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Jugendliche Straftäter
JVA Wriezen – aus dem Knast zurück ins Leben

Meta Reffert / 09.12.2019, 13:50 Uhr - Aktualisiert 09.12.2019, 14:57
Wriezen (Freie Autorin) In der Justizvollzugsanstalt Wriezen sitzen junge Männer Haftstrafen von sechs Monaten bis zu mehreren Jahren ab. Meta Reffert (16), Mitglied der Jugendredaktion, sah sich dort um.

Die Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) für Jugendliche in Wriezen sehen nicht besonders einladend aus. Hinter den hohen, grauen Wänden sitzen junge Männer wegen Mordes, Drogendealens, Erpressung oder schwerer Körperverletzung. Diese Vorstellung lässt großen Respekt vor dieser Grenze aufkommen.

Passiert man diese, bekommt man eine Ahnung, was das Ziel einer Haftstrafe ist. "Der Haftaufenthalt soll keine Unterbrechung des Lebensalltags sein. Wir möchten eine Leiter herstellen, damit die Häftlinge wieder in die Gesellschaft zurückkehren können", erklärt Wolf-Dietrich Voigt, Leiter der Anstalt. Ziel der JVA für Jugendliche ist es, ihnen eine neue Perspektive zu geben. Deswegen bietet das Gefängnis verschiedene Programme an, um die jungen Männer auf ihren Wiedereinstieg in die Gesellschaft vorzubereiten. Sie können Ausbildungen in den Bereichen Holzbearbeitung, Maler und Lackierer, Bau und Fliesenleger beginnen. Auch versäumte Schulabschlüsse der neunten und zehnten Klasse können sie nachholen, vor kurzem hat ein Häftling sogar sein Abitur absolviert.

Yvonne Lehnert (46)  ist seit 1999 im Strafvollzug tätig. Sie arbeitet in der Sozialtherapeutischen Abteilung (SothA) des Gefängnisses. Eine mittelgroße blonde Frau, die jedem Häftling zulächelt und ihn mit dem Wort "Mahlzeit" begrüßt. Yvonne Lehnert besitzt eine große Menschenkenntnis und betrachtet stets zuversichtlich die Lage. Gleich zu Anfang stellt sie lächelnd klar: "Wir sind keine Wärter. Wärter sind Zoowärter. Wir sind Bedienstete."

Therapien gegen Suchtprobleme

In der SothA sitzen Gefangene, die besondere Betreuung benötigen, Menschen, denen mit Therapien geholfen werden kann. Das Gefängnis bietet Kurse zur Suchtberatung und Psychotherapien an. Es geht darum, bei der Entlassung kein "Auf Wiedersehen!" sagen zu müssen. "Die meisten Wiederholungstäter sind diejenigen, die ein Suchtproblem haben. Sie rutschen in die Beschaffungskriminalität ab. Wer einmal im Drogenmilieu steckt, dem ist oft nicht mehr allzu einfach zu helfen", beschreibt die Angestellte.

Die meisten Häftlinge kommen aus sozial schwachen Familien, hätten keine richtige Erziehung genossen oder seien  in kriminelle Kreise hineingeraten. "Die finden in frühen Jahren den falschen Freundeskreis, verfallen der Kriminalität und lassen sich nichts mehr sagen. Und wollen den Einfluss von Mama und Papa nicht mehr, egal wie rührend sich diese kümmern", sagt die 46-Jährige und sieht über den Innenhof des Gefängnisses hinweg. Drei große Gebäude dominieren ihn. Eines für den geschlossenen Vollzug, eines für die Untersuchungshaft und ein drittes Gebäude für die SothA. Vereinzelt laufen Häftlinge über den Hof, immer in Begleitung eines Angestellten. Manche Gefangene stehen an ihren Fenstern. Sieht man sie vom Hof aus an, blenden Gitterstäbe schmale Partien des Gesichts aus. Beugt sich ein zweiter hinaus und die beiden kennen sich, unterhalten sie sich. "Manchmal brüllen sie über den kompletten Hof", beschreibt Yvonne Lehnert lächelnd solche Situationen.

In das Gebäude der Sozialtherapeutischen Abteilung führen zwei Türen, beide durch Schlösser gesichert, die die Bedienstete mit einem Schlüssel ihres enormen Schlüsselbundes aufschließt. Im Eingangsbereich des Gebäudes ist eine Sitzecke aufgebaut, in der sich zwei junge Männer befinden, vor ihnen ein Aschenbecher mit ausgedrückten Kippen. Gegenüber der Sitzecke hängt ein großes Schild, auf dem zu lesen steht: "Man ist nur in dem Maße zur Freiheit reif, als man zur Selbstkritik fähig ist". Der Gang der "Zellen" ist karg, an den Wänden neben den Stahltüren hängen Tattoos von Schauspielern oder anderen Berühmtheiten, beispielsweise Bob Marley. "Die hängen hier, um ein wenig Alltag und Vertrautheit reinzubringen", schmunzelt Yvonne Lehnert und deutet auf die dekorierten Wände.

