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Wassertourismustag
Unternehmer fordern wegen gesperrter Schleuse Hilfe vom Land

Burkhard Keeve / 26.03.2019, 17:43 Uhr
Oranienburg (MOZ) Die Sperrung der kleinen Schleuse Zaaren schlägt hohe Wellen. Das zeigte sich auch auf dem elften Erfahrungsaustausch Wassertourismus am Dienstag in der Oranienburger Orangerie. Hierfür ist die Tagesordnung aus aktuellem Anlass geändert worden.

"So einen dramatischen Saisonauftakt hatten wir noch nie", betonte zu Beginn Barbara Nitsche von der IHK Brandenburg, die zusammen mit Simone Blomer (IHK Berlin) zu der Veranstaltung eingeladen hatte. "Die Sperrung hat in der Branche für Entsetzen gesorgt", so Nitsche weiter. Dass Europas größtes zusammenhängendes schiffbare Revier gekappt worden ist, hat weit über die Region hinaus Folgen.

Wie sehr den Unternehmern der Wassertourismusbranche das Thema unter den Nägeln brennt, wurde in einer Runde mit fünf Betroffenen mehr als deutlich. Denn für die Unternehmer wird die Sperrung der Schleuse Zaaren, die die Obere Havel-Wasserstraße zwischen Zehdenick und Bredereiche zur Sackgasse werden lässt, zum finanziellen Desaster. Immer wieder hatte sich das Ende der Bauarbeiten verschoben, jetzt soll die Schleuse erst im August fertig sein.

Von einem Umsatzverlust von mehreren Hunderttausend Euro sprach zum Bespiel Reeder Mike Pickran aus Malchow, der unter anderem Flusskreuzfahrten mit Hotelübernachtungen anbietet. "Wir hatten 45 Hotels, 30 Busfahrten und etliche Veranstaltungen gebucht. Im Mai wollte ich nach Prag, jetzt ist die Schleuse zu." Pickran versucht zu retten, was zu retten ist, entweder mit kilometerweiten Umwegen über die Elbe oder er setzt zwei Schiffe ein. Eines  fährt bis zur Schleuse Zaaren, das andere wartet dahinter und übernimmt die Gäste. Pickran: "Wir sind nur ein kleines Familienunternehmen mit zehn Angestellten. Ich weiß nicht, ob wir das überstehen."

Nicole Schneeweiß von "Le Boat" in der Marina Wolfsbruch beklagte: "Eine riesiges Fahrgebiet bricht weg." Ihr Unternehmen ist international aufgestellt, unter anderem bietet Nicole Schneeweiß auch Hausboote zur Charter in Potsdam an. "Jetzt können wir in Potsdam gar nicht eröffnen", sagte sie in Oranienburg, weil neun Boote ihres Unternehmens aus dem Winterquartier nicht in die Landeshauptstadt wegen der Schleusensperrung können. "Allein der Transport über die Straße würde 25 000 Euro kosten." Viele Kunden müssten auf andere Regionen wie Frankreich, Italien oder Irland umgebucht werden. Verlust: 163 000 Euro. Wie Schneeweiß spricht auch Peter Schmidt ("Die Bootschaft"), Hausboot-Vermieter in der Marina Mildenberg, neben finanziellen Verlusten durch Stornierungen und ausbleibenden Buchungen "von einem gewaltigen Imageschaden" für das Wasserrevier von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.  Fast alle Teilnehmer warfen der Bundespolitik Totalversagen beim Umgang mit den eigenen Wasserstraßen vor. "Ich bin fasssungslos über die Ignoranz des Bundes", sagte Schmidt. Für ihn gibt einen klaren politischen Auftrag: "Die Wasserstraßen müssen befahrbar sein." "Durch eine vernünftige Planung hätte das alles vermieden werden können", brachte es Frank Brehm von der Marina Alter Hafen Mildenberg auf den Punkt.

Schützenhilfe erhielten die Betroffenen unter anderem vom Oberhaveler CDU-Bundestagabgeordneten Uwe Feiler, von der Bundestagsabgeordneten Anke Domscheit-Berg (Linke) und dem Landtagsabgeordneten Frank Bommert (CDU). "Wir müssen in Zaaren früher als August fertig werden", sagte Feiler, der sich die Schleuse mit Parteikollegen am 24. April anschauen will. Außerdem will er direkt im Verkehrsministerium vorsprechen. Auch eine eventuelle Entschädigung für betroffene Unternehmer wie bei der Dürrehilfe will er "mit nach Berlin nehmen".

Anke Domscheit-Berg blickte noch über Zaaren hinaus. "Es gibt etliche Schleusen in einem schlechten Zustand." Sie habe sich beim Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde über den Zustand der 39 Schleusen informiert hat, sagte sie. Wie viele marode Schleusen es gibt, dürfe sie aber nicht sagen, nur so viel: "Schon morgen kann es sie nächste Schleuse treffen."

Mehrfach wurde daher am Dienstag in Oranienburg der Ruf nach einer Gesamtstrategie für die Bundeswasserstraßen im Osten laut, um zu klären, wann welche Schleusen repariert wird. Domscheit-Berg attestierte dem Bund bei diesem Thema allerdings ein "unterirdische Interesse".

Frank Bommert sah auch die Landesregierung in der Pflicht. "Es sind unsere Unternehmer, die vor die Hunde gehen, wenn nichts passiert." Er forderte, wie die IHK und etliche Teilnehmer der Wassertourismusrunde in Oranienburg, in Potsdam eine Koordinierungsstelle Tourismus einzurichten, die beim Wirtschaftsministerium und der Staatskanzlei angesiedelt wird, "um mit einer Stimme gegenüber dem Bund aufzutreten", so Bommert.  Peter Krause vom Tourismusverband Ruppiner Seenland kommentierte das Ganze reichlich frustriert: "Das Land weiß nicht, warum es etwas nicht tut."

Baustellen-Chronologie

■ Am 17. Oktober 2018 kündigt das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Eberswalde an, die Schleuse Zaaren instandzusetzen. Bauzeitende: Ende April 2019

■ Am 30. Januar 2019 wird auf der Messe Boot in Düsseldorf bekannt, auf der sich auch die Wasserregion Brandenburg präsentiert, dass es in Zaaren womöglich länger dauert.

■ Am 7. Februar 2019 teilt das WSA mit, dass sich die Bauarbeiten um vier Wochen verschieben. Grund: Preissteigerung, umfangreiche Munitionsbergung

■ Am 18. Februar schickt die IHK Potsdam einen Brief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und fordert eine Schleusen-Gesamtstrategie.

■ Am 1. März teilt das WSA mit, dass die Schleuse Zaaren jetzt erst im August wieder frei sein wird. Grund unter anderem: Krankheitsausfall bei den Baufirmen.⇥(bu)

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