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Szenische Lesung 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs bereitet dessen Grauen als brandaktuelle Friedensmahnung auf

Mahnung
Vom Menschsein im Unmenschlichen

Beeindruckende Leistung: Es lasen v. l. Pfarrer Matthias Scheufele, die Schüler Luise Schlüter, Saskia Marschall, Annalena Becker, Marie Stehler, Jan Sander und Schauspieler UIrich Voß.
Beeindruckende Leistung: Es lasen v. l. Pfarrer Matthias Scheufele, die Schüler Luise Schlüter, Saskia Marschall, Annalena Becker, Marie Stehler, Jan Sander und Schauspieler UIrich Voß. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 20.11.2018, 07:15 Uhr
Neuenhagen (MOZ) Bewusst am Volkstrauertag, Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, fand am Einstein-Gymnasium eine besondere Veranstaltung statt: In einer szenischen Lesung wurde an das Grauen des Ersten Weltkriegs erinnert, der vor 100 Jahren zu Ende ging.

Er wird als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Der erste Krieg, in dem Massenvernichtungswaffen zum Einsatz kamen. „Der bis dato größte Krieg der Weltgeschichte, an dem 40 Staaten teilnahmen und insgesamt 70 Millionen Menschen unter Waffen standen“, wie Schauspieler Ulrich Voß, der in Zwischentexten die historische Einordnung des Geschehens vornahm, ins Bewusstsein rief. Allein zehn Millionen Soldaten kehrten nicht von den Schlachtfeldern zurück, weitere 20 Millionen oft schwer verletzt, die Zahl der zivilen Opfer kann mit sieben Millionen bis heute nur grob geschätzt werden.

Solche Zahlen gibt es auch für die Jugend im Geschichtsbuch oder notfalls im Internet nachzulesen. Sie lassen innehalten, bleiben aber anonym. Für alle beteiligten Schüler am EGN, die sich über Monate hinweg in dieses besondere Projekt eingebracht haben, gibt es nun aber persönliche Zugänge. So wie für die gut 100 Besucher aller Altersgruppen zur Lesung in der neuen Aula, die diese zweistündige Zeitreise tief bewegt hat. 1200 Seiten Material umfasst die Verborgene Chronik mit ihren 1500 bisher unveröffentlichten Tagebucheinträgen aus den Jahren 1914 bis 1918, die Raymund Stolze von der Gruppe machart im Bürgerverein Hönow eher zufällig in die Hände fiel. Schon die Auswahl der Passagen war eine enorme Leistung, ebenso am Sonntag die Darbietung durch die Lesenden. Unzählige Puzzleteile fügten sich da zu einem Gesamtbild zusammen. Geeint im zunehmenden Schrecken des Krieges, aber überaus nuancenreich in der jeweiligen Sichtweise und Wahrnehmung. Zwar reduziert auf die deutsche Perspektive, in der Vielfalt aber wiederum übertragbar auf andere damals beteiligte Nationen.

Gerade hierzulande war die Kriegseuphorie anfangs enorm. Überschäumender Patriotismus durchzieht alle frühen Einträge, viele junge Männer drängte es geradezu ins Feld. Erst schrittweise, von Kriegsjahr zu Kriegsjahr zunehmend, machten sich Ernüchterung, Nachdenklichkeit, Verzweiflung breit. Besonders ungetrübt quillt der pauschale Hass auf alle „Feinde“ aus den Worten eines Oberst a. D. in Schlesien, dem Ulrich Voß seine Stimme lieh. Matthias Scheufele, Pfarrer der evangelischen Gemeinde, schlüpfte wiederum in den Militärgeistlichen Siegfried Eggebrecht, der anfangs angesteckt ist vom allgemeinen Rausch, dann aber den Tod seines eigenen Bruders im Lazarett miterleben muss und am Ende die Last von immer mehr abverlangten Trostworten bei Beerdigungen kaum mehr tragen kann.

Zwischendrin durch die Jugendlichen Passagen junger Soldaten an der Front, Angehöriger daheim, Bürger unterschiedlichen Alters. Ein Tag schulfrei, „wegen des Sieges bei Metz“. Amputation bei einem Verwundeten, „zwölf Stunden später war er tot“, Hunger im Schützengraben und spätestens im Winter 1917 auch massenweise landesweit. Test neuer Gasmasken oder Eindrücke einer Feldweihnacht. „Selbst die Toten haben keine Ruhe“, schrieb ein Soldat, eine Frau vermerkte Anfang 1917: „Der Wille zu  Frieden ist mächtig geworden.“ Von einem „irrsinnig gewordenen Zeitalter“ ist die Rede. Und am Ende bleibt, einschließlich der zuletzt verlesenen 108 Namen gefallener Neuenhagener, die Botschaft von der Wichtigkeit des Friedens. Das unterstrich neben Schulleiterin Edelgard Pecher zur Begrüßung auch Lehrerin Claudia Gawellek, die allen Beteiligten dankte, besonders Raymund und Gabriele Stolze. Da im Geschichtsunterricht oft die Zeit fehle, habe das Projekt, gefördert von der Sparkassenstiftung, dieses Kapitel nachhaltig mit Leben erfüllt.

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