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Der Strausberger Zeitzeuge Horst Raabe (89) erinnert sich an die turbulenten Tage vor 65 Jahren / „Dann bin ich abgehauen“

17. Juni
Zeitzeuge erinnert sich an den Volksaufstand

Horst Raabe, Zeitzeuge des Volksaufstandes vom 17.Juni 1953, aus Strausberg
Horst Raabe, Zeitzeuge des Volksaufstandes vom 17.Juni 1953, aus Strausberg © Foto: Jens Sell
Jens Sell / 17.06.2018, 07:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Vor 65 Jahren, am 17. Juni 1953, sagten viele Bauarbeiter in Berlin: So geht es nicht weiter. Sie gingen auf die Straßen, riefen zum Generalstreik auf. Volkspolizei und Sowjetarmee drängten sie zurück und schlugen die Erhebung nieder. Und dann ging die Schinderei so weiter, erinnert sich der Strausberger Horst Raabe.

Horst Raabe streicht sich über das faltenreiche Gesicht und sagt: „Ja, der 17. Juni, Mann, was wir da erlebt haben, das will doch heute keiner mehr hören.“ Doch dann gibt er sich einen Ruck und berichtet darüber. Wie er als Maurer 1949 nach Berlin ging. Dort wurde er 1953 in Hohenschönhausen beim Neubau von Wohnblöcken eingesetzt: „Wir mussten die Deckenbalken für die oberste Decke unterm Boden montieren. Die waren sieben Meter lang und aus Beton“, erzählt der 89-Jährige, „sie wurden mit der Hexe (dem Baulastenaufzug/js) nach oben gezogen.  Dann mussten wir den Balken mit Holzrollen in den Rohbau schieben und ihn zu zehnt oder zwölft an seinen Platz hieven.“ Die Schinderei habe sie so fertig gemacht, dass sie am frühen Nachmittag nicht mehr konnten. Und dann wurden die Normen erhöht. Die Stimmung war schon lange mies, doch dann, am 16. Juni 1953, als sie gerade beim Frühstück saßen, sagte sein Brigadier: „So geht‘s nicht weiter. Ich fahre jetzt zu einer Aussprache zur Stalinallee über die Normen.“

Mittags sei der Brigadier zurückgekommen und habe abgewunken: „Wir haben gar nichts erreicht. Packt ein, wir treffen uns am Haus der Ministerien, dort geht es jetzt weiter.“ Die Arbeiter seien dann von den Baustellen der Stadt mit der U-Bahn zur Wilhelmstraße gefahren, wo der Vorplatz schon voller wütender Menschen war. Horst Raabe unterbricht seinen Bericht: „Wenn heute einer sagt, das wäre alles vom Westen aus angezettelt worden, dann ist das Quatsch. Wir haben überhaupt keine Verbindung nach dem Westen gehabt. Dass der Westen das dann breit ausgewalzt hatte, war eine ganz andere Sache!“

Als die Wohnungsbauer vor dem früheren Reichsluftfahrtministerium ankamen, skandierten die Arbeiter dort: „Wir wollen Walter Ulbricht sehen!“ „Aber erst mal kam natürlich keiner. Wir standen da wie blöde in der Sonne, es war ein heißer Tag“, erzählt Horst Raabe. Doch dann trat unten aus der Tür der Minister für Schwerindustrie Fritz Selbmann. Zuvor hatten ihm Leute aus der Behörde einen Stuhl und einen Tisch hingestellt, auf den er hinaufstieg. Der Minister verschaffte sich Gehör, kam wohl aber nicht weit. Denn als er rief: „Liebe Kollegen!“, schrien hunderte Arbeiterkehlen: „Wir sind nicht deine Kollegen!“ „Die haben ihn vom Tisch geholt, da ist er wieder rein“, erinnert sich Horst Raabe. „Später kamen dann noch Genossen, die mir uns diskutieren wollten. Die wurden am Arm gepackt weggeschoben, dann gab es Rangeleien und die ersten Prügel.“ Einer in Maurerkluft kletterte dann auf den Bürotisch und schrie. „Das Theater machen wir nicht mehr länger mit! Das lassen wir uns nicht bieten! Wir rufen auf zum Generalstreik!“

Die Bauarbeiter hätten sich dann zum Demonstrationszug formiert und seien die Friedrichstraße hinunter Richtung S-Bahnhof gelaufen. In einer Seitenstraße habe ein Polizei-Lautsprecherwagen gestanden und auch mit „Liebe Kollegen“ sein Glück versucht. „Da sind ein paar hin, haben die Volkspolizisten aus dem Auto ,gebeten’ und sind damit unserem Zug vorangefahren“, erzählt Horst Raabe lächelnd. Sie riefen auf zum Generalstreik, und dass sich alle am nächsten Morgen um sieben auf dem Strausberger Platz versammeln sollten.

Am Morgen des 17. Juni stieg die ganze Brigade in Lichtenberg in  die U-Bahn und hörte, dass die nicht am Strausberger Platz halten werde: „Da sind wir eben eine Station vorher ausgestiegen und hin gelaufen.“ Doch dort angekommen, waren die meisten schon wieder weg – Ziel: Potsdamer Platz. Also seien sie zum Alex gefahren und zum Potsdamer Platz marschiert. Dort war der Tumult schon im Gange. Aus einem großen Bürogebäude flogen Akten, Feuer brannten, die Stimmung war aufgeheizt. „Wir randalierten und machten Spektakel, da wurde auch schon mal einer zusammengeschlagen.“ Autos wurden angehalten und Funktionäre aufgefordert, das Parteiabzeichen vom Revers zu ziehen. Doch dann rückten Polizisten mit Gewehren an. „Die haben eine Gasse gebildet, wir sollten da durch. Ich habe zu einem gesagt: Warum richtet ihr eure Gewehre nicht in die andere Richtung? Da hat er gesagt: Weißt du, was dann hier losgeht? Besser nicht!“ Gegen Mittag rollten die sowjetischen Panzer an. Es stießen auch noch Hennigsdorfer Stahlwerker hinzu und wollten ihnen helfen, doch angesichts der Panzer hätten sie hilf- und machtlos dagestanden. „Ein besonders Mutiger hatte einen Stahlträger aus einer Ruine gezogen und einem Panzer zwischen die Ketten gesteckt. Der blieb dann stehen und drehte sich. Als der Kommandant die Luke öffnete, flogen Steine aus den Ruinen. Da wurde in die Luft geschossen. Dann bin ich abgehauen, das wurde mir zu brenzlig.“

Horst Raabe fuhr mit der U-Bahn über Westberlin zur Warschauer Straße und lief nach Lichtenberg. Doch am 17. Juni 1953 fuhr in Ostberlin keine Bahn. So lief er bis ins Morgengrauen nach Fredersdorf-Nord, das damals noch Altlandsberg-Süd hieß, nach Hause, wo seine schwangere Frau Eva auf den 24-jährigen Maurer wartete. Auch wenn die SED-Führung damals schon am 16. Juni 1953 die Normerhöhung zurückgenommen hatte, sagt Horst Raabe: „Danach ging die Schinderei genau so weiter.“

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