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Feldsteine
Körperlose Kerle mit Charakter

Entdeckungen in der Galerie „Bauernfluch“: Das vielköpfige Hobby von Helmut Lattwin (hinten) bewundern Jens Marzelin, Elke Fritzen und das Ehepaar Ryssel (v. l.).
Entdeckungen in der Galerie „Bauernfluch“: Das vielköpfige Hobby von Helmut Lattwin (hinten) bewundern Jens Marzelin, Elke Fritzen und das Ehepaar Ryssel (v. l.). © Foto: Gabriele Rataj
Gabriele Rataj / 13.06.2018, 06:30 Uhr - Aktualisiert 13.06.2018, 09:39
Rehfelde (MOZ) Bauern bringen sie auf dem Acker zum Fluchen. Täglich werden sie überall in der Region mit Füßen getreten. Die buckligen Feldsteine – lange Zeit Baumaterial für Häuser und Wege – hat sich Helmut Lattwin für ein besonderes Hobby auserkoren. Er gibt ihnen mit der Flex Gesicht.

Die Hexlein sind fast aus. Helmut Lattwin beugt bei der nächsten Besuchergruppe gleich vor. Ein einziges in Stein gebanntes Profil dieser längst nicht nur in Grimms Märchen vorkommenden Figur sei wohl noch da, sagt er, aber alle anderen hätten schon Abnehmer gefunden. „Doch schauen Sie sich erst mal in Ruhe um“, deutet der Strausberger auf die aufgebaute Freiluft-Galerie. Scharen von Köpfen warten darauf, dass ihnen neugierig ins Gesicht geschaut wird.

Sie haben eines gemeinsam. Alle sind sie aus Feldstein entstanden, rundgeschliffen vom Eis-Transport vor tausenden Jahren. Größere, Kleinere, Eiförmige, Bucklig-Verschrobene. Sie sind vielgestaltig genug, um ihnen mit Phantasie, Einfühlungsvermögen und handwerklichem Geschick unterschiedlichste Charaktere zu entlocken.

Denn Helmut Lattwin gebraucht allein die Flex als Werkzeug, arbeitet mit dem Winkelschleifer äußerst sparsam nur wesentliche Gesichtszüge heraus. Mal die hohe Stirn und mal das rundliche Gesicht betonend – immer dem Stein entsprechend, der sowohl Formen vorgeben kann oder auch durch seine Gesteinsart einen bestimmten Typus Mensch diktiert.

Es ist erst drei Jahre her, dass sich der inzwischen nicht mehr Berufstätige mit Feldsteinen befasst. Mit Mineralien habe er sich ein Leben lang beschäftigt, verrät er. Doch heute könne er nicht mehr so kraxeln und auf Suche gehen, wogegen es an Feldsteinen hierzulande nicht gerade mangele. „Die Bauern sagen mir Bescheid, wenn sie ackern.“ Dann sucht er sich einiges heraus und gibt dem später Gesicht.

Mit den ersten Hexlein im Rehfelder Hexenmärchenwald begann es, und inzwischen stehen derbe Kerle oder schöne Damen, seine Teichsteine mit eingeschliffenen Fisch-Strukturen oder auch die in Dachziegel gefrästen Eulen bereits an vielen Orten in Deutschland, aber auch in England und Korsika, berichtet er von Weitgereistem aus seiner Galerie „Bauerfluch“.

Mit den körperlosen Gesellen erlebt Helmut Lattwin „die tollsten Geschichten“. Da erinnert sich der eine beim Anblick eines seiner Werke an Opa Paul, ein anderer meint in einem weiteren den Mann von nebenan zu erkennen, ein Dritter rufe lachend aus: „Die sieht ja aus wie Gisela! Die nehmen wir mit.“

Elke Fritzen und Jens Marzelin, die mit Familie Ryssel per Fahrrad unterwegs sind, um endlich mal die Lattwinschen „Köppe“ in Augenschein zu nehmen, bewundern deren Vielfalt. Sie entdecken mal die klassisch gerade und mal die Haken-Nase, lassen den Blick über schlanke Stelen und passende Gesteinssockel, gekrönt von fast antik anmutenden Gesichtern, schweifen. Und stellen fest, dass sie die natürliche Vorlage für „Abt und Nonne“ sogar kennen: Eiche und Kiefer in der Strausberger Vorstadt, die an zwei Stellen zusammengewachsen sind.

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