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Erinnerungen an den Mauerfall
"Wir dürfen reisen!"

Andrea Busse war 17, als die Mauer fiel.
Andrea Busse war 17, als die Mauer fiel. © Foto: Marco Winkler
Marco Winkler / 09.11.2019, 08:00 Uhr
Kremmen (MOZ) Andrea Busse bereitete sich gerade aufs Zubettgehen vor, als in den westlichen Abendnachrichten die legendäre Pressekonferenz mit Schabowskis ebenso legendärem Zettel übertragen wurde. Sie war 17 Jahre alt und hatte vor einem Jahr eine Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau beim VEB Kaltwalzwerk Oranienburg begonnen. "Meine Mutter riss an jenem Abend die Badezimmertür auf und schrie mich atemlos an: ‚Wir dürfen reisen!‘", erinnert sie sich an den Abend des 9. November vor 30 Jahren.

Die Geschichte steht stellvertretend für viele: ein alltäglicher Moment, der plötzlich in einen historischen Kontext eingebettet wird. "Ich kapierte erst einmal nichts, und folgte ihr ins Wohnzimmer", so Andrea Busse. Ihre Mutter, sonst eher der unaufgeregte Typ, rief hibbelig: "Ich hab es doch gesagt, nächstes Jahr fahren wir nach München!"

Ihr Vater teilte die Aufregung nicht. Er wurde immer stiller. "Wenn man Schabowski bis zum Ende zuhörte, war da von dauerhafter Ausreise die Rede, und das wollte niemand von uns", sagt Andrea Busse, heute für Öffentlichkeitsarbeit in Kremmen zuständig, "obwohl meine Eltern durch ihre Selbstständigkeit Repressalien und der allgegenwärtigen Stasi-Beobachtung ausgesetzt waren." Die Familie überschlug sich mit Plänen, wohin die Reise gehen würde, wenn sich die Nachricht bewahrheiten sollte. "Wir gingen mit unseren Träumen schlafen."

Der nächste Morgen im Kaltwalzwerk sei "komisch" gewesen. Der Freitag war kein Arbeitstag wie jeder andere. "Der Parkplatz, sonst gut gefüllt, war beinahe leer, kaum Fahrräder da, kein Stau an der Wache." Andrea Busse ging ins Lohnbüro. Ihre Ausbilderinnen fand sie weinend an ihren Schreibtischen vor. Sie fragten sich, was aus "unserem schönen Geld" werde. "Das war für die Kolleginnen schon doof. Ich dagegen bekam 120 Mark Lehrlingsgeld, da konnte ich nicht allzu viel Empathie aufbringen."

Am Sonnabend, 11. November, fuhr sie mit ihren Eltern nach Tegel. Der ganze Bezirk Potsdam schien dasselbe Ziel zu haben. "Stundenlang standen wir im Stau am Grenzübergang Stolpe. Bis zu jenem Tag mussten wir immer die Autobahn vor dem Kontrollpunkt verlassen, und jedes Mal, wenn wir über die Brücke fuhren, schaute ich in Richtung Grenze und war mir sicher: Eines Tages fährst du da durch."

Andrea Busse behielt recht. Wie viele andere. Wie auch ihre Mutter: "Im Februar 1990 fuhren wir nach München." Wenn sie heute durch Stolpe fährt, denkt sie noch immer an die Zeit, als ihr dies verboten war. "Ich hatte eine schöne und glückliche Kindheit", sagt sie, "dennoch war der Fall der Mauer ein unerwartetes und lebensveränderndes Geschenk."

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