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"Manche bringen Blumen, melden sich aber nicht"

Pflegt die Kriegsgräberstätte sei elf Jahren: Heike Wacker aus Gorgast bekommt dabei auch Hilfe von ihren beiden Söhnen Michael und Martin. Mit ihren 24 und 23 Jahren sind sie heute im selben Alter wie viele der dort Gefallenen, als sie starben.Foto: MOZ/
Pflegt die Kriegsgräberstätte sei elf Jahren: Heike Wacker aus Gorgast bekommt dabei auch Hilfe von ihren beiden Söhnen Michael und Martin. Mit ihren 24 und 23 Jahren sind sie heute im selben Alter wie viele der dort Gefallenen, als sie starben.Foto: MOZ/ © Foto: Ulf Grieger
Ulf Grieger / 21.03.2015, 09:45 Uhr
Gorgast (MOZ) Am 8. Mai jährt sich das Kriegsende zum 70. Mal. Vielerorts erinnern Denkmale und Kriegsgräberstätten an die vielen Toten, die die Schlacht im Oderland gefordert hat. Meist sind es ehrenamtliche Helfer, die für eine kleine Aufwandsentschädigung die Gräber pflegen. In Gorgast ist das seit elf Jahren Heike Wacker mit ihrer Familie.

Übernommen hat sie die Aufgaben von ihrer Schwiegermutter Inge Wacker, erzählt Heike Wacker, die Tagesmutter von Gorgast. Je nach Witterung und Jahreszeit hat ihre Familien bis zwei Mal wöchentlich an der großen Grabanlage zu tun, in der 390 deutsche Soldaten ruhen, 179 davon namenlos. Mitunter bekommt sie Hilfe von ihrem Mann Gerd oder ihren Söhnen Martin und Michael. Die sind heute 23 und 24 Jahre alt und somit bereits älter als viele der Gefallen bei ihrem Tod. "Meine Söhne sind mit der Grabpflege aufgewachsen. Vor allem Michael hat sich auch immer für die Geschichte interessierte", sagt Heike Wacker. Viele, die dort vor 70 Jahren ihr Leben ließen, waren erst 18 Jahre alt wie Josef Hofmann, Hans Jakobs, Helmut Heuschkel oder Alfred Cznjko.

Johann Albrecht von Bülow hat einen Extra-Stein. Als er am 21. März 1945 fiel, war er bereits Leutnant und 20 Jahre alt. Von Bülow ist ein prominenter Name. Ein verpflichtender natürlich auch. Das seit 1154 nachweisbare, weit verzweigte mecklenburgisch-preußische Adelsgeschlecht der Bülows hat Generäle und Reichskanzler, aber auch Diplomaten, Schriftsteller und Wissenschaftler sowie mit Hans von Bülow auch den ersten Chef des Berliner Philharmonischen Orchesters hervorgebracht. Seinem jüngeren Bruder hatte Vicco von Bülow, besser bekannt unter dem Namen Loriot, den Extra-Stein setzen lassen, noch bevor die Kriegsgräberstätte im Park errichtet worden war. Seither hatte er die Stätte einige Male besucht. Obwohl Loriot zurückgezogen in Bayern am Starnberger See lebte, war er vor zehn Jahren bereit, mit der MOZ über seinen Bruder zu sprechen.

Es ging ihm wie vielen, die den Krieg erlebten: Wenn sie nicht über das Geschehene reden, wer sonst? Johann Albrecht von Bülow war 20 Jahre, als er fiel. Es war Frühling 1945. Die Schlacht um Küstrin tobte. Intensive Angriffe aus der Luft und starker Artilleriebeschuss der Russen bereiteten die Offensive vor. Als sie am Morgen des 22. März begann, war der junge Leutnant von Bülow schon tot.

