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Religionsphilosophische Woche am Gymnasium "Seelower Höhen" gibt Orientierung / Analyse von Sekten

Sezierte Weltsichten

Was wollen Scientologen von uns, wann sind Gruppen gefährlich? Stefan Barthel (l.) von der Leitstelle für Sektenfragen klärt Seelower Gymnasiasten auf, worauf sie achten müssen.
Was wollen Scientologen von uns, wann sind Gruppen gefährlich? Stefan Barthel (l.) von der Leitstelle für Sektenfragen klärt Seelower Gymnasiasten auf, worauf sie achten müssen. © Foto: MOZ/Heike Hahn
Heike Hahn / 24.01.2014, 14:29 Uhr - Aktualisiert 25.01.2014, 17:49
Seelow (MOZ) Zwölf Experten und Religion zum Anfassen - das bietet die religionsphilosophische Woche am Seelower Gymnasium. Zum vierten Mal wurde sie durchgeführt. Sie lädt zum Kennenlernen der Weltreligionen und Sekten und lässt die Elftklässler über Lebensthemen nachdenken.

Ein wacher, tiefgehender Blick, ein angedeutetes Lächeln, dichtes längeres Haar - der Mann auf dem Foto sieht nett aus, und angsteinflößend. Darin sind sich die Jugendlichen weitgehend einig: irgendwas ist da, irgendwas hat dieser Mann an sich, warum man ihm nicht blind vertrauen sollte. Natürlich, die Überschrift des Seminars verleitet zu Verdächtigungen: "Sekten". Dann der überraschende Satz von Referent Stefan Barthel: "Ich hoffe eigentlich, dass Sie ihn nett finden, das ist mein bester Freund." Barthel hat die Schüler von Beginn an in den Bann gezogen.

Der Test mit dem Bild vom fremden Mann wirkt. Und ist doch nicht so, wie man auf Anhieb meinen möchte. Denn auch wenn der Mann dort einst Barthels bester Freund war, ist er Sektenmitglied. "Er steht in einer Schweizer Sekte in der Hierarchie an zweiter Stelle", erklärt der Referent, der seit fünfeinhalb Jahren für die Präventionsarbeit in der Leitstelle für Sektenfragen in Berlin zuständig ist. "Wir hatten uns aus dem Blick verloren, ich dachte immer, ich kenne ihn gut", so Stefan Barthel. Doch sein ehemals bester Freund hat sich in etwas hineingesteigert. Er sei Opfer seiner eigenen Neugier geworden. Er wolle in die Seelen der Menschen blicken. "Diese Entwicklung meines Freundes hilft mir, zu verstehen, wie Menschen von Gedanken gefangen genommen werden können."

Die Gedanken der Elftklässler des Seelower Gymnasiums drehen sich eine Woche lang um Religion. Dass sie von ihnen nicht in negativer Weise gefangen genommen werden, dafür steht Stefan Barthel. "Ich zeige, welche Risiken und Nebenwirkungen es gibt. Dabei mische ich mich nicht in Glaubensinhalt ein, das ist Privatsache", erklärt er. Die Schüler hören ihm aufmerksam zu, berichten von ihren eigenen Erfahrungen mit Scientologen auf dem Alexanderplatz in Berlin oder Zeugen Jehovas an der Haustür.

"Es geht uns darum, konkret zu werden", sagt die Koordinatorin religionsphilosophischer Schulprojektwochen, Anne Trantow. Sie ist dafür verantwortlich, dass die Woche mit Seminaren, Diskussionen und Fahrten zu Moscheen und Kirchen vollgepackt ist. Für die Kurse hat sie Experten aus Berlin und Brandenburg gefunden, die entweder Kraft ihrer religiösen Einstellung berichten oder einen Draufblick haben. So wie Barthel. "Es geht hier nicht ums Missionieren, es geht um Orientierung", fasst es Trantow zusammen. Die Jugendlichen seien in diesem Jahr engagiert dabei und zeigen besonderes Interesse an Buddhismus und Hinduismus. Trotz der permanenten Aktualität ist das Thema Islam etwas in den Hintergrund gerückt. Doch auch in diesem Bereich gibt es viel zu erfahren und zu debattieren.

In Stefan Barthels Seminar wird besonders diskutiert, wie konfliktträchtige Sekten um Anhänger werben. Dabei ist es für den Referenten unerheblich, ob es religiöse Motive sind oder jemand einfach nur Geld machen will. "Am Anfang steht oft ein guter Gedanke, soziale Gerechtigkeit zum Beispiel", sagt er. Wenn dann aber Kinder zu Dingen gezwungen werden, Familien getrennt, man gesellschaftlich isoliert wird und es schließlich um Leben oder Tod der Mitglieder geht - dann geht es auch die Öffentlichkeit etwas an.

Da ist zum Beispiel die Werbeoffensive einer Firma, die Vitaminpräparate verkauft. "Vemma" spricht besonders Jugendliche an, erzählt ihnen, dass sie nur mit ihren Produkten und deren Vermarktung erfolgreich sein können. "Sie reden einem ein, dass, wenn man nicht erfolgreich ist, man auch selbst schuld ist." Jugendliche kaufen die Produkte, sollen zwei andere finden, die diese ebenso verkaufen - ein Schneeballsystem, bei dem man sich verschuldet.

In Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt spielt auch immer stärker die Reichsbürger-Bewegung eine Rolle. "Sie lehnen die Bundesrepublik ab, haben einen eigenen König gekrönt, eigene Pässe und Führerscheine." Bei der Aufzählung lachen die Jugendlichen. Aber Stefan Barteh warnt: "Es geht manchmal sehr schnell, dass man in solche Kreise hinein gerät." Doch eines wird im Seminar deutlich, was auch eine Schülerin Stefan Barthel erklärt: "Ich glaube, wir schauen heutzutage genauer hin - dank der Aufklärung."

Auszug aus der Checkliste für unbekannte Gruppen

(6 von 17 Hinweisen)

- Bei der Gruppe findest du das, was du bisher vergeblich gesucht hast. Sie weiß erstaunlich genau, was dir fehlt

- Das Weltbild der Gruppe ist verblüffend einfach und erklärt jedes Problem.

- Die Gruppe hat einen Meister, ein Medium, einen Führer oder Guru, der allein im Besitz der Wahrheit ist.

- Kritik durch Außenstehende wird als Beweis betrachtet, dass die Gruppe Recht hat.

- Die Welt treibt auf eine Katastrophe zu, und nur die Gruppe weiß, wie man die Welt retten kann.

- Die Gruppe will, dass du alle alten Beziehungen abbrichst, weil sie deine Entwicklung behindern.

Wenn mehrere Punkte zutreffen: Vorsicht!

Leitstelle für Sektenfragen

Senatsverwaltung Bildung, Jugend, Wissenschaft

Tel. 030 90227 5574

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