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Hochwasserschutz in Gefahr
Verbände warnen vor möglicher Bisam-Plage im Oderbruch

Ein Bisam an einem Fluss.
Ein Bisam an einem Fluss. © Foto: dpa
dpa / 10.09.2019, 08:02 Uhr - Aktualisiert 10.09.2019, 14:56
Seelow (dpa) Im Oderbruch tanzen die Bisams auf und in den Deichen. So sehen es zumindest diejenigen, die im Auftrag des Brandenburger Landesumweltamtes dort für den Hochwasserschutz sorgen sollen. "Die Tiere wühlen sich in den Damm und wir können nichts machen, als nur die Schäden auszubessern", sagt Martin Porath, Geschäftsführer des Gewässer- und Deichverbandes Oderbruch (Gedo). Knapp 500 Schadstellen hat er bereits gemeldet. Die Deiche seien in ihrer Standsicherheit gefährdet, meint Porath.

Seit Juli diesen Jahres unterliegen Bisams und auch die doppelt so großen Nutrias, die sich vor allem im Spreewald tummeln, dem Jagdrecht. Mit dieser Neuregelung wollte Brandenburg erreichen, dass auch andere Waidmänner, nicht nur neun speziellen Bisamjäger, die tierische Plage eindämmen. Doch in der Praxis geht das Ganze eher nach hinten los. Denn Bisams vermehren sich rasant. Drei- bis viermal im Jahr bekommen sie durchschnittlich sechs Junge - und in dieser Zeit unterliegen sie dem im Jagdrecht vorgeschriebenen Mutterschutz, bestätigt der Landesjagdverband. "Dann sind den Jägern die Hände gebunden", sagt Sprecherin Anja Semmele.

"Vor der Neuregelung waren wir neun Bisamjäger in Brandenburg quasi ganzjährig als Schädlingsbekämpfer im Einsatz, damit die Population nicht überhand nimmt", sagt Enrico Mielke, der seit Jahren an den Oderdeichen Bisams jagt und jetzt aufgrund der Mutterschutz-Regelung nur noch die Schäden dokumentieren kann. Die etwa 35 Zentimeter großen, nordamerikanischen Einwanderer aus der Familie der Wühlmäuse hätten in Brandenburg eigentlich nichts zu suchen. Sie wurden in Europa laut Naturschutzbund Nabu Anfang des 20. Jahrhunderts ausgesetzt. Ihr Fell war heiß begehrt.

Mielkes Arbeit ist schwer: Bisams sind genau wie Biber nachtaktiv, sie bauen zwar nur Röhren im Durchmesser von 10 bis 15 Zentimetern, bei Bibern sind sie mindestens doppelt so groß. Doch da sich die kleineren Wühler tief in den Deich graben, der bei Hochwasser dadurch auszuspülen droht, können sie ebenso großen Schaden anrichten. Durch bereits eingebaute Biberschutzmatten schlüpfen sie nach Angaben des Jägers einfach durch.

Die Eingänge zu den Röhren liegen unter Wasser am Deichfuß. In Wathosen sucht Mielke danach mit der Hand, um dort täglich Fallen zu postieren, die regelmäßig kontrolliert werden müssen. "Sinnvoll wäre eine Ausnahmeregelung, um den Mutterschutz zumindest an Hochwasserschutzanlagen aufzuheben und wieder ganzjährig Fallen stellen zu können", sagt Semmele vom Landesjagdverband.

Ein entsprechender Antrag des Landesumweltamtes sei bereits eingegangen, aber noch nicht beschieden, bestätigt Julia Götze von der Obersten Jagdbehörde des Landes. "Ärgerlich ist doch, dass der Mutterschutz und die Konsequenzen nicht vor der Aufnahme der Tiere ins Jagdrecht berücksichtigt wurden - eine theoretische Entscheidung fernab der Praxis", sagt Brandenburgs Landesbauernpräsident Henrik Wendorff.

Schon im vergangenen Jahr hätten Brandenburger Wasser- und Bodenverbände darauf aufmerksam gemacht, dass es zu wenige Bisamjäger in der Mark gebe, sie besser ausgerüstet werden müssten und die Population spürbar wachse, erzählt Porath. Knapp 3000 Tiere wurden nach Angaben des Landesumweltamtes im vergangenen Jahr gefangen und getötet. 560 000 Euro Landesmittel wurden laut Behörde für die Bekämpfung bereit gestellt.

"Der Jagddruck muss dringend erhöht werden, um die Deiche dauerhaft zu schützen", bestätigt Thomas Frey, Sprecher des Landesumweltamtes. Allerdings besteht aus seiner Sicht derzeit keine akute Gefahr für die Hochwasserschutzanlagen: "Bei den uns gemeldeten Schadstellen handelt es sich um eingefallene Röhren, die von den Tieren nicht mehr genutzt werden. Sie verlaufen lediglich in der Oberbodenschicht des Deiches", sagt Frey.

Das sieht der Gedo-Chef anders. "Bisam und Biber wollen in den Deichen wohnen. Die halten sich da nicht an Schichten, sondern wühlen ihre Röhren, wie es ihnen passt", sagt Porath. Die entstehenden Hohlräume seien nicht zu unterschätzen. "Eine Rüttelplatte reicht da nicht, um sie zu verfüllen. Wir müssen mit dem Bagger ’ran", macht er den Aufwand der Schadensbeseitigung deutlich.

Bauernpräsident Wendorff hält es für bedenklich, mit der Neuregelung auf die freiwillige Bisam-Jagd von Waidmännern zu setzen. "Der Hochwasserschutz ist ja eigentlich nicht ihre Aufgabe und das schaffen die auch nicht, aber an den Deichen haben Bisams nichts zu suchen", gibt er zu bedenken. Schnellstens müssten andere Regelungen her, bevor die Tiere tatsächlich zur Plage würden, mahnt Wendorff. "Wir wollen den Bisamjägern nicht die Arbeit wegnehmen und sind da gar nicht scharf drauf", macht Semmele vom Landesjagdverband deutlich.

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