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Jüdische Herrschaft auf Golzow

UGRIEGERN / 13.06.2008, 08:00 Uhr
Golzow Vom 12. bis 14. September feiern die Golzower das 700. Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung ihres Heimatortes. Markgraf Waldemar, der letzte aus dem Hause der Askanier, verkaufte 1308 "villam Gholsow" an das Bistum Lebus. Bis zum Fest entsteht eine historische Broschüre, die auch an das im Krieg zerstörte Gutsensemble erinnern wird.

Bereits zur 675-Jahr-Feier 1983 hatten die Golzower einen Festumzug organisiert. Aber eine Broschüre gab es damals nicht. Die wird jetzt, zum 700., erarbeitet. Doch heutzutage fällt es schwer sich vorzustellen, wie das Dorf bis zur Zerstörung 1945 ausgesehen hat. Die Kirche aus der Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem kreuzförmigen Schiff von 1854 gibt es ebenso nicht mehr wie die Rittergutsanlage. Also ist bei der nachträglichen Aneignung Phantasie gefragt. Die kann sich aber auf historische Berichte und Fotos stützen: "Das Rittergut liegt südwestlich von der Dorfstraße. Von dieser führt ein Steinpflaster mit einer schattigen Allee dahin, rechts beim herrschaftlichen Park, links beim Gemüsegarten mit der Gärtnerwohnung und den Treibhäusern vorüber. Die Gärtnerei besitzt eine gute Baumschule (zur Zeit Gärtner Ruthe). Das jetzige Herrenhaus, obgleich nur einstöckig mit Erker, enthält dennoch viele Räumlichkeiten, auch das Büro des Amtsvorstehers", schreibt ein Golzower Kantor und Lehrer im Winter 1886/87.

Damit ist die heutige KarlMarx-Straße beschrieben. Sie führt von der Kreuzung, die die Golzower an Stelle der Kirche gebaut haben, zum Betriebssitz der Landwirtschaft Golzow. Linker Hand, auf der Fläche der Gärtnerei, steht heute die Schule. Dahinter stand einst die Brennerei. An dieser Stelle steht nun die Oderbruchhalle. Und dort, wo sich heute das Lehrlingswohnheim befindet, standen Ställe und Wohnhäuser. Ein versteckter Gutshofrest ist die kopfsteingepflasterte Gasse von der Seelower Straße herüber zum Spielplatz. Das Herrenhaus ist im Krieg zerstört worden, berichten Zeitzeugen wie Dora Bothe und Christian Dorn. Jetzt gibt es dort ein Rondell.

Geprägt wurde die Gutsanlage rund 100 Jahre lang von der Familie Rehfeld, die von 1815 an dort ansässig war. Gut, Dorf und Kirche bildeten noch eine Einheit auf Grundlage persönlicher Abhängigkeiten. Zunehmend aber wurden daraus Warenbeziehungen, das Gut zum verarbeitenden Unternehmen. 1864 entstand die Zuckerfabrik, 1872 die Malzfabrik an der Bahnhofstraße.

Stets aber blieben Herrenhaus und Park den Arbeitern fremd, Symbol für die soziale Schranke. Ortsfremde besaßen das Gut bis 1945: 1908 übernahm es Oberleutnant Richard Fuss aus Mannheim. Der verkaufte es zehn Jahre später, am 2. April 1917, an Heinrich Wertheimer, einen jüdischen Kaufmann aus Mannheim. 1916 hatte Heinrich Wertheimer bereits das Gut Altranft erworben, es aber noch im gleichen Jahr an Carl Eschenbach weiterverkauft.

Die Unterlagen, die Golzows Chronist Eckhard Ochs zu Wertheimer gesammelt hat, lassen die Vermutung zu, dass er die Güter vor allem als Kapitalanlage kaufte. Die Landwirtschaft wurde vom Inspektor geleitet. Das Verhältnis zwischen den Guts-arbeitern und der Herrschaft war nicht immer das beste. Am 1. Mai 1921 gab es einen Streik der Gutsarbeiter, die im Landarbeiterverband organisiert waren. Benachbarte Großbauern halfen dem Gutsherren jedoch aus und die Arbeiter gingen, aus Angst vor Entlassung, nach und nach wieder an ihre Arbeit. 1928 hatte das Gut 967 Hektar. Speicher, Schrotmühle, Brennerei, Schmiede, Gärtnerei und Zuckerfabrik gehören dazu.

Ab 1932 meldete sich Wertheimer aus England. Über seinen Bevollmächtigten Sally Cramer verkaufte er 1933 und 1934 seine Golzower Besitztümer an den Kreis Lebus und die Siedlungsgesellschaft "Eigene Scholle". 871 Hektar wechselten zum Beispiel für 2,85 Millionen Reichsmark den Besitzer. Wertheimers Adressen reichten von Rotterdamm bis Yorkshire.

1937 bekam Graf Günther von der Schulenburg einen Großteil der Gutsflächen. Er erhielt damit einen Ausgleich für Flächen, die ihm in Wolfsburg (Niedersachsen) genommen worden waren. In den 30er Jahren wurde das Gebiet um das Schloss Wolfsburg zum "Mittelpunkt des Großdeutschen Reiches" erklärt. Dort sollten das Volkswagenwerk und die Stadt des Kraft-durch-Freude-Wagens entstehen. Schulenburgs Land, etwa 2000 Hektar, wurde zum Aufbau von Stadt und Werk benötigt. An die Länge des Umzugskonvois nach Golzow im November 1942 erinnert sich Günzel von der Schulenburg später. "Er war über 900 Meter lang und beinhaltete alles, was unser mobiles Eigentum ausmachte." Von Kielmansegg hießen die Herrschaften, die zum Kriegsende im Schloss Golzow wohnten. Die waren auf das Gut ihrer Verwandten nach Golzow gekommen, zum Schutz vor Bombardierungen. Bis auch Golzow zerstört wurde.

Mitte der 1960er Jahre musste ein Großteil des Parks in Richtung Dammweg der Erweiterung des Betriebsgeländes der LPG weichen. Auch der Reitturnierplatz wurde dafür geopfert.

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