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Fliegen
Ohne Flugscham durch die Luft

Thomas Sabin / 03.08.2019, 15:20 Uhr - Aktualisiert 09.08.2019, 17:13
Kremmen (MOZ) Der Windsack hängt schlaff nach unten. Über den Feldern im Kremmener Ortsteil Hohenbruch ziehen sich Wolken zusammen. Grau mischt sich ins Weiß, die Sonne wird langsam verschluckt. "Da kommt Regen auf uns zu", sagt Ingo Töpfer und schaut auf die Karte des Deutschen Wetterdienstes. "Wenn wir uns beeilen, schaffen wir noch eine Runde."

Ein blau-weißes Ultraleichtflugzeug, die kleinste motorisierte Klasse, ist seine große Leidenschaft. Neben dem Beruf leitet der Polizist den Flugdienst Oberhavel, einen kleinen Flugplatz direkt hinter seinem Grundstück in Hohenbruch. Umringt von Mais- und Weizenfeldern versteckt sich eine knapp vier Hektar große Landebahn. Heuballen säumen den Rand.

"Bei jedem neuen Flug habe ich dieses großartige Gefühl", sagt Töpfer, Dreitagebart und graues Haar, und schiebt sein Flugzeug mühelos aus dem Carport. Frei nach dem Motto: "Nur Fliegen ist schöner", wie der Werbeslogan des 1968 auf den Markt gebrachten Opel GT lautete. Das zweisitzige Coupé-Modell versprach Freiheit pur auf dem Asphalt, war agil und brachte rund 60 PS auf die Straße. Töpfers Maschine ist auch ein Zweisitzer, bringt 80 PS in die Luft, läuft mit einem Vierzylinder-Verbrennungsmotor und Super Benzin.

Freiheit ist auf der Straße heute jedoch selten. Die Städte und Autobahnen sind verstopft, deutsche Autohersteller kämpfen wegen des Abgasskandals ums Überleben. Vom Fliegergefühl im Auto kann keine Rede mehr sein. Und mit dem Flugzeug zu fliegen, könnte schon bald teurer werden. Die Flugscham geht um, eine Kerosinsteuer ist im Gespräch. Inlandsflüge stehen auf der Abschussliste. Autos und Flugzeuge treiben den Klimawandel voran.

Töpfer fliegt aber so oft er kann. "Umweltfreundlich", wie er sagt. Er hat keinen Grund, sich für seine Leidenschaft zu schämen. Für seine Fliegerei benötige er keine Infrastruktur, erklärt er. Es brauche keine Straßen, auch keine asphaltierte Landebahn. Rechne man den Autos noch den ganzen CO2-Verbrauch zu, der beim Bau von Straßen entsteht, komme ein kleines Flugzeug deutlich besser weg. Zudem sei ein Flug mit seiner Maschine deutlich kostengünstiger. Und: "Die Maschine verbraucht ungefähr fünf bis sechs Liter auf 100 Kilometer. Man zahlt auch keine Maut und man fliegt direkt. Das sind wesentlich weniger Kilometer", erklärt er.

Wenn es passt, fliegt er mit seiner Maschine in den Urlaub. Sein bisher schönster Flug ging über die Alpen. "Wir sind für zehn Tage nach Italien in den Urlaub geflogen. Mit ungefähr 14 000 Fuß, das sind zirka 4 000 Meter, kommt man über die höchsten Berge. Die Eindrücke sind kaum zu beschreiben. Das ist Wahnsinn, wenn man über dieses Massiv fliegt und in die Täler guckt." Mit einer Reichweite von 1 200 Kilometern schafft er die Strecke mit nur einer Tankfüllung.

Die aktuellen Debatten über Flugscham oder Dieselverbote findet er "anmaßend". Letzten Endes habe es die Regierung über Jahre versäumt, die Bahn so zu stärken, dass die Leute nicht auf die Idee kommen, regional ins Flugzeug zu steigen. Dafür nun den Verbraucher zur Verantwortung zu ziehen, sei "ein bisschen traurig". Auch von einer Kero­sinsteuer für Inlandsflüge hält er nichts. Die Preise würden sich nur der Bahn angleichen. "Das Flugzeug ist dann aber immer noch deutlich schneller. Um den CO2-Ausstoß zu senken, braucht es eine gestärkte Bahn. Wenn dann die Leute immer noch fliegen, dann können die Steuern auf Flüge erhöht werden."

Von Flugscham keine Spur

Seit 12 Jahren betreibt Töpfer einen offiziellen Flugplatz für Ultraleichtflugzeuge. Die Nachfrage an Rundflügen oder Tagesausflügen, die er anbietet, sei seit Jahren stabil, sagt der 57-Jährige. Von Flugscham sei keine Spur. Ab und zu landen auch andere Hobbyflieger bei ihm zwischen. Seit 30 Jahren betrachtet Töpfer die Welt von oben. 1989, nach der Wende, flog er das erste Mal mit einem Drachenflieger, "wie ein Vogel". Zehn Jahre später folgte der Schein für Ultraleichtflugzeuge. 5 000 D-Mark habe es damals gekostet. "Heute zahlst du dafür 5 500 Euro."

In der Luft ist er die Ruhe selbst. Heute fliegt er in grauem T-Shirt, kurzer Hose, Gartenschlappen und Lese- statt Fliegerbrille auf dem Kopf über die Region. Die leichten Wackler machen dem Piloten nichts aus. Mit dem Steuerknüppel lenkt er den Sportflieger lässig 300 Meter über dem Erdboden durch die Luft. "Je höher man fliegt, desto ruhiger wird es", knistert es durch die Kopfhörer.

Ein Rundflug über Kremmen, Sachsenhausen und Oranienburg bringt die überraschende Weite der Wälder zum Vorschein, offenbart die Ausmaße und Strukturen des ehemaligen KZ-Sachsenhausen und das Funkeln der Gewässer. Die Welt unter dem Flieger verstummt und sieht plötzlich ganz anders aus. "Es ist etwas ganz Besonderes, alles von oben zu betrachten. Alles wird ordentlicher und strukturierter", schwärmt er. Manchmal sehe er aber auch Waldbrände und melde diese dann. In diesem Jahr seien es bereits sieben gewesen.

Einmal über Europa fliegen

Was Töpfer außerdem so am Fliegen gefällt: "Dort herrschen keine Gefahren wie im Straßenverkehr. Dort gibt es keine Rehe, man muss auch keinen Parkplatz suchen und hat keine Staus." Letzten Endes sei alles planbar. Töpfer wisse hundertprozentig genau, wann er am Zielort ankommt. "Wenn man einmal oben ist, stellt man seine Geschwindigkeit in seiner Flughöhe ein und fliegt durch und kann die Aussicht genießen. Beim Autofahren ist das nicht so."

Fliegen möchte Ingo Töpfer noch lange. Sein großes Ziel: einmal über ganz Europa. In seinem Zweisitzer gibt es ausreichend Beinfreiheit. Der Blick aus dem Fenster stellt jenen aus der Frontscheibe eines Autos oder dem Bullauge einer Boeing weit in den Schatten. Unterhaltungen über die Kopfhörer sind auch kein Problem. Verstellbare Löcher in den Fenstern sorgen für Frischluft. Töpfer schwebt zwischen den Welten. Zwischen verstopften Autobahnen und einem überfüllten Luftraum. Töpfer hat für sich ein Stück Freiheit gefunden.

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