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Allein im Juni rückten die Strausberger Kameraden 44 Mal aus. Eine Brandstiftungsserie ist jetzt aufgeklärt.

Alarmstaccato
Strausberger Feuerwehr im Dauerstress

Entspanntes Nachgespräch im Gerätehaus: Der stellvertretende Ortswehrführer Jürgen Schulz, Gerätewart Jens Engelmann und die Löschmänner Henry und John Wedding (v. l.) werten den Großeinsatz vom Sonnabend am Handelscentrum aus.
Entspanntes Nachgespräch im Gerätehaus: Der stellvertretende Ortswehrführer Jürgen Schulz, Gerätewart Jens Engelmann und die Löschmänner Henry und John Wedding (v. l.) werten den Großeinsatz vom Sonnabend am Handelscentrum aus. © Foto: Jens Sell
Jens Sell / 25.06.2019, 18:30 Uhr
Strausberg (MOZ) Manchmal sagt meine Frau: ,Ach, sieht man dich auch mal wieder?’", sagt Jens Engelmann, der Gerätewart der Freiwilligen Feuerwehr Strausberg, "unsere Frauen wissen manchmal gar nicht mehr, wie wir aussehen." Und der stellvertretende Stadtwehrführer Jürgen Schulz ergänzt: "Man muss dieses Ehrenamt mit Hingabe und auch mit Lust machen, sonst kann man es sein lassen."

Denn nach 44 Einsätzen allein im Juni bis Dienstagnachmittag sind die Strausberger Einsatzkräfte ziemlich am Ende ihrer Kräfte. Deshalb hat Stadtbrandmeister Uwe Schmidt die turnusmäßige Ausbildung am Dienstagabend zugunsten eines Auswertungsgesprächs der zurückliegenden Tage ausfallen lassen. Allein zehnmal mussten sie wegen der Brandstiftungsserie in der Vorstadt ausrücken, berichtet Jürgen Schulz, jedes Mal zwischen 23 Uhr und Mitternacht.

"Wer arbeiten geht, legt sich spätestens elf Uhr abends schlafen, und dann kommt in der ersten Tiefschlafphase der Alarm", sagt Jürgen Schulz. Das Ablöschen eines Papiercontainers gehe freilich schnell, doch müsse der Einsatz nachbereitet werden, und komme man dann um eins ins Bett, ist man noch aufgeputscht. "Wir müssen auch froh sein, dass viele der Arbeitgeber so viel Verständnis haben. Manche haben unsere Kameraden nach so einem Nachteinsatz auch nach Hause geschickt, um sich auszuschlafen", sagt Schulz dankbar.

Seit dem starken Sturm vor zwei Wochen ist die Wehr nicht zur Ruhe gekommen. Schon an jenem Mittwoch hatte der "eine" Einsatz 15 Einsatzstellen, die schärfste in der Philipp-Müller-Straße, wo eine Pappel quer auf sechs Autos gefallen war. Drei Einsätze an einem Tag waren keine Seltenheit. Mal ein Verkehrsunfall jenseits des Sees, eine Türnotöffnung, eine tote Frau im Straussee, eine kleiner Brand, der keiner war, eine Brandmeldeanlage im Gewerbegebiet und immer wieder nachts die Mülltonnen.

Übergreifen nicht zu verhindern

Und dann der Brand des Reifenstapels, der sich auf das  Handelscentrum ausweitete. In der Analyse des Geschehens stellt Jürgen Schulz, der den ersten Angriff leitete, fest: "Das Dach von Medimax und Rossmann war im Grunde schon verloren, als wir ankamen." Denn die Hitze des brennenden Reifenstapels und die unverbrannten Gase hatten schon auf die Dachkonstruktion eingewirkt, als die Männer noch die Reifen löschten. Der anschließende Einsatz der Wehren auch aus Petershagen-Eggersdorf und Rehfelde, die mit Wasserriegeln und Lüftungssystemen größeren Schaden verhinderten, verlief hoch professionell, bestätigt Karsten Schulz aus Fredersdorf-Vogelsdorf, der den Bereitstellungsraum leitete.

Jürgen Schulz betont: "Wir danken auch den Strausbergern, die uns Hilfe anboten." Überhaupt loben die Feuerwehrleute, wie stark der Rückhalt in der Bevölkerung ist. Sei es nur ein hochgestreckter Daumen, den Autofahrer zeigen, wenn sie am Gerätehaus vorbeifahren und Jens Engelmann dort stehen sehen, sei es die Frau, die mit zwei großen Wasserflaschen und Bechern am Handelscentrum zu den Feuerwehrkameraden kam. "Auch unsere Bürgermeisterin kam wie schon so oft mit Getränken zu uns, das finden wir immer toll", sagt Jürgen Schulz. Außerdem hätten sich mehrere Firmen umgehend um die Versorgung der Einsatzkräfte gekümmert. Davon abgesehen, sind auf den Einsatzfahrzeugen immer nicht nur Löschwasser, sondern auch Trinkwasserflaschen für die Kameraden an Bord. Mindestens ein Liter sei das, und bei kleineren Einsätzen reiche das ja auch.

Den Entrüstungssturm in sozialen Medien  über die "Gaffer" kann der stellvertretende Stadtwehrführer nicht nachvollziehen: "Die Leute waren vorn bei McDonalds und hinter dem Zaun an der Goethestraße, das war völlig in Ordnung. Es ist doch klar, dass man so ein Ereignis sehen will. Und solange die Einsatzkräfte nicht behindert werden, ist da nichts gegen zu sagen." Dass dann Familienväter mit Kindern in der Rauchwolke standen, sei allerdings nicht zu begreifen.

Frühstück genossen

Mit der Ergreifung des Vorstadt-Serienbrandstifters sind allerdings noch nicht alle fahrlässigen oder vorsätzlichen Brandstiftungen in Strausberg während der vergangenen zwei Wochen geklärt, so zum Beispiel nicht der Brand des Musikpavillons des Seegasthofes. Dessen Inhaberin hatte alle Einsatzkräfte dieser Tage zum Frühstück eingeladen, und am Dienstag haben die Kameraden aus Petershagen-Eggersdorf und Strausberg dies wahrgenommen. Im Namen der Stadt danken Bürgermeisterin Elke Stadeler, Steffen Schuster als Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung sowie die SWG als Eigentümer des Haus am See den Einsatzkräften aus Strausberg und Märkisch-Oderland.

18-Jähriger gesteht Brandstiftungen

Der Feuerteufel gesteht in der Vernehmung durch die Strausberger Kriminalpolizei acht Straftaten, teilte Polizeisprecherin Bärbel Cotte-Weiß Dienstagnachmittag mit. Die Strausberger Feuerwehr spricht aber von zehn Bränden in der Vorstadt. Polizei: "Ein Zusammenhang mit dem Brand im Handelscentrum in Strausberg am 22. Juni besteht nach bisherigen Erkenntnissen nicht."⇥js

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