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Claras Ring zeugt von Dorfhistorie

UGRIEGERN / 16.07.2009, 18:08 Uhr
Inmitten der 5500 Kubikmeter Schlamm, die jetzt aus der Pferdeschwemme in Gorgast geholt worden sind, fand sich auch ein kleiner Ring. Ein Siegelring mit dem Wappen derer von Rosenstiel. "Das ist ja eine kleine Sensation. Wer mag wohl den Ring in den See geworfen haben?" Reinhard Schmook, Leiter des Bad Freienwalder Oderlandmuseums, bewahrt in seiner Sammlung ein Bild Gustav von Rosenstiels (1824-1888) auf. Der war Amtsrat und Pächter der Domäne Gorgast, Deichhauptmann des Oderbruchs von 1876 bis 1888. "An seinem rechten Ringfinger trägt er möglicherweise auch so einen wie den jetzt gefundenen Siegelring", schätzt der Regionalhistoriker. Einen solchen Ring brauchte man zur Siegelung von Briefen, sowohl amtlichen als auch privaten. Der Brief wurde mit Siegellack verschlossen und die Petschaft am Ring in den noch warmen Lack hineingedrückt.

"Als die Gutspächter und Gutsbesitzer noch Gerichtsfunktionen, die sogenannte Patrimonialgerichtsbarkeit, ausübten oder als Kirchenpatron in Aktion traten, wurden zudem mit dem Ring die Siegel unter amtliche Papiere mit dem herrschaftlichen Wappen versehen. Eine fünfzackige Krone auf dem Wappen kennzeichnet den normalen, niederen Adel. In den goldenen Ring wurde ein Halbedelstein oder ein anderer harter Stein eingesetzt, in den das von-Rosenstielsche Wappen geschnitten wurde", so Schmook.

Bürgermeister Bernd Korb, der das Fundstück aufbewahrt, hat das Alter prüfen lassen. Demnach stammt der Ring aus dem Jahr 1850. "Das ist genau das Jahr, in dem Gustav von Rosenstiel, der spätere Deichhauptmann, und Clara Wahnschaffe in Gorgast geheiratet haben", sagt Peter von Rosenstiel. Der 77-Jährige ist der Senior des Adelshauses und freut sich riesig über das jetzt wiedergefundene Zeugnis der Familiengeschichte. Da es sich um einen Damenring handelt, müsse es der von Clara sein. Vielleicht ein Brautgeschenk. Er selbst trägt einen Sieglring, den er sich aus dem Stein seines Onkels anfertigen ließ. Für Mitglieder der Familie habe er etliche nachmachen lassen. Aber Originale, wie das jetzt gefundene, seien sehr selten. Vielleicht gibt es sonst auch keines mehr.

Aber wie ist der Ring in die Pferdeschwemme gekommen? Peter von Rosenstiel ist nicht in Gorgast, sondern in einer Region aufgewachsen, mit deren Namen heute niemand so recht etwas anfangen kann: Kujawien. Dort, in Polen, zwischen Weichsel und Netze, nahe Bromberg (Bydgoszcz), besaß Peters Vater das Gut Lipie. Nur in den Sommerferien kam er aber bis 1945 stets nach Gorgast. So hat er sein Wissen über das Gut zumeist aus dritter Hand. Paul Bogatzki, der Sohn des Schmiedes, hatte ihm erzählt, dass eine der Damen der Herrschaft, Tony Marianne von Rosenstiel (1861 bis 1945) im Dorf sehr unbeliebt war, weil sie so streng gewesen sei. Als "das Tönchen", wie die Dorfjugend die Dame nannte, bereits gebrechlich war und nur mit Hörrohr auskam, habe man ein Seil an ihrem Schaukelstuhl befestigt und sie damit in die Pferdeschwemme gezogen. "Vielleicht ist der Ring dabei verloren gegangen", lacht der Nachfahre. Vielleicht habe auch eine der Damen den Ring beim Paddeln auf der Pferdeschwemme abgelegt und das Erbstück war dabei ins Wasser gefallen. Es wird wohl ein Geheimnis bleiben.

Für Peter von Rosenstiel und Bürgermeister Bernd Korb steht indes bereits fest, dass die Erinnerungstücke der Familie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Ideal wäre dafür das gut erhaltene Herrenhaus, in dem Seniorenwohnungen eingerichtet werden sollen. Ein Investor konnte für dieses Vorhaben allerdings noch nicht gewonnen werden und wird gesucht.

Das Geschlecht stammt aus dem Unterelsaß, wo um 1500 Hans Rosenstühl erwähnt wird.

Am 2. 10. 1754 wird Friedrich Philipp Rosenstiel in Mietesheim (Elsaß) geboren. Der Pfarrersohn studiert zusammen mit Goethe, wird mit 19 Jahren Erzieher am Nassau-Hof, mit 24 Montan-Direktor in Kattowitz und schließlich in Berlin königlich-preußischer Kriegs- und Domänenrat, Chef der Porzellan-Manufaktur KPM. Er lehnt den ihm angebotenen Adelstitel ab.

Sein Sohn Wilhelm nimmt am 29. September 1845 den Titel an, er erwirbt die Hofdruckerei Posen und heiratet Agnes Wahnschaffe.

Am 24. 5. 1824 wird Gustav von Rosenstiel geboren. Er heiratet Clara Wahnschaffe, Tochter des Domänenpächters von Gorgast, Deichhauptmann des Oderbruchs (1776 bis 1883).

In Lissa wird am 12. 8. 1900 Helmut geboren, der Vater von Peter. Er ist Besitzer von Gut Lipie und auch Pächter der Domäne Gorgast, Landwirt und Kommendator der Johanniter.

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