Jeder bekommt ein eigenes Zimmer

Bei einigen Zimmern stehen die Türen offen. Jeder Häftling erhält mittlerweile aufgrund der gesetzlichen Vorgaben ein eigenes Zimmer. Yvonne Lehnert tritt in eines der Zimmer. Ein Bett, gegenüber ein Fernseher und ein Telefon. Eine separate Toilette und Schreibtisch. Wie in einer Jugendherberge. Links neben der Tür ist eine Pinnwand. An ihr hängen die Haftunterlagen in einer Klarsichtfolie, viele Bilder von Familie und Freunden, eine Postkarte. Ein Kreuz hängt über dem Kopfende des Bettes. Die Vorhänge sind zugezogen, sodass das vergitterte Fenster nicht zu sehen ist. Das Ganze erinnert eher an das Zimmer eines 14-jährigen Jungen, wenn man die Gitter vor dem Fenster und die Stahltür außer Acht lässt. "In jedem Zimmer befinden sich ein Fernseher und ein Telefon. Der Fernseher ist mit drei Standardsendern ausgestattet. Weitere Sender müssen sich die Häftlinge dazukaufen. Die ersten zehn Minuten telefonieren im Monat sind frei, der Rest muss bezahlt werden. Wen die Jugendlichen kontaktieren wollen, muss erst von uns überprüft werden. Sie dürfen bis zu zehn Nummern mit ihrem Telefon anrufen", erklärt Yvonne Lehnert.

Vom Gang, der Waschküche und Duschraum trennt, führen einige Stufen in den Hof hinab. Eine kleine Grünfläche bildet den Mittelpunkt. Um sie herum führt eine Laufbahn. An einer Ecke steht ein Mülleimer mit Ascher, daneben ist ein Gartenbeet. Ein Hoch-Beet, in dem die Teilnehmer des Gartenkurses mittlerweile schon Tomaten anbauen, erzählt Yvonne Lehnert stolz. Die Gefangenen sollen lernen, was es heißt, Pflanzen zu ziehen und sie wachsen zu lassen. "Manche wissen gar nicht, dass es Zeit braucht, bis eine Gurke essbar ist. Die wachsen nicht in Supermarktregalen", bemerkt die 46-Jährige. Eine Sitzecke steht daneben, davor ein überdimensionales Schachfeld. Figuren, so groß wie Kleinkinder. Ein Mitarbeiter leitet die Schach-AG. Hinter dem "Garten" der SothA wurde ein Sportplatz angelegt. Von ihm aus kommt gerade eine Gruppe junger Männer, in Begleitung eines Aufsehers, zurück. Sie scherzen untereinander, sogar mit dem uniformierten Mann.

"Ich werde versuchen, nicht wiederzukommen"

Der 21-jährige W. ist kräftig, fast 1,80 Meter groß, mit breiten Schultern. Er trägt Arbeitskleidung, ein hellbraunes Shirt und eine verstaubte Hose. Die Muskeln seiner Oberarme füllen die Ärmel des Shirts gut aus. Er wurde wegen schwerer Körperverletzung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. "Aber das ist gut so. Ein Jahr vergisst man leichter, dass hätte ich vielleicht auf die leichte Schulter genommen", äußert sich der angehende Hochbaufacharbeiter, eine Vorstufe des Maurerberufes. "Wir haben einen geregelten Tagesablauf. Um sechs stehen wir auf und um 6.45 Uhr gehen wir zum Ausbildungszentrum. Dort arbeiten wir bis 14 oder 15 Uhr, zwischendurch haben wir eine Mittagspause", beschreibt der junge Mann seinen Alltag. Nachmittags hätten die Gefangenen Freizeit. "Wenn ich nicht im Ausbildungszentrum bin, bin ich bei der Therapie der SothA oder draußen mit den Jungs Fußball spielen. Oder wir spielen Wii", führt der 21-Jährige aus.

W. ist freundlich, aufgeschlossen. Im Oktober nächsten Jahres wird er entlassen, voraussichtlich aber schon früher, sagt Yvonne Lehnert. Dann möchte W. den Führerschein nachholen, sich eine Wohnung und Arbeit suchen. "Ich finde es gut, dass ich hier gelandet bin, das hat mir eine neue Perspektive gegeben. Ich habe gelernt, das Leben zu genießen und die Freiheit zu schätzen. Ich werde versuchen, nicht wiederzukommen", schließt W. und lächelt verlegen.

Als sich die Tür hinter ihm schließt, verliert Frau Lehnert einige Worte über den Häftling: "Er ist auf einem guten Weg, befindet sich aber noch in der Mitte." Sie zeigt eine Spanne zwischen ihren Händen und deutet auf deren Mittelpunkt: "Hier ist W. momentan. Links hat er angefangen und rechts ist da, wo er eines Tages hin soll. Momentan schlenkert er noch zwischen links und rechts. Mal einen Schritt nach rechts und dann wieder einen Ausrutscher nach links. Das ist aber normal. Er hat gute Chancen, frühzeitig entlassen zu werden", schließt die 46-Jährige zuversichtlich.

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