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25 Jahre nach Schlägerei: "In die Schublade Neonazi gesteckt"

Bernd Wagner Exit Neonazi-Aussteigerorganisation Neonazi Neonazis Velten Gaststätte Weimann 1. November 1987 Naziparty Geburtstagsparty
Bernd Wagner Exit Neonazi-Aussteigerorganisation Neonazi Neonazis Velten Gaststätte Weimann 1. November 1987 Naziparty Geburtstagsparty © Foto: MZV
Roland Becker / 21.11.2012, 11:22 Uhr - Aktualisiert 22.11.2012, 16:07
(MOZ) Velten "Ich war Nummer 10 066." Mario Nitsche sitzt an einem frühen Novemberabend in einer Veltener Gaststätte vor einer Apfelschorle. 25 Jahre ist es nun her, dass er zu einer Zahl degradiert wurde. Es war seine Häftlingsnummer. Er wird sie wohl nie vergessen.

Mario Nitsche gehört zu jenen drei Veltenern, die sich sofort nach Erscheinen des Artikels "Als der Nazi-Mob in Velten feierte" (Ausgabe vom 1. November) in der Redaktion meldeten. Sein Tenor: Er habe sich damals nach einer Party in der Gaststätte Weimann eine Schlägerei mit der Polizei geliefert und sei dafür verurteilt worden. Ein Neonazi aber sei er nie gewesen.

Wie arbeitet man Vergangenheit auf? Welchen Wahrheitsgehalt haben Stasi-Akten? Und wie genau ist das eigene Erinnern? Was an diesem Novemberabend am Kneipentisch geschieht, ist für drei Männer eine sehr persönliche Art der Geschichtsaufarbeitung. Mario Nitsche und ein Kumpel, dazu noch René Dietrich wollen etwas gerade rücken. Ihr Feind sie Stasi-Akten. In denen steht, dass die Protagonisten der damaligen Schlägerei als Skinheads aufträten. Ihnen solle mit einem Schauprozess das Handwerk gelegt werden.

Mit am Tisch sitzt Bernd Wagner. Seit Jahren arbeitet er für die von ihm mitbegründete Neonazi-Aussteigerorganisation Exit. Mit Neonazis hat er sich schon zu DDR-Zeiten beschäftigt. "Im Januar 1988 wurde mir als Oberstleutnant der Kripo vom DDR-Innenministerium der Aufbau einer Arbeitsgruppe übertragen, die die Szene rechtsradikaler Skinheads analysieren sollte." Dabei bekam er vor allem von der Stasi auch Akten zu jener Gruppe, die in Velten zugeschlagen hatte. Vor allem aus dieser Aktenlage und neueren Studien heraus äußerte Wagner bereits mehrfach - und so auch gegenüber unserer Zeitung - dass es sich bei der damaligen Party um eine von Neonazis für Neonazis gehandelt habe. Zumindest ein Großteil der Feiernden habe Nazi-Gruppen wie dem Sturm Oranienburg und dem Sturm Velten angehört. Als Nitsche und Dietrich dies in der Zeitung lasen, trauten sie kaum ihren Augen. Jetzt möchten sie wissen, wie der Kriminalist zu dieser Erkenntnis kam. Und vor allem möchten sie selbst erzählen.

"Als ich zu der Party eingeladen wurde, fühlte ich mich geehrt. Es waren coole Leute, die da hinkommen sollten", erinnert sich René Dietrich. Nazis seien das nicht gewesen. Gerade frisch verliebt freute er sich auf den Abend mit DJ und toller Musik. So fing der Abend auch an. Doch zu später Stunde aber sei die Stimmung aggressiv geworden. Die drei Männer meinen sich zu erinnern, dass es Differenzen mit den Wirtsleuten darüber gegeben habe, ob die für die Getränke zuvor eingezahlte Summer schon aufgebraucht sei. "Plötzlich stand eine Schnapsflasche auf meinem Tisch, ohne Gläser", erinnert er sich. Im Klartext: Statt des Wirts schenkten nun mehrere Gäste den Alkohol aus. Als es bereits zu ersten Schlägereien kam, sei er mit seiner Freundin verschwunden.

Mario Nitsche behauptet, dass während des Tumults jemand vom Personal mit einem Messer gedroht habe. Als wenig später die Polizei vorfuhr, muss die Situation vollkommen eskaliert sein. Ein Gast sei in dem Moment eine Treppe heruntergestürzt, als sich ein Polizist näherte. Als jemand in die Menge rief, dass der Polizist den Mann runtergestoßen habe, sei die Staatsmacht angegriffen worden. Als Polizisten bereits verletzt waren und "der Toni-Wagen bereits gewackelt hatte", wie sich Nitsche erinnert, habe ein Beamter drei Warnschüsse abgegeben. Wenig später klickten die Handschellen.

"Ich stehe dazu: Ich habe damals Mist gebaut und musste bestraft werden. Aber die Schlägerei war nicht politisch motiviert", versichert Mario Nitsche. Dass so eine Kneipenschlägerei vor Gericht ändern kann, wunderte ihn damals nicht. Mulmig wurde ihm erst, als ihm am zweiten Tag der Untersuchungshaft ein dort Angestellter sagte: "Ich kann nichts mehr für Euch machen!"

