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Kultur
Altlandsberger Nachtwächter führt aufs historische Pflaster

Jens Sell / 29.06.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 29.06.2020, 07:35
Strausberg (MOZ) Die Wiege Preußens stand in Altlandsberg. Nicht mehr und nicht weniger. Da ist sich Horst Hildenbrand sicher. Denn nachdem Freiherr Otto von Schwerin Mitte des 17. Jahrhunderts den Raubrittern von Krummensee das Schloss Altlandsberg abgekauft und nach seinen Vorstellungen umgestaltet hatte, hat er dort die beiden Söhne des Großen Kurfürsten erzogen. "Er sollte sie zu gestandenen Männern machen, doch das gelang nur bei dem Kleinen, der im sechsten Lebensjahr hierher kam, der Große kam bei einem Ausflug ums Leben", berichtete der Altlandsberger Nachtwächter bei seiner ersten Führung nach der Corona-Zwangspause am Freitagabend, zu der er rund 20 Teilnehmer begrüßen konnte.

Königsweg 1

Der jüngere Sohn wurde der spätere Friedrich I., der sich 1701 zum preußischen König krönte. Es habe vom Schloss sogar eine Lindenallee bis nach Berlin gegeben, auf der Friedrich in die neue Residenzstadt geritten sei. Sie habe vom Schloss über die Hügel des heutigen Gewerbegebiets geführt. Daher rühre die postalische Anschrift des Entsorgungsbetriebs Areta "Königsweg 1".

Der Nachtwächter von Altlandsberg, Horst Hildenbrand, hat zur ersten Führung nach der Coronakrise geladen, und rund 20 Interessenten kamen am Freitagabend, um sich über das Schlossgutareal führen und informieren zu lassen. Die Nachtwächterlegende vom Heimatverein erwies sich einmal mehr nicht nur als kenntnisreicher Regionalhistoriker, sondern auch als Entertainer, der verschmitzt und ironisch den Werdegang des geschichtsträchtigen Ortes in vergangenen Jahrhunderten und Jahren Revue passieren ließ. Von einst Otto von Schwerin das Schloss und den Schlosspark Altlandsberg bewohnte, wird jetzt saniert und rekonstruiert. Vom Schloss ist nur die Schlosskirche übrig. Daneben wurde auch die sanierte Stadtkirche besichtigt.
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Schlossgutführung mit dem Altlandsberger Nachtwächter

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Was und wie Horst Hildenbrand aus der Geschichte und mitunter aus dem historischen Nähkästchen plauderte, interessierte und amüsierte die Teilnehmer vortrefflich, Infotainment vom Feinsten und ganz analog ohne digitale Unterstützung. Da war von der Abneigung des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. gegen Schloss Altlandsberg die Rede, den Vater Friedrich I. gegen dessen Willen immer gezwungen hatte, den ganzen Sommer dort zu verbringen, wo der doch viel lieber mit seinen Kumpels in Berlin etwas angestellt hätte. So habe es nicht verwundert, dass der Soldatenkönig später das gesamte Schloss ausräumen und mit dem Inventar das ihm viel liebere Schloss Charlottenburg ausstatten ließ. "Als dann der Verwalter des Schlosses bei seinem König anfragte, ob er das Schloss für seine Hochzeit nutzen durfte, stimmte der zu", berichtete der Nachtwächter. Dann habe wohl einer in der Schlossküche, er weist auf gesicherte Backsteinmauerreste rechter Hand,  ein paar Scheite zu viel nachgelegt – das Schloss brannte ab. Was denn  der König daraufhin zum Verwalter gesagt habe, wurde Horst Hildenbrand gefragt. "Ach, der war doch gar nicht böse, dann muss ich’s nicht abreißen, wird der gesagt haben", sagt er verschmitzt.

Der der Küche im U-förmigen Schlossbau gegenüber liegende Teil ist die Schlosskirche, die heute für Kultur- und Firmenveranstaltungen sowie Hochzeiten und Versammlungen genutzt wird. Sie ist entgegen früherer Annahmen nicht nach dem Brand wieder aufgebaut worden, sondern gar nicht richtig abgebrannt, erzählt Horst Hildenbrand. Denn als man bei der jüngsten Sanierung den Putz abschlug, kamen darunter große schwarze Brandflecken zum Vorschein, das Gemäuer vom Brand steht also heute noch.

Viel besser als Fernsehen

Zwei, die interessiert des Nachtwächters Worten folgen, sind Brigitte und Bernd Rusch aus Fredersdorf. Sie freuen sich, dass es diesmal klappt, nachdem die Mai-Führung noch krankheitshalber ausgefallen ist: "Wir haben schon mal eine Stadtführung mit ihm mitgemacht und waren begeistert", sagt Bernd Rusch, "da dachten wir uns, hier über den Gutshof kann er sicher genau so interessant erzählen." Man lebe schon so viele Jahre wenige Kilometer entfernt, aber kenne die schönen Ecken und die Geschichte dahinter gar nicht. "Es hängt auch mit Corona zusammen, dass wir uns  in den letzten Wochen verstärkt in der engeren Heimat umschauen", ergänzt seine Frau, auch in Berlin hätten sie inzwischen so viel Neues und Unbekanntes entdeckt.

Horst Hildenbrand zeigt indes, wie der Eingang zur Schlosskirche umgestaltet wird und weiter geht’s zur Stadtkirche.

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