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Mauerfall
Der 100-Tage-Bürgermeister

An alter Wirkungsstätte in Rheinsberg: Jürgen Rammelt lebte lange Jahre in Fürstenberg, war aber für 100 Tage Bürgermeister von Rheinsberg. Und zwar in der stürmischen Wendezeit 1989 bis 1990.
An alter Wirkungsstätte in Rheinsberg: Jürgen Rammelt lebte lange Jahre in Fürstenberg, war aber für 100 Tage Bürgermeister von Rheinsberg. Und zwar in der stürmischen Wendezeit 1989 bis 1990. © Foto: Brian Kehnscherper
Brian Kehnscherper / 06.11.2019, 20:00 Uhr
Fürstenberg Der Liebe wegen hatte es Jürgen Rammelt 1988 nach Rheinsberg verschlagen. Als Quereinsteiger wurde er Stadtrat für Kultur. Weil 1989 der damalige Bürgermeister Detlef Hohlfeldt wegen der Manipulationen bei den Kommunalwahlen aus dem Amt gejagt wurde, übernahm Rammelt dessen Posten übergangsweise.

Der gebürtig aus dem Raum Dresden stammende Rammelt ließ sich 1966 in Fürstenberg nieder – um dort beim damals größten Arbeitgeber der Region, dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Schiffselektronik, als Elektromonteur zu arbeiten. Weil er sich an der Meisterschule zum Ausbilder fortbilden wollte, trat er 1973 der SED bei.

Er absolvierte ein Fernstudium und wurde Lehrobermeister. Nebenbei arbeitete er als sogenannter Volkskorrespondent. "Ich hatte in der Schulzeit die Idee, Reporter zu werden. Ich war großer Fan von Heinz Florian Oertel", erinnert sich Rammelt. Oertel war seinerzeit der bekannteste Sportreporter der DDR. Als Volkskorrespondent konnte Rammelt seinen Hang zum Journalismus zumindest zeitweise ausleben.

Schwere Jobsuche

Doch immer wieder griff die SED ins Leben Rammelts ein. "Wenn man in einem VEB gearbeitet hat und in der Partei war, wurde auf einen zurückgegriffen, wenn Funktionäre gesucht wurden. Man wurde in Kadergesprächen regelrecht bearbeitet. Ich wollte mich nicht einspannen lassen. Da brauchte man gute Ausreden", so der heute 76-Jährige.

In den 1980er-Jahren ließ er sich jedoch breitschlagen, für ein Bürgermeisteramt zu kandidieren. Und zwar im Dorf Bredereiche, damals mit großer Einwohnerzahl und mehreren Betrieben sowie einem eigenen Rat der Gemeinde. Heute ist Bredereiche ein Ortsteil der Wasserstadt, wenngleich mit viel weniger Einwohnern. Weil Rammelt schließlich frisch geschieden war – er habe sich in seine heutige Ehefrau verliebt, die seinerzeit in Zechlinerhütte lebte – strebte er nach Rheinsberg, erinnert sich der Pensionär. Und so zog es den Fürstenberger zur Wendezeit schließlich nach rund 22 Jahren Leben und Arbeiten in Fürstenberg in die Prinzenstadt. Die Fürstenberger Genossen hätten auf seine Absage nicht gerade erfreut reagiert. Zudem sei es nicht leicht für Rammelt gewesen, als Elektromonteur einen Job in Rheinsberg zu finden.

Dank seiner Parteizugehörigkeit bekam Rammelt aber den freigewordenen Posten als Kulturrat im Rathaus. "Ich hatte von Kultur natürlich nur bedingt Ahnung", gibt er rückblickend zu. Zwar hatte er als Meister in Fürstenberg Veranstaltungen für die Lehrlinge organisiert und als Mitglied einer Band Kenntnisse von Musik erlangt.

Viele stellten Ausreiseantrag

Von der Geschichte Preußens und Rheinsbergs hatte er jedoch wenig Ahnung. In seiner Funktion war er zuständig für die Schlossgärtnerei, die Bibliothek und die damals im Aufbau befindliche Tucholsky-Gedenkstätte. Von den Vorbereitungen zu den Kommunalwahlen 1989 sei er als Kulturrat weitestgehend befreit gewesen. So habe er auch nicht mitbekommen, wie der Urnengang manipuliert worden war. Offiziell hieß es, nur sieben Rheinsberger hätten nicht an der Wahl teilgenommen.

"Es gab mehr als 30 Leute, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Jedem war klar, dass die sicher nicht wählen waren", so Rammelt. In jener Zeit trat er aus Enttäuschung aus der SED aus. Das Neue Forum, das sich im Oktober 1989 auch in der Prinzenstadt Rheinsberg gegründet hatte, deckte den Betrug schließlich auf – auch, weil zwei Wahlhelfer sich selbst anzeigten.

Bürgermeister Hohlfeldt wurde zum Rücktritt gezwungen, Rammelt sein Nachfolger. 100 Tage blieb er im Amt. Zur Kommunalwahl 1990 trat er nicht an. Zum einen hatte er keine Ambitionen dazu. Zum anderen sei ihm gesagt worden, dass er als Hinzugezogener wenig Chancen habe. Stattdessen folgte er seiner Passion und wurde Zeitungs-Redakteur.

In loser Reihenfolge veröffentlichen wir die persönlichen Erinnerungen Rammelts an die letzten Jahre der DDR in Rheinsberg.

Schiffselektronik als wichtiges Unternehmen

Der VEB Schiffselektronik in Fürstenberg war zu DDR-Zeiten ein wichtiger Betriebsteil des VEB Schiffselektronik Rostock. Mehr als 400 Mitarbeiter waren beschäftigt.

Nach der Wende wurde der Betrieb abgewickelt. Ein Teil konnte weiterexistieren, und zwar seit 1992 in der Firma Beltec GmbH.⇥pilz

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