Bernd Wagner weiß, dass solche Anklagen in der DDR gemeinhin unter Rowdytum fielen.Doch in diesem Fall lief es anders. Heute sagt der einstige DDR-Kriminalist zu Mario Nitsche: "Sie waren einer strafpolitischen Ausnahmesituation ausgesetzt." Obwohl dieser Mann, der die Skinheadszene der DDR durchleuchten sollte, gar nicht an der Gerichtsverhandlung teilnehmen konnte, ging er damals davon aus, dass es sich bei den Angeklagten unisono um Neonazis handelt. Sein Wissen stammte aus Stasi-Akten und dem, was beteiligte Polizisten ausgesagt hatten.

Die drei Männer, die im November 2012 an diesem Veltener Kneipentisch sitzen, sind noch heute der Meinung, dass die Party auf keinen Fall von Nazis dominiert wurde. "Na sicher waren unter den neun Verurteilten auch Neonazis", behauptet Wagner. Das Trio staunt: "Echt?"

Dass er genau in diese Richtung gedrückt werden soll, das spürt der damals 18-jährige Mario während des Prozesses. "Sie sind schlau, Sie geben sich nicht offiziell zu erkennen", habe ihm der Richter vorgeworfen. Bei einem der Mitangeklagten, so erinnert er sich, sei bei der Hausdurchsuchung eine Reichskriegsflagge gefunden worden. Der junge Mann, dessen Vater Stasi-Offizier gewesen sein soll, habe auch Springerstiefel und Bomberjacke getragen.

"Wir haben bitterböse und teuer bezahlen müssen", resümiert Mario Nitsche über die Folgen der Kneipenschlägerei. Er wurde zu fünf Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Neun Monate davon war er im Stasi-Knast Hohenschönhausen eingekerkert. Vom Fall der Mauer erfuhr er aus einem illegal gebastelten Radio. Erst in den letzten Monaten der DDR wurde er begnadigt.

Zwei Stunden haben die damals wie heute Betroffenen - darunter vor allem Mario Nitsche - über ihre Sicht der Dinge gesprochen. Bernd Wagner hat zugehört, ebenfalls argumentiert. Er bleibt dabei: "Unter den Gästen war eine erklägliche Anzahl, die in Neonazi-Zusammenhänge eingebunden war." Er sagt aber auch: "Ich kann nicht ausschließen, dass die damalige Feier tatsächlich einen Doppelcharakter hatte." Und bezüglich René Dietrich, Mario Nitsche und dessen ebenfalls verurteilten Kumpel, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, glaubt er nun: "Sie wurden damals in die Schublade Neonazis gesteckt." Die Drei geben dem Kenner der Neonazi-Szene einen sehr ernst gemeinten Rat mit auf den Weg für seine weiteren Forschungen über Rechtsradikale in der DDR: "Man kann sich nicht nur auf die Unterlagen solcher Systeme stützen." Dem Beobachter erscheint es, als verabschieden sich alle durchaus mit Respekt voneinander. Nach einem Handschlag verabschieden sie sich in den feucht-kalten Novemberabend. Bernd Wagner hat noch eine lange Autofahrt vor sich. Zeit zum Nachdenken. Am nächsten Morgen schreibt er: "Im Veltener Fall ist es offensichtlich, dass mit Verurteilten Politik betrieben wurde." Das damalige Ereignis bleibe für ihn eines, in dem sich Neonazismus in der DDR gezeigt hat. Aber: "Es ergibt sich jetzt für mich ein differenzierteres Bild, von dem aus meine weiteren Recherchen geprägt sein werden."

In der Nacht zum 1. November 1987 eskalierte eine Geburtstagsparty in der Veltener Gaststätte Weimann. Dabei kam es - ausgehende von betrunkenen jungen Männern - zu einer Schlägerei, in deren Zentrum zwei Polizisten und ein Polizeihelfer verletzt wurden. Die DDR-Staatssicherheit sowie Polizei und Staatsanwaltschaft nahmen diese Straftaten zum Anlass, gegen eine Gruppe von neun Männer im Alter zwischen 17 und 24 Jahren am Kreisgericht Oranienburg einen Schauprozess zu veranstalten.

In einem Geheimpapier der Stasi, das auch an Egon Krenz (zu jener Zeit stellvertretender Staatsratsvorsitzender der DDR) geht, wird von einer gewalttätigen Gruppe aus dem Kreis Oranienburg gesprochen, die die Lebensweise westlicher Skinheads nachahme. Zudem hätten sie Kontakte zu jener Gruppe von Skinheads, die am 17.Oktober 1987 ein Konzert von Element of Crime in der Berliner Zionskirche überfielen. Auch gegen diese der neonazistischen Skinheadszene zugerechneten Gruppe gab es einen Prozess mit allerdings milden Urteilen, die erst in zweiter Instanz verschärft wurden.

Für die in Oranienburg zu verurteilenden Männer stand laut Stasi schon im März fest, dass sie im Mai zu einem bis sechs Jahren Freiheitsentzug zu verurteilen sind.

Der ab Januar 1988 im Auftrag der Polizei die rechtsextreme Szene analysierende Oberstleutnant Bernd Wagner ging bei den Veltener Tätern von Rechtsextremen aus. Heute ist Wagner als Rechtsextremismus-Experte und Gründer der Neonazi-Aussteigerorganisation Exit bekannt.

Bei einem Vortrag in Hennigsdorf im Jahr 2010 bezeichnete er die Region als ein "tradiertes ostdeutsches Kerngebiet" der Neonazis. Als Beispiel führte er die von Neonazis initiierte Veltener Party an.Dies wiederholte Wagner jüngst im Gespräch mit unserer Zeitung und verwies dabei darauf, dass es 1987 bereits Neonazi-Strukturen in dieser Gegend gegeben habe. Als Beispiele führte er den Sturm Velten und den Sturm Oranienburg an. (rol)

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