel Hoffnung in das neue Hebammen-Studium, das nach einer EU-Richtlinie in den Mitgliedsstaaten eingeführt werden soll. Deutschland setzte es erst in diesem Jahr um. Das duale Studium beendet die Parallelität verschiedener Ausbildungswege für Hebammen und vereinheitlicht die Ausbildungsstandards. Vor allem der hohe Praxisanteil solle einen guten Wissensstand ermöglichen, so hofft Heyer.

Hebammensituation Märkisch-Oderland

Laut Aussage der Medizinalaufsicht des Gesundheitsamtes Märkisch-Oderland, sind Stand März 2020 46 freiberufliche Hebammen im Landkreis registriert. Einige davon seien in anliegenden Landkreisen wohnhaft, aber auch in MOL tätig. Dass die schwierige Lage auch bei werdenden Müttern bekannt ist, motiviert diese zu neuen Schritten. Vor einigen Wochen gründete sich die Gruppe "Hebammenvermittlung LOS/MOL" auf Facebook zum "leichteren Zueinanderfinden von Schwangeren und Hebammen", wie es in der Beschreibung heißt. In der Diskussion werden fleißig Kontakte und Hinweise geteilt. ⇥jw

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