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Handwerk
Schaf-Scherer schaffen in Altlandsberg nackte Tatsachen

Schafscherer am Werk: v. l. Alexander Dill (Gotha), Christian Blath (Osterberg) und Jens Gerbert (Prötzel) bei der Arbeit
Schafscherer am Werk: v. l. Alexander Dill (Gotha), Christian Blath (Osterberg) und Jens Gerbert (Prötzel) bei der Arbeit © Foto: Wolfgang Rakitin/MOZ
Thomas Berger / 03.04.2020, 04:00 Uhr
Altlandsberg Nach anderthalb Tagen strammer Arbeit war der Großeinsatz am Donnerstagnachmittag beendet: 450 Mutterschafe des Altlandsberger Schäfers Knut Kucznik sind wieder sozusagen nackt, haben ihr Wollkleid verloren.

Drei Schafscherer waren dazu in dem Betrieb im Einsatz: "Es hat länger als sonst gedauert, wäre ja eigentlich an einem Tag zu schaffen", erklärt Kucznik. Aber durch Corona sei einer der Scherer ausgefallen.

Für ihn selbst gab es ergänzend gleich noch weitere Arbeit – eine, die er seit seiner Lehrzeit noch in der DDR vor über drei Jahrzehnten nicht mehr gemacht hatte: Wolle sortieren. Wie gut aber, dass er auf dieses einst erworbene Wissen nun zurückgreifen konnte, über das deutlich jüngere Kollegen in der Branche heute schon nicht mehr verfügen. Denn zum Glück für Kucznik ergab sich vor einer Weile der Kontakt zu einem Start-up aus Berlin, das sortierte Wolle aufkauft, um damit Kleidungsstücke mit nachvollziehbarer lokaler Materialherkunft zu produzieren.

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Nackte Schafe bei Schäfer Knut Kucznik

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Pullover mit Lokalfaktor

Allerdings werden die ersten Pullover & Co. aus der Wolle von Altlandsberger Schafen noch ein wenig auf sich warten lassen. Die Corona-Folgen treten auch in diesem Fall ein wenig auf die Bremse der Pläne, da die Verwertungsanlage in Belgien wegen der Krise derzeit ebenfalls stillsteht. Das schmälert aber erst einmal nicht den innovativen Ansatz des Unternehmens, das von einer in Zürich lehrenden Professorin aus Berlin angeschoben wurde und vier Betriebe aus Deutschland vereint. Drei Euro (inklusive Mehrwertsteuer) pro Kilo bekomme er von dort bezahlt – ein Preis, der angesichts der sonst üblichen 20 Cent erstmals wieder richtig gut sei, wie Kucznik sagt.

Trotzdem wird er einen nennenswerten Gewinn damit nicht machen: Selbst die drei Euro reichen in der Summe des Ertrages nur, um die entstandenen Kosten für den Einsatz der Scherer und deren Hotelunterbringung zu decken. Immerhin bleibt seinem Betrieb damit aber ein drohendes Minus von 3000 Euro erspart, betont er trotz allem dankbar.

Am generell äußerst schwierigen Los der deutschen Schäfer hat sich auch 2019/2020 herzlich wenig verändert, konstatiert Kucznik. Kaum einer weiß das besser und auch in die richtigen, prägnanten Worte zu packen als der Altlandsberger, der zudem Vorsitzender des Landesverbandes ist und bei der Politik schon länger immer wieder auf die Probleme seines Berufsstandes hingewiesen hat – in der Vergangenheit mit wenig effektiven Ergebnissen. Mit der neuen Landesregierung in Potsdam sieht er zumindest beim jetzt grünen Ressortchef an der Spitze des Landwirtschaftsministeriums ein Umdenken. Bei den jüngsten Gesprächen sei ihm durchaus Rückhalt aus den Amtsstuben zugesichert worden, wenn es um die Umsetzung bestimmter Initiativen geht.

Das betreffe unter anderem den Aufbau einer alternativen Schlachtung, nachdem die großen Schlachthöfe zuletzt den Aufkauf der Landschaf-Lämmer boykottiert hätten: "Weil das keine einheitliche Ware ist", wurde als Begründung genannt. Gemeinsam mit dem Ministerium und in wissenschaftlicher Begleitung des Projektes durch ein Team der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) sei daraufhin ein Notfallplan entwickelt worden, blickt Kucznik auf die Entwicklung zu dieser Herausforderung zurück. "In Tesla-Geschwindigkeit", habe der Minister versprochen, wolle er die Installation der alternativen Schlachtmöglichkeiten unterstützen.

Es gibt durchaus in allerjüngster Zeit gleich einige innovative, spannende Ansätze, listet der Schäfer weitere Beispiele auf. So habe die Deutsche Bahn ein Projekt mit Schallschutzwänden unter Verarbeitung von Schafwolle angeschoben, und ein weiteres Start-up arbeite an der Entwicklung entsprechender Akustiksegmente für den Bürobereich und Industrieanlagen. Dass das Ministerium jenseits direkter Beihilfen grundsätzlich hinter solchen Initiativen stehe, findet Kucznik gut. "Und ich hoffe, dass wir diesen Weg auch nach der Corona-Krise weiter beschreiten können." Die hemmt manches, auch die Wollverwertungsanlage in Belgien – einziger Betrieb dieser Art in nennenswerter Größenordnung europaweit übrigens – steht derzeit still, so dass Kucznik die sortierte Wolle bis zum Abholen für die Verarbeitung zu Garn erst einmal zwischenlagern muss.

So hoffnungsvoll und interessant die jüngsten Ansätze sind: Wie weit sie der Branche über den Einzelbetrieb hinaus großflächig und langfristig helfen, muss sich erst erweisen. Womöglich werde man die Lammproduktion, die sich ja letztlich in Konkurrenz zu dem aus Neuseeland um den halben Erdball gereisten Fleisch befindet, im engeren Sinne einstellen müssen, weil sich das betriebswirtschaftlich gar nicht mehr rechne. Dann blieben die Schafherden nur noch als Dienstleister bei der Landschaftspflege, die entsprechend finanziell entlohnt werden müsse.

Hoffen auf Umdenken

Womöglich, hofft Kucznik, öffne die gegenwärtige Corona-Krise aber vielen die Augen zu generellen Fragen der Produktionsweise und globalen Wegen von Waren. Der Altlandsberger sieht damit, im Vorfeld auch befeuert durch manche Argumente der jungen Leute bei den Fridays-fo-Future-Demos, die Chance zu einem Umdenken, doch wieder eher lokale Wertschöpfungsketten in Gang zu setzen.

Für das bevorstehende Osterfest hat er die Empfehlung, doch mal wieder eine Lammkeule auf den Tisch zu bringen: "Viele wissen gar nicht mehr, wie gut das schmeckt", der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland liege gerade mal bei einem halben Kilo. Von einer generell gesteigerten Nachfrage könnten eben nicht nur die Importe aus Übersee, sondern auch heimische Schäfer profitieren.

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