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Protestaktion in Berlin / Sinkende Ausbildungszahlen / Krankenhaus Märkisch-Oderland steigt bei Sowi ein

Gesundheitswesen
Physiotherapeuten bald Mangelware

Jens Sell / 07.06.2018, 06:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Die Physiotherapeuten machen mobil. 700 Briefe mit der Schilderung der  Sorgen von Heilmittelerbringern sollten am Dienstag im Bundesgesundheitsministerium übergeben werden. Das verweigerte die Annahme. Auch in Strausberger Praxen herrscht Notstand.

„Physiotherapeuten am Limit“, „Nicht ohne meinen Physiotherapeuten“ – so und ähnlich heißen die Aktionen, mit denen Tausende Vertreter dieses  Heilberufes, aber auch Logopäden und Ergotherapeuten, auf Missstände in ihrem Beruf aufmerksam machen. Am Dienstag wollten Aktivisten 700 Briefe von Physiotherapeuten dem Bundesgesundheitsministerium übergeben, doch trotz Ankündigung war niemand bereit, sie entgegenzunehmen: Kostenpflichtige Ausbildung, zu geringe Bezahlung und dementsprechend drohende Altersarmut, kostspielige Weiterbildungen, hohe Arbeitsbelastung, weil  sich immer weniger für diesen Beruf entscheiden. So der Tenor der Klagen eines ganzen Berufsstandes. Diese Probleme machen auch um die Strausberger Praxen keinen Bogen.

Einer, der die Probleme aus dem Effeff kennt, ist der Leiter der Sozialwirtschaftlichen Fortbildungsgesellschaft mbH Strausberg (Sowi), Gregor Weiß. Seit Jahren steckt er in der Problematik, ist für den Pflegeschulbund im Landespflegeausschuss: „Im Altenbericht von 2012 nahm die Prävention vor der Pflegebedürftigkeit – und dies ist ein Anliegen der Physiotherapie – zwei Drittel ein, aktuell ist keine Rede mehr davon, es geht nur noch um die Pflege.“ Doch wenn ein Therapeut es schafft, die stationäre Aufnahme eines alten Menschen in ein Pflegeheim nur ein Jahr hinauszuzögern, beispielsweise weil er ihn nach einem Krankenhausaufenthalt wegen eines Oberschenkelhalsbruches richtig wiederherstellt, spart er der Pflegekasse 150 000 Euro. 15 000 Euro kostet die dreijährige Ausbildung eines Physiotherapeuten an Schulgeld. Man könnte allein vom eingesparten Geld in einem Fall zehn neue Therapeuten ausbilden, rechnet Gregor Weiß vor. „Es gibt aber außerdem keine Ausbildungsvergütung. Wer also beispielsweise an der dem Krankenhaus Eisenhüttenstadt angeschlossenen Pflegeschule lernen möchte – wo die Kosten von den Krankenkassen getragen werden –, muss ja dort ein Zimmer mieten, aber wovon?“

Bis 2030 braucht Brandenburg 12 000 bis 15 000 neue Physiotherapeuten, das wären 1000 im Jahr. heute sind 335 insgesamt in Ausbildung. 2014 haben 118 die Ausbildung aufgenommen, 2016 waren davon 99 übrig, 62 schlossen erfolgreich ab. Hauptgründe für Gregor Weiß: „Die wirtschaftlichen Probleme während der Ausbildung, die finanziellen Aussichten angesichts der Vergütung unterhalb des geforderten Mindestlohns für Pflegekräfte, die Weiterbildungskosten, die sichere Altersarmut nach dem Beruf – das treibt die Leute aus der Ausbildung oder lässt sie den Beruf nach den ersten Jahren wechseln.“

In Strausberg ist die Misere schon seit Jahren deutlich: Wochenlange Wartezeiten für Behandlungstermine, Praxisschließungen, Überlastung der Therapeuten, Hausbesuche kaum noch möglich (Fahrkostenpauschale zehn Euro). Physiotherapeutin Anne Herde-Loewa sagt: „Das ist ein total schöner Beruf mit großer Vielfalt an Patienten und Therapien. Ich will ihn nicht aufgeben wie schon so viele Kollegen. Aber wenn ich nach den ersten 22 Berufsjahren meinen Rentenbescheid sehe, weiß ich, ich werde aufstocken müssen.“

Das Sowi war bisher übrigens die letzte private Pflegeschule in Brandenburg. Seit Montag ist das Krankenhaus Märkisch-Oderland als Gesellschafter eingestiegen. So kann die Finanzierung von zwölf Physiotherapie-Ausbildungsplätzen bei der Krankenkasse beantragt werden.

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