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Verdrängung
Kleingärtner in Strausberg haben Angst vor neuem Wohnquartier

Im Nachbarschaftsgarten des Jugendsozialverbundes Strausberg: Heidemarie Schulze, Vorsitzende des Jugensozialverbundes, Kleingärtnerin Maren Christine Müller und Ehrenamtlerin und Linken-Stadtverordnete Sabine Brosch (v. l.)
Im Nachbarschaftsgarten des Jugendsozialverbundes Strausberg: Heidemarie Schulze, Vorsitzende des Jugensozialverbundes, Kleingärtnerin Maren Christine Müller und Ehrenamtlerin und Linken-Stadtverordnete Sabine Brosch (v. l.) © Foto: Jens Sell
Jens Sell / 29.06.2020, 19:25 Uhr - Aktualisiert 30.06.2020, 10:11
Strausberg (Martin Stralau) Der Jugendsozialverbund sorgt sich um die Zukunft seiner Nachbarschaftsgärten am Mühlenweg. Dort soll gebaut werden.

Seit sechs Jahren gärtnert Maren Christine Müller mit Hingabe auf einem sieben mal acht Meter großem Hochbeet auf dem ehemaligen Sportplatz zwischen Otto-Grotewohl-Ring und am Mühlenweg. "Rote Bete, Zwiebeln, Erdbeeren, Möhren, Mohnblumen, Schwarze Johannisbeeren, ein Apfelbaum", sprudelt es aus ihr heraus, wenn man sie nach ihren angebauten Pflanzen fragt. "Ach, und Gurken, Tomaten, Bohnen und Erbsen auch", fügt sie hinzu.

27 Gärten gegen 300 Wohneinheiten

"Solche Kürbisse haben wir hier schon geerntet", ruft Heidemarie Schulze, die Vorsitzende des Jugendsozialverbundes, aus und bildet mit beiden Armen einen Kreis. Sabine Brosch, die JSV-Ehrenamtlerin und Linken-Stadtverordnete, lacht: "Jetzt übertreibst du aber!" – "Von wegen!", antwortet die resolute Vorsitzende, die auf den Anbauerfolg wie überhaupt auf den Erfolg des Nachbarschaftsgartens des JSV im Mühlenweg besteht, auf dem er gelungen ist.

Dass das vor zehn Jahren umgestaltete Brachland möglicherweise in seiner Existenz gefährdet ist, wurde Heidemarie Schulze und ihren Mitstreitern erstmals vor zwei Jahren bewusst, als sich beim Sommerfest vier elegant dunkel gekleidete Herren interessiert auf dem Gelände umschauten und auf Nachfrage als künftige Investoren zu erkennen gaben. Nach bisherigen Plänen sollen auf der 16,6 Hektar großen Fläche, zu der die Gärten gehören, 300 Wohneinheiten entstehen.

Begehr an Bürgermeisterin

"Zwar haben wir von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) erneut ab Dezember 2020 einen unbefristeten Vertrag erhalten, dieser ist jedoch mit einer Frist von drei Monaten jederzeit kündbar, wenn die Entscheidung über die Investoren getroffen wurde. Dies soll wohl nicht vor ein bis zwei Jahren geschehen", berichtet sie. Die Vertreter der BImA, der die Fläche gehört, hätten sie im Gespräch dazu durchaus ermuntert, sich an die Bürgermeisterin zu wenden mit dem Ansinnen, bei einem Bebauungsplan den Nachbarschaftsgarten als Gemeinbedarfsfläche aus der geplanten Wohnbebauung herauszulösen.

"Das Ziel verfolgen wir", sagt Sabine Brosch, die das Thema in der Stadtverordnetenversammlung am vergangenen Donnerstag ansprach. Der Nachbarschaftsgarten des JSV, sagte sie, umfasse 27 kleinere Gärten auf einer Fläche von 4150 Quad-ratmetern. Der JSV habe dort viel Zeit und Arbeit hineingesteckt, auch Fördermittel seien geflossen. "Meine Bitte ist, zu prüfen, ob die Fläche für Gartennutzung erhalten werden kann, auch wenn auf dem Areal gebaut werden soll. Quasi als Grüne Lunge für die Anwohner, die die Gärten dort seit langer Zeit bewirtschaften", sagte Sabine Brosch.

Sie habe das Begehr verstanden, betonte Bürgermeisterin Elke Stadeler (parteilos), und das Thema bei der BImA auch angesprochen. Nach bisheriger Planungsabsicht sei aber auch klar, dass das Interesse für die Entwicklung der Fläche eindeutig auf mehrgeschossigem Wohnungsbau liege. Hier müsse man schauen, wie das zusammengehen könne.

Ende Mai war die Verwaltung auf Antrag der CDU-Fraktion von den Stadtverordneten beauftragt worden, bei der BImA unverzüglich das Interesse der Stadt an der Fläche zu bekunden und sie als Wohnbaufläche zu entwickeln. Fraktionsvorsitzender Andreas Fuchs kritisierte nun das bisher vorliegende städtebauliche Konzept als äußerst schwach und erinnerte die Stadtverwaltung daran, dass sie Ende Mai von den Stadtverordneten mehrheitlich auch dazu aufgefordert wurde, sich für die Entwicklung eines nachhaltigen, ökologischen und sozialen Stadtteils am Mühlenweg einzusetzen. "Aber hier geht es scheinbar mal wieder nur um eine maximale Verwertung der Fläche", stellte er fest.

Jens Knoblich sprach sich dafür aus, mit den Leuten, die die Gärten pflegen, vor dem Start des Bebauungsplanverfahrens das Gespräch zu suchen. "Die Verwaltung weiß, worauf es ankommt und wird uns schon ein schönes Konzept präsentieren", sagte er. Matthias Michel (beide Zusammen für Strausberg) sah in den Gärten weitere Potenziale, zum Beispiel für einen Schulgarten für den im direkten Umfeld entstehenden Schulcampus. Im bisherigen Konzept sind vier Mehrfamilienhäuser an der Stelle der Gärten eingezeichnet. Die Stadtverordneten fassten mit 24-Ja-Stimmen und sieben Enthaltungen den Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan. Wie es mit den Gärten weitergeht, bleibt vorerst offen.

Neues Wohngebiet in Zentrumsnähe

Das Plangebiet "Mühlenweg 6" – eine ehemalige Kasernenfläche – befindet sich zwischen dem Mühlenweg, Otto-Grotewohl-Ring und Mittelfeldring etwa 800 Meter vom S-Bahnhof ­Strausberg Stadt und etwa 1,2 Kilometer von der Altstadt entfernt. Die 16,6 Hektar-Fläche gehört der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und ist im Süden, Westen und Norden von Bebauung umgeben. Im Osten grenzt eine bewaldete Brachfläche an. Gemeinsames Ziel der BImA und der Stadt ist die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum.⇥red

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