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Erinnerungskultur
Den Toten in Linde Namen geben

Burkhard Keeve / 22.04.2020, 17:20 Uhr
Linde (MOZ) Als in Israel am Dienstag um 10 Uhr für zwei Minuten alle Sirenen heulen und das Leben stillsteht, weil die Menschen dort am Holocaust-Gedenktag an die sechs Millionen jüdischen Opfer  denken, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden, ist es auf dem kleinen Friedhof in Linde zur selben Zeit ganz still. Pastorin Barbara Schlenker steht vor einem Grab, das eher einer kleinen Gedenkstätte ähnelt und blickt auf die Inschrift einer Tafel, die an einem mit roten Ziegeln gemauerten Block angebracht ist. "Todesmarsch. Den Opfern der Gewaltherrschaft." Barbara Schlenker spricht ein stilles Gebet.

Doch die Pastorin kann nicht ruhig bleiben, gleich mehrere Gedanken und Ideen schwirren ihr durch den Kopf. "Einer von den sechs Millionen liegt in unserer Erde begraben. Wir sollten ihm seinen Namen wiedergeben, den er bei der Aufnahme ins Konzentrationslager Sachsenhausen verloren hat", sagt Barbara Schlenker. Sie denkt dabei ganz konkret an Vojtěch Gál, der vor 75 Jahren den Todesmarsch nicht überlebte. Iris Fischer, die Ortsvorsteherin von Linde, habe sie auf dessen Spuren im Ort aufmerksam  gemacht und auf einen Film und ein Buch zu Vojtěch Gál hingewiesen, sagt Schlenker. Das habe sie nicht mehr losgelassen und sie begann zu forschen.

Fedor Gál war kurz vor dem Tod seines Vaters, im März 1945 im Konzentrationslager Terezín (deutsch Theresienstadt) geboren. Vater und Sohn lernten sich nie kennen. Im April 2008 machte sich der Sohn auf den selben Weg, um das Grab seines Vaters zu finden. So entstand 2009 der Dokumentarfilm "Short Long Journey" über die "kurze lange Reise" seines Vaters und den Todesmarsch von 1945.

Auch nach Linde führte ihn der schwere Weg. Hier wurden am ­­ ­23. April 1945 siebzehn KZ-Häftlinge in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt, die auf dem Todesmarsch von SS-Bewachern erschossen wurden. Darunter sein Vater. Weiteren Angaben zufolge wurden später noch drei unbekannte Häftlinge, die aufgefunden wurden, in dieses Grab gelegt.

Im Film sagt Fedor Gál auf dem Friedhof, so die Pastorin: "Ich spüre, dass mein Vater hier liegt." Barbara Schlenker  lässt das keine Ruhe. Sie nimmt Kontakt mit Fedor Gál übers Internet auf, erzählt ihm wer sie ist und schreibt, dass sie nicht einverstanden ist, "wie man auf unserem Friedhof mit der Geschichte umgeht. Wenn Sie sich erinnern, steht ganz in der Nähe an der Straße das ­übliche Todesmarschdenkmal. Unser Stein auf dem Friedhof ist also kein Gedenkstein, sondern ein Grabstein. Das ist ein Unterschied." Aus der Aufschrift gehe zudem nicht hervor, wie viele Tote unter der Erde liegen und auch nicht wer die Opfer sind. Das will die Pastorin ändern. Sie schlägt eine neue Tafel und ein neue Inschrift für Linde vor. "Hier ruhen Vojtěch Gál und weitere 19 unbekannte Opfer des Nationalsozialismus, ermordet auf dem Todesmarsch des Konzentrationslagers Sachsenhausen im April 1945."

Am Dienstag antwortet der Sohn der Grüneberger Pastorin. "Es ist, als hätte er auf ein Zeichen, eine Geste von uns gewartet", sagt sie über die positive Antwort von Fedor Gál aus Israel. "Wir werden auf jeden Fall mitmachen. Wir verneigen uns vor Linde und hoffen, dass wir uns auch persönlich bei Ihnen bedanken können."

Nach dem stillen Gebet am Massengrab in Linde, liest Barbara Schlenker zum ersten Mal das Grüneberger Lager-Gebet vor, das von einer ehemaligen polnischen Gefangenen stammen soll, die im Grüneberger Außenlager des KZ Ravensbrück, in der Munitionsfabrik, zwangsarbeiten musste. "Das habe ich gerade erst im Internet entdeckt und gleich aus dem Polnischen übersetzen lassen", sagt die Pastorin. Halina ­Charszewska-Brückman hat das Gebet verfasst. Beides berührt. Das Gebet und der Wille der Pastorin, dass es gehört wird und sich etwas ändert. "Mir ist es wichtig, dass an Geschichte konkret erinnert wird und nicht allgemein. Wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind, werden die Toten in der Erde vergessen." Mit der Formel der Gewaltherrschaft würden alle gleichgesetzt: die zufälligen Opfer der Sieger, die ­Nazis, die KZ-Häftlinge und die SS-Bewacher.

Das will Barbara Schlenker nicht zulassen. Das treibt sie an. Die jetzige Inschrift "Todesmarsch. Den Opfern der Gewaltherrschaft" bringt sie in Rage. Das sei so platt, so unkonkret, so nichtssagend. "Was für eine Gewaltherrschaft denn? Pfarrer, die Kinder vergewaltigen? Mädchenbeschneidung? Gewalt in der Familie? Und welcher Todesmarsch überhaupt?" Das regt sie auf. Auch wenn etwas verschwindet und nicht mehr vermisst wird, wie der Gedenkstein an die Opfer in Linde. In den neunziger Jahren löste der Stein sich in Luft auf und wurde bislang nicht ersetzt. Aber das ist eine andere Geschichte, die die Pastorin noch aufarbeiten will.

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