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Auch tagsüber am Ball

Jede kommt an die Reihe: Pflegehelferin Helma Haak wirft jedem Gast in der Runde den Ball zu und lässt ihn zurückwerfen. Helferin Rosemarie Kolenda muss nicht eingreifen.
Jede kommt an die Reihe: Pflegehelferin Helma Haak wirft jedem Gast in der Runde den Ball zu und lässt ihn zurückwerfen. Helferin Rosemarie Kolenda muss nicht eingreifen. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Jens Sell / 29.07.2011, 07:43 Uhr
Bad Freienwalde (In House) Die Tagespflege Königshöhe der Diakonie betreut täglich 15 Senioren von früh 7 bis nachmittags 16 Uhr. Insgesamt kommen in der Woche 35 alte Menschen, viele mit Demenz, zur Tagespflege. Der Bedarf ist erheblich höher. Es gibt eine Warteliste.

Auf den Plätzen am Esstisch liegen Porträtfotos der Senioren. Auf kleinen Aufklebern steht jeweils ihr Name. So können die meist dementen Gäste der Tagespflege mit visueller Hilfe ihren Platz besser finden und sich gleichzeitig den Namen ihres Nachbarn besser einprägen. Steht der Name zudem auf gelbem Grund, ist dies das Signal für das Personal, dass es sich um einen Diabetiker handelt, die entsprechende Diät also serviert werden muss.

Solche große Aufmerksamkeit bis ins Detail prägt die Tagespflege der Diakonie Königshöhe, die das Gebäude neben dem Seniorenzentrum Haus Bethesda der St.-Elisabeth-Stiftung am Berliner Berg gemietet hat. Schon früh, kurz nach 7 Uhr, treffen die ersten Senioren ein. Viele werden von ihren Angehörigen gefahren. So wird Lieselotte Jordan zweimal die Woche von ihrer Tochter nach Bad Freienwalde gebracht. Die 80-Jährige lebt bei ihrer Familie in Hohensaaten: „Mir macht das hier immer großen Spaß“, sagt sie, während sie den großen gelben Ball fängt, den ihr Pflegehelferin Helma Haak zuwirft. „Ich fühle mich wirklich gut betreut, es ist immer sehr interessant hier.“ Dass die alten Menschen, gerade demente, noch nicht ins Heim müssen, ist das Anliegen der Tagespflege. „Sie sollen so lange wie möglich im häuslichen Umfeld alt werden, eben solange die Angehörigen die Pflege und Betreuung leisten können“, sagt die Leiterin der Tagespflege, Heidrun Bigalke. Viele Angehörige opfern alle Kraft, Zeit und Nerven für die Pflege ihrer dementen Eltern. Und viele kämen im Grunde zu spät auf den Gedanken an die Tagespflege. „Sie kommen erst, wenn sie vor Überlastung nicht mehr ein noch aus wissen“, sagt Heidrun Bigalke.

Schwer wird es dann, in solchen dringenden Fälle sagen zu müssen: Wir sind ausgebucht, wir können niemanden mehr aufnehmen. Auch wenn es in akuten Notfällen oft noch einen Ausweg gibt – mitunter in Zusammenarbeit mit der Kurzzeitpflege im benachbarten Haus Bethesda –, da ist eine Warteliste, die nach Dringlichkeit gestaffelt ist. „Es gibt viel zu wenige derartige Einrichtungen“, sagt Heidrun Bigalke, „beispielsweise im Norden, in Hohensaaten, Oderberg, Lunow oder Stolzenhagen brauche wir noch eine Tagespflege.“ Im Oderbruch gibt es noch mehrere solcher Häuser der Diakonie, so in Wriezen, Letschin und auch in Buckow, Märkische Schweiz. Sie sind jeweils an die Sozialstationen oder ein Heim angegliedert. Dass es im nördlichen Bereich keine Diakonie-Sozialstation gibt, sieht Heidrun Bigalke nicht als Handicap: „Wir arbeiten mit allen ambulanten Pflegediensten gut zusammen, auch mit der Volkssolidarität.“

Die Tagespflege Letschin ist erst kürzlich eröffnet worden, von ihr erhofft sich die Leiterin noch mehr Entlastung. Früher sei der Fahrdienst auch bis Reichenow-Möglin gefahren, heute kommen alte Menschen aus Schulzendorf, Neuwustrow, Altreetz einerseits und aus Liepe im Norden andererseits. Bis zu 25 Kilometern pro Strecke muss der Fahrdienst zurücklegen, um sie ab 16 Uhr nach Hause zu bringen. Die Tagespflege bedient sich eines externen Fahrdienstes, eines eigenen Busses und eines eigenen Personenwagens.

Für die Gäste ist der Tag in der Königshöhe kurzweilig: „Ich fühle mich wohl hier, immer ist was los“, sagt ein 84-jähriger Oderberger. Er komme jeden Tag und bedauert nur, dass das notwendig ist, weil er allein nicht mehr zurechtkommt. „Aber es ist natürlich auch so schöner, als allein zu Hause zu sitzen.“

Die Kommunikation untereinander versuchen die Pflegerinnen zu fördern. Jeden Morgen wird um neun gemeinsam gefrühstückt. Am Vormittag ist eine Stunde Beschäftigung eingeplant. Da haben die Besucher ein Mitspracherecht. Gern singen sie gemeinsam, lassen sich auch zur Gymnastik bewegen. Die Pflegehelferinnen Simone Kiebert und Helma Haak werden dabei von Helferin Rosemarie Kolenda unterstützt. Leiterin Heidrun Bigalke hat die Pflegefachkraft Corina Schünemann an ihrer Seite.

Dieses Team betreut täglich 15 Seniorinnen und Senioren. Die Hälfte von diesen kommt täglich, die anderen ein-, zwei-, drei- oder viermal pro Woche. So durchlaufen jede Woche etwa 35 alte Menschen die Tagespflege. Nicht alle sind dement, das sei auch nicht etwa eine Voraussetzung für die Aufnahme, wehrt Heidrun Bigalke ab. Manche haben Parkinson, andere seien Schlaganfall-Patienten. „Vertreten sind die Pflegestufen null bis drei“, sagt sie. Die Kosten für die Tagespflege richten sich nach der Pflegestufe. Die Pflegeklasse trägt die Transportkosten. Die Angehörigen zahlen für Unterkunft und Verpflegung etwas mehr als zehn Euro.

Mit angeboten werden pflegerische Maßnahmen. Logopädin, Physiotherapeutin und Podologin kommen ins Haus. Nach dem Mittagessen ist eine Stunde Ruhe angesagt. Ruhesessel mit Mollydecke und drei Pflegebetten stehen bereit. „Und wichtig ist unseren alten Menschen die tägliche Zeitungsschau“, betont Heidrun Bigalke. Die Märkische Oderzeitung ist dafür unverzichtbar. Wollen die Senioren doch wissen, wer Geburtstag hat und auch, wer verstorben ist. Und dann interessiere sie sehr, was in ihren Gemeinden und Heimatdörfern auch jenseits der Oder so passiert. Die Besucher der Tagespflege feiern auch gern. Beim Sommerfest des Hauses Bethesda waren sie zu Gast. Und sie freuen sich, wenn die Kinder des evangelische Kindergartens sie einmal im Monat besuchen und mit ihnen basteln und singen.

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