Noch bis zum 30. März dauerte die Schlacht, bei der Tausende deutsche, sowjetische und polnische Kämpfer ihr Leben ließen. "Mein Bruder und ich waren im selben Regiment", erzählte Vicco von Bülow alias Loriot. Es war das 1936 in Eberswalde eingerichtete Schützenregiment 3, das zur 3. Panzer-Division gehörte. Den beiden Bülow-Brüdern war klar, dass sie der Familientradition folgend militärische Laufbahnen einschlagen würden. Während Vicco, eigentlich Bernhard Victor Christoph-Carl, stärker musisch interessiert war, zog es Johann Albrecht zu den Naturwissenschaften. Selbst bereits Oberleutnant, mit EK I und II ausgezeichnet, war Vicco mit seiner Einheit drei Jahre an der Ostfront. Nur um Haaresbreite ist er zum Kriegsende in Österreich russischer Kriegsgefangenschaft entgangen.

Vom jüngeren Bruder, der als Ausbilder von noch Jüngeren eingesetzt war, hatte er zunächst keine Nachricht. Er galt als vermisst. Erst einige Jahre später, Loriot studierte bereits an der Hamburger Landeskunstschule, erreichte ihn die Nachricht vom Tod des Bruders. Er habe den Verlust nie verwunden, erklärte er. Aber er sei dankbar für die Möglichkeit, das Grab des Bruders besuchen zu können.

Zunächst traf er in Gorgast Bürger, die eine Grabstätte auf dem Friedhof an der Kirche ermöglichten. Mit eigenem Stein. Pfarrer Zebe könnte damals Ansprechpartner gewesen sein, Loriot konnte sich nicht mehr genau erinnern. "Das war an sich auch überhaupt kein Problem. Die Mauer gab es noch nicht", sagte er. 1947, als die Kriegsgräberstätte im Gorgaster Park geschaffen wurde, gelang es auch, den Stein seines Bruders mit zu integrieren. Seither wird sie auch auf Wanderkarten und Prospekten ausgewiesen, auf denen der Ort für sich wirbt. Wenn Loriot die Stätte aufsuchte, ging ihm vieles durch den Kopf. "Das ist keine Heldenstätte. Aber dort sind auch keine Verbrecher begraben. Viele der Militärschüler, die da gemeinsam mit meinem Bruder in den Tod gejagt wurden, waren erst 17. Da hatte man doch noch keine Ahnung davon, was das für ein verbrecherischer Staat war."

Loriot sprach vom Missbrauch durch das Regime und von der Verantwortungslosigkeit, mit der die deutsche Jugend in den Krieg geschickt wurde. Und verhehlte auch nicht, dass es in der Familie von Bülow, wie in vielen preußischen Offiziersfamilien auch, die traditionelle Vorstellung gab, dass das Militär eine über der jeweiligen Regierung stehende übergreifende Bedeutung besitze. Loriot konnte es nicht fassen, dass heutzutage Orte wie Halbe missbraucht werden, um Krieg und Nationalsozialismus zu verherrlichen. "Ein Neonazi von heute hat doch keine Ahnung, für wen und wofür er dort auftritt", warnte Loriot vor dem Missbrauch der Grabstätten.

Nur schwer konnte er sich erklären, wie es möglich gewesen war, dass nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg so bald ein zweiter folgen sollte. Die Denkmäler, die nach dem Ersten Weltkrieg errichtet wurden, waren zumeist noch als Heldengedenkstätten verklärt. Als einer, der die Schrecken des Krieges am eigenen Leibe erfahren musste, erklärte Vicco von Bülow: "Krieg an sich ist ein Verbrechen, es sei denn, man muss sich verteidigen!" Aber welcher Jugendliche hört das Mahnen? Loriot, der vor vier Jahren starb, war im 60. Jahr nach Kriegsende noch in Gorgast. Sicher wäre er auch in diesem Jahr, zum 70., gekommen.

Regelmäßig besuchen Menschen die Grabstätte an der Alten Oder. "Manche kommen schon seit Jahren, melden sich aber nie bei uns. Manche kommen sogar aus Polen und pflanzen Blumen ", erzählt Heike Wacker. "Einmal hat uns ein älterer Herr angesprochen. Der war extra aus Bayern angereist, obwohl er bereits auf ein Sauerstoffgerät angewiesen war. Er erklärte, dass er ein Verwandter von Rupert Aigner sei, der 20jährig bei Gorgast gefallen war." Möglicherweise kommen auch an diesem Wochenende wieder Menschen dorthin und legen ein paar Blumen nieder. Heike Wacker und ihre Familie jedenfalls haben für ein würdiges Gedenken gesorgt.

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