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Nach Klinikfehler
Ein Erfolg mit Nachwehen für Familie Eggert aus Borgsdorf

Wenn Giraffe Raffi da ist, lacht Nora Lotti aus vollem Hals: Auch ihr Bruder Ben nimmt das Tier ernst. Für Olaf und Danila Eggert sind das unbeschwerte Momente.
Wenn Giraffe Raffi da ist, lacht Nora Lotti aus vollem Hals: Auch ihr Bruder Ben nimmt das Tier ernst. Für Olaf und Danila Eggert sind das unbeschwerte Momente. © Foto: Marco Winkler
Marco Winkler / 22.05.2020, 18:20 Uhr - Aktualisiert 22.05.2020, 20:54
Borgsdorf (MOZ) Die Wut habe sich gelegt. "Sie macht dich nur kaputt", sagt Olaf Eggert. Doch wenn die Erinnerung einsetzt, hallt der Groll als stiller Begleiter noch mit. Seine Tochter Nora Lotti wird ihn immer wieder erinnern, wie aufgebracht er war. Auch seine Frau Danila ist noch auf der Suche nach einem Ventil für die einst empfundene Ohnmacht. Von der Vernunft her hat die Familie aus Borgsdorf mit ihrem durch Dritte verursachten Schicksalsschlag abgeschlossen. Aber für die emotionale Aufarbeitung fehlt ein Puzzleteil zur Katharsis.

Schuldfrage geklärt

Vor sechs Jahren kam Nora Lotti schwerstbehindert zur Welt, weil bei der Geburt in der Oranienburger Klinik nachweislich Fehler gemacht wurden. Das bestätigte die Schlichtungsstelle für Arzthaftungsfragen. Für die Familie begann damit ein jahrelanger Kampf um Gerechtigkeit. Außergerichtlich war, wie berichtet, keine Einigung möglich. Es kam zur Gerichtsverhandlung im September 2019. Die Schuldfrage war längst geklärt, es ging um Entschädigung. Im Januar wurde nun ein Vergleich zwischen Familie und Krankenhausversicherung geschlossen.

Einige Worte des Richters beschäftigen Danila Eggert bis heute: "Laut Gesetz sei Nora nicht geschädigt genug, sie sei weder taub noch blind und könne deshalb am Leben teilnehmen." Worte, die sie im Vorfeld schon von der Krankenhausversicherung erdulden musste. Nora Lotti hat Pflegegrad fünf. "Sie wird nie ein selbstbestimmtes Leben führen können", sagt ihre Mutter. "Dabei sieht und hört sie alles, bekommt alles mit." Verständigen kann sich Nora Lotti kaum. "Sie ist immer darauf angewiesen, dass jemand herausfindet, was sie möchte." Vor Gericht sei der Pflegemehraufwand für Nora Lotti, die in der kommenden Woche sechs Jahre alt wird, detailliert verhandelt worden. "Es wurde um Minuten gestritten", erinnert sich Danila Eggert. Ihr Mann gab vor sechs Jahren seinen sicheren Job in der Bank auf, um seine Tochter pflegen zu können. Da er gesetzliche versichert ist, seine Frau aber privat und zusätzlich die Beihilfe berücksichtigt werden muss, war das Ringen um Bezahlung ein äußerst zähes, am Ende aber erfolgreiches. "Die Krankenhausversicherung muss meinen Mann nun bezahlen." Jedoch müsse das regelmäßig neu verhandelt werden. Nora Lottis Bedarf (an Pflegeminuten) werde mit dem Alter steigen. Ihr gesunder Bruder Ben hingegen, vier Jahre alt, wird immer selbstständiger werden, sich entwickeln dürfen. Nora Lotti ist gefangen in einem Körper, der kaum Fortschritte machen wird.

Neben der Pflegezahlung muss die Krankenhausversicherung laut Vergleich noch für Hilfsmittel wie ein behindertengerechtes Bett oder bedarfsgerechte Rollstühle oder Therapiesitze aufkommen. "Solange der Bedarf auf den Geburtsschaden zurückzuführen ist. Wir müssen uns ständig mit den Hilfsmittelfirmen auseinandersetzen", sagt Danila Eggert. Das heißt: stetes Wiederholen des Schicksalsschlages, der Details, des Krankheitsverlaufes. Immer wieder flimmern die Szene aus der Geburtsstation auf. "Das macht einem das Leben zusätzlich schwer." Der Vergleich ist ein Erfolg mit Nachwehen.

Fehlende Meilensteine

In diesem Jahr wäre Nora Lotti in die Schule gekommen. Ihre Mutter hat sie ein Jahr zurückstellen lassen. Wahrscheinlich wird ihre Tochter, die derzeit mit einer Einzelfallbetreuerin die Kita besucht, auf die Hennigsdorfer Regenbogenschule gehen. Viele für Eltern wichtige Meilensteine in der Entwicklung ihrer Kinder müssen bei Nora Lotti ausfallen: das erste Wort (ein gutturales "Ja" gelingt allerdings schon), Krabbeln, die ersten Schritte, das erste Mal aufs Töpfchen gehen, das erste Mal selbstständig mit dem Löffel essen, die Vorfreude auf die Einschulung. Mit Ben bekommt die Familie die Chance, das etwas zeitversetzt nachzuholen.

Und auch wenn sich die Familie von Danila Eggert zurückgezogen hat ("Der Kontakt ist schwierig geworden"), sind die Eltern von ihrem Mann eine große Stütze. Nora Lottis Opa baute einen großen Wickeltisch, der den Rücken von Olaf Eggert schont. Er näht zudem die Kleidung bedarfsgerecht für seine Enkelin, darunter einteilige Schlafanzüge, weil Nora Lotti Decke und Kissen nicht gebrauchen kann. Zu groß ist die Gefahr, aufgrund der Spastiken und der eigenen Hilflosigkeit zu ersticken. "Wir müssen immer wieder erfinderisch sein", sagt Danila Eggert.

Wer die Borgsdorfer Familie im Umgang mit ihren beiden Kindern sieht, erlebt eine Familie, die sich mit den Widrigkeiten, welche die Fehler anderer mit sich brachten, arrangiert hat. Und dennoch schwingt im Gespräch ein Rest Wut und Unverständnis mit. "Es fehlt das Wissen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden", sagt Danila Eggert. "Ein einziger Fehler hat unser Leben auf den Kopf gestellt."

Natürlich wisse sie nicht, welche internen Konsequenten der Klinikfehler nach sich gezogen haben könnte. Doch nicht an einer Stelle habe es seitens der Klinik eine Entschuldigung oder eine Art Eingeständnis gegeben. "Das hätte nichts gut gemacht, aber es wäre für uns wichtig gewesen." Für die Aufarbeitung – und gegen den Groll, der als stiller Begleiter ein Dauergast in der Familie bleiben wird.

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