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Der Berliner Rechtsmediziner Sven Hartwig berichtet vor hundert Interessierten in Treplin über mysteriöse Todesumstände.

Krimi-Scheune
Egon Olsen knackt Safe in Treplin

Jörg Kotterba / 11.09.2019, 06:30 Uhr
Treplin Die Trepliner Krimischeune ist weiter ein Anlaufpunkt für krimi-affine Zeitgenossen. Initiator und Ex-Kripo-Mann Wolfgang Raeke hatte jetzt nicht nur den Frankfurter Schauspieler Diether Jäger und den ehemalige Mord-Ermittler Herbert Lehmann für die 20. Premieren-Veranstaltung gewinnen können sondern auch aus Berlin den Rechtsmediziner Dr. Sven Hartwig. Der 42-Jährige berichtet humorvoll über mysteriöse Todesumstände und betonte: "Die Zeiten von Arsen im Pudding sind vorbei!"

Diether Jäger war für drei kurzweilige Stunden Egon Olsen, Chef der gleichnamigen dänischen Knacker-Bande. Im Tresor, so Krimischeune-Erfinder Wolfgang Raeke, seien wichtige Unterlagen. "Ohne sie fällt diese Veranstaltung leider aus." Doch Jäger/Olsen "knackte" mit einem Lächeln das eiserne Ding, dabei ein Zigarillo rauchend. Ab 1971 war der gestandene Schauspieler fest am Frankfurter Kleist-Theater engagiert. Als es nach 158 Jahren im Jahr 2000 geschlossen wurde, war Jäger 56 Jahre alt. Er stand bis zum letzten Tag des Theaters, das den Namen des berühmtesten Sohnes der Oderstadt trug, in etwa 200 Inszenierungen auf der Bühne, darunter natürlich in einigen Kleist-Stücken.

Dubioser Fall aus MOL

Herbert Lehmann, bis 2014 Mord-Ermittler, erzählte von einem dubiosen Fall im Landkreis Märkisch-Oderland. "Im Dezember 2012 starb eine geistig und körperlich schwer behinderte Frau. Wir hatten den Verdacht, dass Ehefrau und Sohn sie mit einem Tabletten-Cocktail getötet hatten. Dafür sprach unter anderem, dass die beiden Männer viermal versuchten, für die Frau eine Lebensversicherung in Höhe von 1,5 Millionen Euro abzuschließen. Das klappte nicht. Dafür waren sie bei neun Sterbegeld-Versicherungen erfolgreich." Der Sohn der Verstorbenen outete sich bei einer Freundin. Als die Ermittler davon erfuhren, war die tote Mutter längst eingeäschert und begraben. Die Mordanklage – auch begraben.

"Wie ein Bänker" kam einer Besucherin der Krimischeune anfangs Sven Hartwig vor: Unauffälliges Äußeres, Metallbrille, Kurzhaarschnitt, weißes Hemd. Hartwig leitet die Abteilung Forensische Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin der Charité. Und ist nicht nur ein Tüftler, ein Sammler von Beweisen, sondern auch einer von 20 Rechtsmedizinern der großen Stadt. An seiner Tür im Institut steht Sherlock Hartwig GmbH & Co. KG, berichtete kürzlich eine Berliner Zeitung.

"Von den Briten hat Hartwig wohl auch seinen Humor – der ist fein und hintersinnig", lobte Besucher Martin Schieck, in Frankfurt Direktor des Museums Viadrina. Nicht nur er, sondern auch die Scheune-Besucher Frank Stumpe aus Schlaubehammer, Doris und Wolfgang Fröhlich aus Potsdam und Wolfgang Buwert aus Frankfurt erfuhren an diesem "blutigen" Nachmittag, dass in der Hauptstadt manche Leichen erst nach zehn Tagen gefunden werden. Hartwig locker: "Die Berliner sind sehr geruchstolerant." Seinen Job nennt er "ein schnödes Handwerk, auch kalte Chirurgie genannt." Und über die Rechtsmediziner in dem Krimi-Serien kann er nur müde lächeln. "Das Fernsehen schafft Vorstellungen fernab der Wirklichkeit. An den TV-Medizinern stimmt nur wenig. Obwohl der berühmte Tatort-Obduzierer Prof. Boerne, alias Jan Josef Liefers, bei mir zum Praktikum war." Mehrere Tage schaute Liefers dem Profi über die Schulter. Zu einer realistischen Darstellung habe das aber wenig beigetragen.

Annähernd 2000 Leichen werden in Berlin jedes Jahr obduziert, "darunter sind etwa 350 Selbstmorde, davon 40 bis 50 Tötungsdelikte und 40 bis 50 Straßenverkehrsunfälle." 20 tote Radfahrer gäbe es Jahr um Jahr zu beklagen. Hartwig: "Die hohe Zahl der Selbstmörder auf dem Obduktionstisch rührt daher, dass nur rund ein Drittel der Menschen, die sich das Leben nehmen, ihren Selbstmord ankündigen oder einen Abschiedsbrief hinterlassen." Eine weitere große Gruppe von Obduktionen seien Menschen, die tot in ihren Wohnungen gefunden werden – nach Tagen, Wochen oder sogar Jahren. Das sind Routinefälle, die Hartwig und seine Kollegen nur wenige Stunden beschäftigen.

In der kommenden Krimischeune, der Termin ist noch nicht bekannt, wird Rechtsanwalt Bernd Hesse zu Gast sein. Als Strafverteidiger in Frankfurt erlebt er immer wieder grausame Taten und erschütternde Schicksale. Der Jurist und Literaturwissenschaftler  hat eine Anwaltskanzlei mit der Spezialisierung auf Strafrecht und schreibt Kriminalromane, so "Durch die Hölle. Wahre Kriminalfälle". Er lässt den Leser an seinen Recherchen teilhaben, erklärt Motive für Taten, Täterprofile und die Verhandlungen vor Gericht.

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