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Erinnerung an Maueröffnung
Richtfest mit Potsdamer Sterbehilfe

Roland Becker / 14.01.2020, 17:45 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) Kann man 30 Jahre nach einem geschichtsträchtigen Tag noch Freudentränen vergießen? Hildegard Schünemann kann das nicht nur, sie hat gar keine Chance, sich gegen ihre Tränen zu wehren. Die Frohnauerin wird davon bei ihren Erinnerungen übermannt: "Endlich unsere Nachbarschaft kennenzulernen, war das Größte!"

Vielleicht bedauerte es Hennigsdorfer Bürgermeister Thomas Günther (SPD) an diesem Dienstagabend im Bürgerhaus seiner Stadt, dass er vor 30 Jahren nicht dabei war, als sich die Mauer zwischen Stolpe-Süd und Heiligensee öffnete. "Ich habe unser Bürgerhaus noch nie so voll gesehen", staunte er über den Andrang zur Eröffnung der Ausstellung "Wieder vereint". "Wir waren damals auf dem Weg in eine freie Zukunft", erinnert sich das Stadtoberhaupt an die Zeit vor 30 Jahren, als er während seines Studium in Leipzig lebte.

Stadtarchivarin Jeanette Voigt, die die Fotoausstellung kuratiert hat, zählt an die 140 Hennigsdorfer, die sich dank der zusammengetragenen Fotos, eines Filmes sowie eines Podiumsgesprächs an die Hennigsdorfer Maueröffnung vom 13. Januar 1990 erinnern wollen. Und wie damals gibt es draußen Kuchen, Schmalzstullen und Glühwein.

Der sehnlichste Wunsch

Ein Mann mit schlohweißem Haar sitzt in der ersten Reihe und hört, wie Hennigsdorfs Bürgermeister erzählt, dass "der sehnlichste Wunsch der Hennigsdorfer von Reinickendorfer Seite nach Kräften unterstützt wurde". Damals war dieser ältere Herr Bezirksbürgermeister von Reinickendorf. Detlef Dzembritzki hätte auch an anderer Stelle das erste Loch in die Mauer brechen lassen können. Doch der SPD-Mann hatte einen Grund, erst einmal Hennigsdorf mit dem Westen Berlins zu verbinden: "Als Zehnjähriger habe ich erlebt, wie die Hennigsdorfer Arbeiter beim Aufstand am 17. Juni 1953 mit Fröhlichkeit und Optimismus durch Reinickendorf Richtung Innenstadt zogen. Am späten Abend kamen sie mit einem Ausdruck im Gesicht zurück, der sagte: Alles ist verloren." Für Dzembritzki war es deshalb eine Ehrensache, als erste Ost-West-Verbindung die Straße freizugeben, über die die Arbeiter damals gelaufen waren.

Die paar Dutzend Meter Straße zu bauen, sei weniger schwierig und in drei Tagen erledigt gewesen. Um die Mauer durchbrechen zu dürfen, habe es aber der Zustimmung des örtlichen Grenztruppenkommandeurs bedurft. Oberst Pelz habe anfangs sehr zögerlich reagiert, sei dann aber einverstanden gewesen. "Wir haben selbst den Container gekauft, in dem die Grenztruppen uns dann kontrollieren konnten", schaut Dzembritzki auf eine einmalige Zeit zurück. Als der stand, rief er einigen Menschen auf der anderen Seite zu, dass man jetzt Richtfest feiern könne. Die versprachen, sich sofort aufzumachen, um einen Kasten Bier zu kaufen. Die Ankündigung sei aber mit einer Warnung vor der Qualität des Gerstensaftes verbunden worden: "Wir sagen dazu Potsdamer Sterbehilfe."

