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Maria Hetzer befragt im Rahmen eines internationalen Projektes Zeitzeugen von Gemeinde und LPG

DDR-Alltag der Golzower erforscht

Aktenstudium: Für Maria Hetzer (l) ist die von Simone Grieger im Gemeindezentrum geführte Ortschronik von Golzow eine wahre Fundgrube für ihrer Recherchen
Aktenstudium: Für Maria Hetzer (l) ist die von Simone Grieger im Gemeindezentrum geführte Ortschronik von Golzow eine wahre Fundgrube für ihrer Recherchen © Foto: MOZ/Ulf Grieger
Ulf Grieger / 18.05.2017, 07:31 Uhr
Golzow (MOZ) Welche Handlungspielräume gab es im Staatssozialismus? Dieser Frage gehen Wissenschaftler in ausgewählten Standorten der einstigen sozialistischen Staatengemeinschaft nach. In Deutschland wurde dafür Golzow im Oderbruch ausgewählt. Maria Hetzer ist für die Zeit der Recherchen sogar nach Golzow gezogen.

Die Golzower LPG galt in der DDR als ein Vorzeigebetrieb, zu dem man internationale Gäste führte, um den Fortschritt auf dem Lande zu demonstrieren. Aber wie ist es den Golzowern selbst dort ergangen? Wie haben sie sich bei aller Planwirtschaft Freiräume erkämpft? Solchen Fragen geht die promovierte Völkerkundlerin und Theaterwissenschaftlerin Maria Hetzer nach. Sie erfüllt damit einen Forschungsauftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des polnischen Wissenschaftszentrums innerhalb des EU-Programmes "Beethoven". In dem Projekt der Uni Warschau und der Uni Siegen werden ähnliche Fragen in zehn Standorten bzw. Alltagsbereichen erhoben. Dazu gehören der Sonnenstrand nahe der Halbinsel Nessebar in Bulgarien, die Tourismuszentren in der Hohen Tatra (Slowakei) eine polnische LPG, die Hafenregion Danzig, die Umweltbewegung der Lausitzer Kohlereviere und das GST-Amateurfunkwesen in der DDR.

Um vor Ort präsent zu sein, hat sich Maria Hetzer mit ihrer Familie im Golzwer Pfarrhaus einquartiert. Denn innerhalb des auf drei Jahre angelegten Forschungsprojektes will sie so viele Zeitzeugen wie möglich befragen und an Akten nachlesen, was die Archive und privaten Sammlungen hergeben. "Eine sehr große Hilfe ist mir dabei die umfangreiche und vor allem sehr gut betreute Golzower Ortschronik", bedankt sich die Wissenschaftlerin bei der Leiterin des Gemeindezentrums, Simone Grieger. Maria Hetzer will mit ihrer Arbeit den Golzowern allerdings auch etwas zurückgeben: Erkenntnisse, die sie beim Studium insbesondere der noch nicht veröffentlichten Unterlagen zur Langzeitdokumentation "Kinder von Golzow" und ihrem sozialen und wirtschaftlichen Umfeld erhält, werden den Museum zugänglich gemacht.

Bei den intensiven Gesprächen, die die auf Rügen aufgewachsene Wissenschaftlerin bisher geführt hat, ging es immer wieder um die mit dem wirtschaftliche Erfolg der Genossenschaft gewachsenen Entscheidungsspielräume von Betrieben und schließlich auch der Gemeinde. So hatte Maria Hetzer mit Elwira Uebelhack, der langjährigen Hauptbuchhalterin der LPG unter Artur Klitzke und der Landwirtschaft Golzow unter Manfred Großkopf gesprochen. Natürlich waren bereits Manfred Großkopf sowie heutige und ehemalige Bürgermeister wie Frank Schütz und Heinz Riedel Gesprächspartner. Mit dem Leiter der Feldbauabteilung, Horst Oestreich, vielen bekannt als Vater des Film-Protagonisten Bernhard Oestreich, gab es ebenfalls ein Gespräch. Was den Alltag prägte, was die Menschen bewegt und warum sie sich in Golzow bei aller Landflucht, die es auch in der DDR gab, ganz bewusst dort angesiedelt haben, sind wichtige Details, die für die Fallstudie erst einmal eingesammelt werden müssen. Immerhin hatte es der langjährige LPG-Vorsitzende Artur Klitzke mit seinem Team geschafft, die Menschen für den Landwirtschaftsbetrieb zu begeistern. Um eine Stelle dort bewarb man sich in der DDR und die Besten wurden genommen. Dorthin wurde die modernsten Maschinen geliefert, ja selbst welche für die speziellen Bedürfnisse der Großfelderwirtschaft entwickelt. Die Menschen kamen und blieben aber auch, weil es Kultur im Dorf gab: zwei gute Schulen und Einkaufsmöglichkeiten, hat Maria Hetzer erfahren. Mit der Geschichte vom Bau der Kaufhalle unter dem Deckmantel ganz anderer Landbauprojekte will sie vieles verdeutlichen.

Als Dozentin an der Humboldt-Uni Berlin hat sie noch ein zweites Projekt: In der Landesstelle für Volkskunde haben sich die Berichte eines Forschungsprojekts von 1960 angefunden. Studenten hatten seinerzeit in Neuentempel, Diedersdorf und Friedersdorf umfangreiche Studien gemacht. Die werden die heutige Studenten jetzt gemeinsam mit Einwohnern der Dörfer einer neuen Bewertung unterziehen. Am Himmelfahrtstag sind dazu Begehungen in Neuentempel mit Einwohnern und ehemaligen Studenten vorgesehen.

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