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Mit Veranstaltungs-Dreiklang erinnerten etwa 40 Menschen in Müncheberg an die Pogromnacht vor 80 Jahren

Nationalsozialismus
Düsteres Kapitel ist unvergessen

Thomas Berger / 11.11.2018, 22:22 Uhr
Müncheberg Vor 80 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen, damals endgültiger Beginn der systematischen Judenverfolgung im Dritten Reich. Zum runden Jahrestag am Freitag gab es in Müncheberg einen besonderen Dreiklang des Gedenkens.

Knapp 40 Personen hatten sich zum Auftakt um 17 Uhr auf dem jüdischen Friedhof am Rande der Stadt eingefunden. Die Dunkelheit hatte sich bereits voll herabgesenkt, als das Lied „Es brennt“ erklang und im Anschluss Karin Bertheau mit dem 139. Psalm anschloss. Worten aus dem Alten Testament, die Christen wie Juden gleichermaßen als Bezugspunkt dienen, so die Pfarrerin. Kurz darauf versammelte sich die gleiche Runde, noch ergänzt um Bürgermeisterin Uta Barkusky (Linke), zum Blumenniederlegen an der Gedenktafel in der Rathausstraße. Sie freue sich, dass so viele erschienen sind, wiederholte das Stadtoberhaupt einen ähnlichen Satz der Pfarrerin auf dem Friedhof. Nachdem sonst immer nur fünf, sechs Leute ein symbolisches Gedenken abgehalten hätten, sei dies nun ein klares Zeichen.

Den runden Jahrestag der schrecklichen Ereignisse 1938 besonders ins Bewusstsein zu holen, war eine echte Gemeinschaftsaktion, an der auch der Heimatgeschichtsverein seinen Anteil hat. Dessen Vorsitzender Frank Geißler hatte gerade den neuen „Torwächter“ in den Druck gebracht. Die aktuelle Ausgabe der Vereins-Stadtzeitung ist auf 16 Seiten komplett der Geschichte der Müncheberger Juden gewidmet. Einerseits wird bereits Bekanntes da noch einmal hervorgehoben. Doch es gibt auch einige neue Erkenntnisse, die sich in den Beiträgen finden. Von seinerzeit etwa 30 jüdischen Münchebergern sind inzwischen zu 20 Geburts- und Sterbedaten bekannt. Der im Vorjahr verstorbene Heimathistoriker Klaus Stieger hatte bereits 2015 allerlei Rechercheergebnisse gesammelt, was dank Hilfe seiner Witwe mit Zugriff auf das Material nun endlich veröffentlicht werden könne, so Geißler.

Die Müncheberger Synagoge, ein fünf mal fünf mal neun Meter großes Haus mit Raum für etwa 60 Gläubige, stand damals in der Hinterstraße. Nachdem sich alle als Station drei schließlich in der Stadtpfarrkirche St. Marien zur Hauptveranstaltung eingefunden hatten, las Heimatgeschichtsvereins-Mitglied Horst Grothe aus den Erinnerungen seiner Frau an jene verhängnisvollen Nachtstunden am 9. November 1938. Elf, zwölf Jahre jung waren sie und ihre Freundin, die bei ihr schlafen durfte. Rund um die Stunde null wurden die beiden Mädchen von Krach in der Nähe wach. „Glas splitterte, und immer diese dumpfen Schläge“, dazu kurz darauf der Lichtschein der in Brand gesetzten Synagoge. „SA-Leute fuchtelten mit Äxten und Knuten den Menschen vor dem Gesicht (...) wir weinten beide und hielten uns eng umschlungen.“

Eine Schilderung zum lokalen Geschehen, deren Faden Uwe von Seltmann aufgriff. Der Autor hatte gerade am Vortag Buch-premiere mit seinem 400-Seiten-Werk „Es brennt“ über Mordechai Gebirtig. „Die Exemplare, die ich mithabe, riechen noch richtig nach Druckerei“, sagte von Seltmann, der über den Schöpfer von insgesamt 180 jiddischen Liedern ursprünglich einen Film produzieren wollte. Mangels ausreichender Finanzierung stockt dieses Projekt noch etwas, einen Teil des Materials bekamen die Besucher in Müncheberg aber in kurzen Videosequenzen zur Untermalung seines Vortrages zu Gesicht. Gebirtig, wie andere Juden im Krakauer Ghetto am 4. Juni 1942 von Nazi-Soldaten ermordet, war eigentlich Tischler, „der tagsüber an Möbeln hobelt und abends an Liedern“. Zwar fehlte ihm jede musikalische Ausbildung, doch schuf er oftmals auch von ihm selbst vertonte Gedichte, die vorrangig vom schwierigen Leben in Kazimierz erzählen. Jenem besonders armen jüdischen Viertel Krakaus, wo auch er 1877 als achtes Kind einer bitterarmen Familie geboren wurde und die meiste Zeit seines Lebens wohnte.

Uwe von Seltmann hat das Leben eines Mannes der drohenden Vergessenheit entrissen, der nicht zuletzt mit seinen Liedern anderen Hoffnung gab. Selbst im Ghetto schrieb er bis kurz vor seinem Tod weiter, über die Tochter des befreundeten Komponisten Julius Hoffmann wurden die letzten Werke gerettet. Etliche Menschen lässt von Seltmann zu Wort kommen. So Emanuel Elbinger alias Pal Mundek, der letzte Jiddisch-Muttersprachler Krakaus, der bald nach dem Interview starb. Das für das Buch titelgebende „Es brennt“, Gebirtigs bekanntestes Lied, schrieb dieser übrigens 1936 über ein Pogrom in einer Kleinstadt. Von Seltmann will nicht nur an Gebirtig erinnern, sondern insgesamt die reiche jiddische Kultur, die mit der Ermordung von Millionen nur teilweise überlebt hat.

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