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Ökofilmtour-Abend hinterfragt den Drang nach immer mehr / Auch regionale Landwirtschaft als Beispiel

Filmtour
Besessen vom anhaltenden Wachstum

Im Gespräch: Mit Junglandwirte-Aktivistin Julia Bar-Tal gab es am Ende noch den Blick auf regionale Entwicklungen.
Im Gespräch: Mit Junglandwirte-Aktivistin Julia Bar-Tal gab es am Ende noch den Blick auf regionale Entwicklungen. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 25.02.2019, 07:30 Uhr
Reichenow (MOZ) „System Error“ gehört zweifellos zu den tiefgründigsten und erschütterndsten Filmen im Rahmen der Ökofilmtour, nicht nur in diesem Jahr. Arbeitet sich Filmemacher Florian Opitz doch am Grundpfeiler des modernen Wirtschaftslebens ab: Der Jagd nach immer mehr. „Eine Gesellschaft ohne Wachstum kann es nicht geben“, sagt im Film ein ehemaliger Chef des BDI, Deutschlands mächtigstem Wirtschafts-Lobbyverband. „Wachstum ist ein Naturgesetz“, äußert sich ein führender Manager von Audi in Ingolstadt. Und auch Anthony Scaramucci, einer der mächtigsten Hedgefonds-Chefs sowie Berater von US-Präsident Donald Trump, stößt ins gleiche Horn. „Unsere Kunden erwarten derzeit etwa vier Prozent Rendite“, erklärt wiederum Andreas Gruber, der Chefinvestor von Allianz, der für 600 Milliarden Euro verantwortlich ist. Auch er kann sich eine Welt ohne Wachstum nicht vorstellen.

Der Film blickt zurück bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs mit der ersten Massenproduktion in den USA, später dem deutschen Wirtschaftswunder, mit der Herausbildung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) als mächtigste Kennzahl, auf die alle schauen. Obwohl sie, wie Norbert Räth vom Statistischen Bundesamt einräumt, so etwas wie das Artensterben als Nebeneffekt nicht mit einberechnen kann, weil das in Dollar oder Euro nicht bezifferbar ist. Dafür werde unter dem BIP auch unwirtschaftliches Wachstum einbezogen, so der Ökonom Tim Jackson, der immer wieder als kritische Stimme auftaucht. Manche wie die Großagrarier im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, wo die Filmcrew bei den Riesenfarmen auf ehemaligem Urwaldboden ebenfalls Station macht, blenden das völlig aus. Dafür hat Opitz auch ehemalige Fondsmanager und andere Vertreter der Finanzwirtschaft aufgespürt, die freimütig einräumen: „Wir haben das System nicht mehr unter Kontrolle.“ Erst recht nicht den heutigen Hochfrequenzhandel mit Aktien, den Computer im Nanosekundentakt abwickeln.

Die Gastgeber vom Dorfverein MöHRe im Bündnis mit der Nabu-Ortsgruppe ließen das Pub-likum am Freitagabend aber nicht mit der düsteren Bilanz aus dem Haupt- sowie dem kurzen Ergänzungsfilm zum Thema Landgrabbing stehen. Es gibt auch erfolgreiche alternative Ansätze, führte Julia Bar-Tal am Beispiel ihres Hofes in Bienenwerder bei Müncheberg aus. Dennoch sei es für das kleine Betreiberkollektiv ein harter Kampf, nicht zuletzt wegen der anhaltenden Preisspirale bei den Ackerlandpreisen. Nach 3000 bis 4000 Euro pro Hektar im Jahr 2003 sei man nun bei 15 000 bis über 20 000 Euro angelangt. Nicht nur Kleinstbetriebe mache das kaputt, auch größere Einheiten hätten darunter zu leiden.

Die Referentin verwies darauf, dass von 800 Millionen Hungernden weltweit 80 Prozent im ländlichen Raum leben, oft selbst im Agrarsektor tätig seien. „Hunger entsteht durch ungerechte Verteilung, nicht durch zu wenig Produktion“, hob sie hervor.

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