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Prozess um Gewaltexzess an kleinem Mädchen am Amtsgericht Bad Freienwalde fortgesetzt / Angehörige wollen nichts bemerkt haben

Prozess
Misshandlung offenbar geduldet

Ein Richter im Gerichtssaal, das Strafgesetzbuch (StGB) in der Hand.
Ein Richter im Gerichtssaal, das Strafgesetzbuch (StGB) in der Hand. © Foto: Oliver Berg
Nadja Voigt / 11.01.2019, 07:00 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) Im Fall des schwerst misshandelten kleinen Mädchens fand am Mittwoch der nunmehr vierte Verhandlungstag statt. Dabei hatten weitere Zeugen das Wort. Darunter auch Familienangehörige. Von den Misshandlungen wollen sie nichts mitbekommen haben.

„Es muss eine längere massive Misshandlung gegeben haben“, platzte es aus dem Richter in der erneut fast vierstündigen Verhandlung am Amtsgericht in Bad Freienwalde heraus. „Das muss doch jemand in der Familie mitbekommen haben!“ Auf der Anklagebank sitzen der Stiefvater und die Mutter des damals zweijährigen Mädchens, das im Oktober 2016 mit Knochenbrüchen an allen Ober- und Unterarmen in Berlin-Buch behandelt wurde. Zwei Wochen nach dem mutmaßlichen Gewaltexzess.

Wer dafür die Schuld trägt, das versucht das Gericht seit Prozessbeginn im vergangenen Jahr zu klären. Nachdem zunächst die Mutter und die behandelnden Ärzte das Wort hatten, wurden nun die Schwester der Angeklagten und die Mutter des Angeklagten in den Zeugenstand gerufen.

„Sie wissen, was ihrem Sohn vorgeworfen wird?“, fragte der Richter. „Ja. Aber ich kann mir das nicht vorstellen“, so die Mutter des Angeklagten. „Die Kleine war ein ruhiges Mädchen. An ihr ist mir nur aufgefallen, dass sie sehr dünne Haare hatte.“ Dazu habe die Mutter des Mädchens jedoch erklärt, diese hätte sie als Kind auch gehabt und die Kleine sei deswegen in Behandlung.

In desolatem Zustand – mit ausgerissenen Haaren, blass, verhaltensauffällig – wurde das Kind in Berlin-Buch aufgenommen. Wohl zwei Wochen nach einem Gewaltexzess, bei dem dem Kleinkind alle Armknochen gebrochen wurden. In Wort und Bild berichtete der damals behandelnde Kinderchirurg nun als Zeuge vom Ausmaß der Misshandlungen. „Kommt ein Schlagring als Waffe in Betracht?“, wollte der Anwalt der Mutter angesichts der massiven Knochenbrüche wissen. „Es würde auch ein Stock passen“, so der Mediziner.

Die Sozialarbeiterin des Krankenhauses stellte ebenfalls heraus, dass in Buch schnell klar war, dass die Geschichte der beiden Angeklagten, es habe sich um einen Unfall gehandelt, haltlos sei. Im Zuge der Behandlung von dem Mädchen und seiner Mutter – dem Stiefvater war Hausverbot erteilt worden – habe die Angeklagte vermittelt, dass ihr damaliger Lebensgefährte dem Kind das angetan habe. Und sie selbst habe das nicht verhindern können, erinnerte sich die Sozialarbeiterin. „Sie hat in einem psychischen Abhängigkeitsverhältnis gelebt und litt unter einer Persönlichkeitsstörung.“ Deshalb seien Mutter und Kind auch zeitweilig getrennt worden. „Sie war selbst wie ein Kind“, so die Zeugin über die Angeklagte. „Es gab ganz klar eine Bindungsstörung.“ Sie beschrieb die Mutter des Mädchens außerdem als passiv und devot. In der Arbeit mit der Mutter wurde auch ihre Täterschaft zum Thema gemacht, berichtete die Koordinatorin der Kinderschutzgruppe am Klinikum weiter. Es sei ganz klar darauf hingewiesen worden, dass Misshandlung viele Gesichter habe. Und dass sie aktiv aber auch passiv erfolgen kann. Ob die Mutter der Tochter aktiv etwas angetan hat, könne sie aber nicht sagen, so die Zeugin weiter. Mit dem Krankheitsbild, dass die Mutter in der Klinik gezeigt habe, sei dies jedoch kaum anzunehmen.

Das Bild, das Mutter und Tochter in der Klinik abgegeben haben müssen, rührte die Schwester der Angeklagten noch zwei Jahre nach dem Vorfall zu Tränen. Sie hatte beide in Buch besucht und schon vorher Bedenken an der Geschichte über den angeblichen Unfall des Mädchens angemeldet. „Das kam mir komisch vor“, sagte sie am Mittwoch vor Gericht aus. Wie es zu den Verletzungen kam, wisse sie nicht, habe ihre Schwester auf Nachfrage gesagt. „Und das haben sie ihr geglaubt?“, hakte der Richter nach. „Ja,“ so die Tante des Mädchens. Weiter insistiert habe sie allerdings nicht.

„Ich drehe jedes Steinchen um“, kündigte der vorsitzende Richter am Amtsgericht an. Und beraumte einen neuen Verhandlungstermin zum Ende des Monats an. Dann sollen unter anderem die Eltern der Angeklagten gehört werden.

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