Auch die Hennigsdorferin Renate Fritsch, die 1965 als junge Lehrerin nach Hennigsdorf gekommen war, erinnert sich an "Schüsseln mit Hackepeterbrötchen und einen Freudentaumel". Vielleicht aber hat sie den großen Mauerfall in Berlin und den kleinen, aber für den Norden so wichtigen in Hennigsdorf nicht ganz so euphorisch erlebt. Es rührt sich nur ein Paar Hände zum Beifall, als sie sich zur DDR bekennt: "Kleinigkeiten hätten anders laufen können. Aber ich war mit unserem Bildungssystem und meinem Leben zufrieden." Der Nieder Neuendorfer Fotograf Ralf Nikolai kann dem nicht zustimmen: "Man wollte die Welt sehen. Für mich war das Eingesperrtsein in der DDR schwierig. Ich hatte doch nichts verbrochen."

Ob die vier Zeitzeugen auf dem Podium samt Moderator Hans Misselwitz, damals Pfarrer in Hennigsdorf, oder die vielen Menschen im Publikum: Sofern sie diesen 13. Januar erleben konnten, vereint fast alle die Erinnerung an einen Tag, der ein einziger Freudentaumel war. Hildegard Schünemann fasst genau das sehr persönlich und bildhaft zusammen: "Wer hat schon mit einer Schar von Schornsteinfegern und mit zwei Sorten Polizisten getanzt? Ich!"

Es wird an diesem Abend nicht außen vorgelassen, dass auf den Freudentaumel später auch Ernüchterung folgten. Misselwitz bleiben dabei "die Härten für die Arbeiter von Hennigsdorfs großen Werken" im Gedächtnis. Das Hadern mit den Folgen der Wiedervereinigung ist auch in Hennigsdorf für viele bis heute ein Thema. Bürgermeister Günther bittet aber darum, die Erfolge nicht kleinzureden: "Hennigsdorfer ist zu einer Stadt mit selbstbewussten Bürgern, einer starken Wirtschaft und einer lebhaften Demokratie geworden." Beifall brandet auf. Später wird der Westpolitiker Dzembritzki, der einen Faible für Hennigsdorf hat, an die Tristesse erinnern, die die damalige Stahlstadt, aber auch das benachbarte Velten ausstrahlten. 30 Jahre später kann er stets neu staunen: "Wenn Sie heute durch Hennigsdorf gehen und dabei eine Brille aufsetzen, die die Bilder von 1990 liefert, dann ist doch hier ein Wunderland entstanden. Diese Wiedervereinigung war ein Glücksfall!"

Wieder vereint. Es ist heute selbstverständlich, zwischen Hennigsdorf und Heiligensee in fünf Minuten zu pendeln. Oder doch etwas Besonderes? Bürgermeister Günther liest an diesem Abend einen Brief von zwei Ehepaaren vor, die auch eingeladen waren, aber nicht gekommen sind. Das Ehepaar Kutzner hatte an jenem 13. Januar 1990 ein Reinickendorfer Paar kennengelernt. Die Freundschaft hält seit 30 Jahren. An jedem 13. Januar treffen sich die beiden Paare an der ehemaligen Grenze und stoßen mit Sekt an, dazu gibt es Bouletten. Danach wird abends bei den Freunden gefeiert. Auch am 13. Januar 2020.

Weitere Fotos finden Sie in der Fotogalerie unter www.moz.de

Öffnungszeitenund Katalog

Bis zum 23. Februar kann die Ausstellung "Wieder vereint" im Hennigsdorfer Bürgerhaus Alte Feuerwache, Hauptstraße 3, besucht werden.

Geöffnet ist diese dienstags von 14 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 16 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr. Gezeigt wird auch der 1990 entstandene Film. Der Eintritt ist frei.

Zur Ausstellung ist für 9,50 Euro ein Katalog erschienen, der 100 Fotos vom Tag der Maueröffnung am 13. Januar 1990 beinhaltet. Interessenten melden sich im Stadtarchiv im Alten Rathaus, Telefon: 03302 877311.⇥rol

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