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Barrierefreiheit
135 Meter lange Alternative am Bahnhof Fürstenberg freigelegt

Marco Winkler / 28.06.2020, 12:59 Uhr - Aktualisiert 28.06.2020, 14:48
Fürstenberg (MOZ) Solange es geht, will sie kämpfen – für die Barrierefreiheit am Fürstenberger Bahnhof. Elfriede Seidel ist 82 Jahre alt. Am Sonnabend beobachtet sie aus dem Schatten heraus den Arbeitseinsatz, den sie mitangeschoben hat. Gute 40 Freiwillige befreien den gesperrten Bahnsteigabschnitt an Gleis 1 von Unkraut und Grünzeug. "Es geht darum, den Bahnsteig barrierefrei zugänglich zu machen", sagt Elfriede Seidel von der sich dieser Thematik annehmenden Bürgerinitiative (BI).

Nach wenigen Stunden sieht der Bahnsteig aus, als könnten jeden Moment die ersten Züge halten. Doch seit Jahren ist das Gleis verwaist. "Die Bahn schiebt das Bahnhofsdach vor", sagt Elfriede Seidel. Das ist laut Bahn wegen winterlicher Schneelast einsturzgefährdet. An Gleis 1 – dem einzigen, das Barrierefreiheit ermöglicht – hält kein Zug mehr. Reisende und Fürstenberger kommen nur durch einen Tunnel zu den Gleisen 2 und 3. Aufzüge oder Rampen gibt es keine.

Vor wenigen Tagen kündigte die Deutsche Bahn AG an, das Bahnhofsdach im Herbst endlich sanieren zu wollen. Am Sonnabend trauen viele dem Frieden nicht. "Das hat die Bahn schon oft zugesagt", sagt die für die Linken im Bundestag sitzende Fürstenbergerin Anke Domscheit-Berg. "Wir müssen Druck machen." Zumal es eine Alternative gibt, die mit dem Subbotnik freigelegt wurde. "Der Bahnsteig ist vom Gebäude bis zum Ende rund 135 Meter lang. Das reicht für einen Regionalexpress-Halt." Der überdachte Bereich sei nicht nötig, um das Gleis wieder in den Streckenplan zu integrieren. Elfriede Seidel, die vor zehn Jahren erstmals für die Barrierefreiheit demonstrierte und knapp 2 000 Unterschriften für ihr Anliegen sammelte, nickt zustimmend.

Bisher sei diese nun freigelegte Lösung von der Bahn ignoriert worden, sagt Tim Lehmann, Eigentümer des Bahnhofsgebäudes. "Der Bahnsteig wurde mit einem Schild verkürzt." Dahinter wucherte – bis Sonnabend – alles zu. "Der Bahnsteig ist jetzt betriebsbereit. Darauf wollen wir aufmerksam machen", so Lehmann. Elfriede Seidel sagt, dass angeblich ab September der RE 6 Richtung Norden (Neustrelitz) an Gleis 1 halten soll. "Das reicht aber nicht, wir brauchen beide Richtungen." Tim Lehmann will verhärtete Fronten vermeiden. Immerhin habe die DB Station&Service als für den Bahnsteig verantwortliches Unternehmen die Aktion ermöglicht (zuständig für die Gleise ist die DB Netz AG).

Die geforderte Barrierefreiheit trifft nicht nur Senioren und Menschen mit Behinderung. Philipp Berg ist vor vier Jahren mit Frau und Kind nach Fürstenberg gezogen. Es folgte Kind Nummer zwei. "Meine Frau musste oft nach Berlin." Ein- und Ausstieg in Fürstenberg mit zwei Kindern und einem Kinderwagen seien untragbar gewesen. "Das ist einfach kein Zustand", sagt Berg, der als Parteiloser für die Fraktion Vielfalt im Stadtparlament sitzt. Er weist zudem auf die vielen Fahrradtouristen hin, die ihre Räder über zwei Treppen und durch den Tunnel schleppen müssen. Touristisch attraktiver und entspannter Start ins Fürstenberger Seenland? Am Bahnhof Fehlanzeige.

"Das ist die Visitenkarte der Stadt", sagt Andrea Genest. Am 1. August wird sie die Nachfolge von Insa Eschebach antreten und neue Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sein. "Der Bahnhof gehört zudem zur Geschichte des Lagers", sagt sie. "Viele Häftlinge sind hier angekommen und mussten im Lkw oder zu Fuß nach Ravensbrück." Als die Bahn plante, die Überdachungen aller Bahnsteige abzureißen, schaltete die Gedenkstätte den Denkmalschutz ein, der das Vorhaben stoppte.

Andrea Genest setzt sich dafür ein, dass der Bahnhof "so barrierefrei wie möglich für geheingeschränkte Menschen" wird – als Anwohnerin, im Sinne der Wahrung von Geschichte sowie mit Blick auf den Zuzug und ältere Menschen. Die der Hitze trotzende Elfriede Seidel versteht die Erinnerung an Geschichte und dass die Schatten Ravensbrücks zwingend zu Fürstenberg gehören. "Aber die Bahn darf das nicht nur vorschieben", sagt sie. Erst recht nicht, wenn es die am Sonnabend freigelegte 135 Meter lange Alternative gibt.

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