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Sucht
Schwere Zeiten für Alkoholiker in Oberhavel

Mit Abstand sind im Gruppenraum der Sekis wieder Treffen möglich. Von links: Susanne Eisenberger, Hildburg Pakusch und Praktikantin Luisa Schönberger.
Mit Abstand sind im Gruppenraum der Sekis wieder Treffen möglich. Von links: Susanne Eisenberger, Hildburg Pakusch und Praktikantin Luisa Schönberger. © Foto: Burkhard Keeve
Burkhard Keeve / 29.06.2020, 18:53 Uhr - Aktualisiert 01.07.2020, 12:32
Oranienburg (MOZ) Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Als junges Mädchen landete Kathrin Fritsche in einem Thüringer Jugendwerkhof, einem Kinderheim zur "Umerziehung". Ein Ort ohne Rechte, mit Stacheldraht und hohen Mauern. Mit 18 Jahren fing sie an zu trinken und hörte nicht mehr auf.

Dann lernte sie ihren künftigen Mann kennen, der sie aus dem Sumpf und von der Straße und dem Alkohol wegholte. Da war sie erst 21 Jahre alt. "Er hat mich aufgenommen, und ich blieb 26 Jahre abstinent", sagt die heute 51-Jährige. Neben der Suchtkrankheit hatte sie "von Kindesbeinen an" mit Depressionen zu kämpfen und war in ärztlicher Behandlung. Doch als ihr Mann, mit dem sie 24 Jahre zusammen war, an einer nicht heilbaren Lungenkrankheit (COPD) starb, wurde sie rückfällig. "Eine Woche lang Alkohol pur, von morgens bis abends", erinnert sich Kathrin Fritsche. Bis sie zu sich sagte: Das muss aufhören!

Durch einen Freund wurde sie, die seit 2000 in Oranienburg lebt, auf eine Selbsthilfegruppe aufmerksam. "Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt", sagt Kathrin Fritsche. Damit wendete sich ihr Leben, bekam eine neue Richtung. "Dort konnte ich erst einmal meine Probleme loswerden." Ihr größter Felsbrocken, der ihr auf den Schultern lag und sie niederdrückte, war die unbewältigte Trauer um ihren Mann. Erst in einer Reha-Maßnahme mit dem Schwerpunkt Sucht und Trauerbewältigung brachte sie mehr und mehr ins Lot, und sie ließ ihre Suizidgedanken los. "Ich musste erst einmal stabil werden." Heute sieht sich die 51-Jährige so gestärkt, dass sie mit ihren Erfahrungen anderen Alkoholikern helfen will, ihre Sucht in den Griff zu bekommen.

Jetzt will Kathrin Fritsche eine eigene Selbsthilfegruppe in Oranienburg gründen. "Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, in ihrem Leben wieder Fuß zu fassen." Auch das Thema Trauerbewältigung werde dabei eine Rolle spielen. Der Name der Selbsthilfegruppe lautet "No alc in the life". Erstes Treffen ist am 1. Juli (Kontaktdaten siehe unten).

Bei der Oranienburger Selbsthilfekontaktstelle Sekis gibt es bereits seit 1993 eine Gruppe der anonymen Alkoholiker, die sich immer dienstags trifft. Hans Maurer (Name geändert) ist seit 1994 dabei. Der trockene Alkoholiker hatte auch in Corona-Zeiten, in denen monatelang keine Gruppentreffen möglich waren, sein Netzwerk. "Mit den Stammkunden, die immer kommen, hatten wir Telefonkontakt. So sind wir über die Runden gekommen", sagt der 64-Jährige. "Aber diejenigen, die sonst spontan zu unserer Gruppe stoßen, weil sie dringend Hilfe brauchen, die sind böse dran gewesen." Das treffe auch auf andere Suchtberatungsstellen wie die Caritas in Oranienburg zu, sagt Maurer. Zwar habe es Beratungen am Telefon gegeben, doch "das ersetzt gerade bei einer Sucht den persönlichen Kontakt nicht".

Am härtesten habe es während der Virus-Kontaktsperre diejenigen Alkoholkranken erwischt, die gerade aus der Sucht aussteigen wollten, sagt der 64-Jährige, "weil sie niemanden zum Reden gefunden haben". Ob die Zahl der Rück­fälle in die Sucht in der Corona-Krise angestiegen ist, kann Hans Maurer nicht sagen. "Das wird sich jetzt zeigen."

Die neue Gruppe von Kathrin Fritsche trifft sich jeden 1. und 3. Mittwoch von 16.30 bis 18 Uhr in der Klagenfurter Straße 44 in Oranienburg. Kontakt unter 03301 4144230 oder über die Sekis unter 03301 6896945. Die bereits bestehende Gruppe der anonymen Alkoholiker trifft sich dienstags, 19 Uhr, bei der Sekis, Liebigstraße 4, in Oranienburg.

Wieder Treffen für Selbsthilfegruppen

Unter Auflagen gibt die Sekis in Oranienburg ihren Gruppenraum in der Liebigstraße 4 ab 1. Juli wieder frei.

Maximal zehn Personen können sich treffen und müssen die Abstands- und Hygieneregeln einhalten.

Ein Gruppensprecher muss sich im Vorfeld melden. Er wird belehrt und muss das Hygienekonzept umsetzen.

Persönliche Beratungen in der Sekis sind mit Termin wieder möglich.

Insgesamt 85 Gruppen betreut die Sekis, 15 Gruppen davon treffen sich in der Liebigstraße.

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