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Zwischen Fee und Teufel
Märchen so schonungslos wie der „Tatort“

Das haben Märchen und Malerei gemeinsam: Die Fantasie spielt eine große Rolle. Marion Wölfer liebt beides. Mit dem Märchenerzählen möchte sie ihr Brot verdienen, die Malerei ist bislang ein Hobby.
Das haben Märchen und Malerei gemeinsam: Die Fantasie spielt eine große Rolle. Marion Wölfer liebt beides. Mit dem Märchenerzählen möchte sie ihr Brot verdienen, die Malerei ist bislang ein Hobby. © Foto: Roland Becker
Roland Becker / 13.11.2018, 15:20 Uhr
Velten (MOZ) „Manche Märchen sind gruseliger als der ‚Tatort’ am Sonntag“, meint Marion Wölfer. Doch die Wahl-Veltenerin ist von dieser Welt der Hexen, Zwerge und Zauberer so begeistert, dass sie 2017 eine Ausbildung zur pädagogischen Märchenerzählerin absolvierte.

Es ist nicht das bekannteste Märchen aus der Grimmschen Sammlung, aber es ist ein besonders grausiges. In „Fitchers Vogel“ zerstückelt ein Zauberer junge Frauen. „Das geht ja gar nicht. Das kann ich so nicht vorlesen“, war sich Marion Wölfer sicher, als sie ihren Kindern vor Jahren dieses Märchen vorlesen wollte. „Ich habe es abgemildert.“

Einige Jahre und eine professionelle Ausbildung später sieht das die Mutter zweier Söhne ganz anders: „Kinder tauchen in die Geschichte ein, sind selbst die Helden. Sie empfinden das Erzählte als gerecht. Eine böse Hexe muss natürlich im Ofen verbrennen.“

Auch ihre eigenen Erfahrungen haben sie darin bestärkt, diesen Erzähl-Weg zu gehen: „Ich habe als Kind die Bücher von Stephen King geliebt und mich zu Tode gegruselt. Aber man will es!“ Und damit ist für sie klar, dass sie auf „Wattebausch-Märchen, niedlich und rosa“ verzichten kann.

Als Erzählerin setzt sie darauf, dass Märchen helfen können, Lebenssituationen zu meistern. Wenn Kinder davon hören, wie in vielen Märchen Außenseiter „missachtet und verlacht werden, aber reinen Herzens sind, einfach losgehen und Aufgaben meistern“, könne das Mut machen. Dass in vielen der Jahrhunderte alten Geschichten der Tod vorkommt, „kann eine wunderbare Hilfe sein, Kindern die Angst davor zu nehmen, ihnen zu zeigen, dass es danach noch etwas geben kann“.

Wie aber lernt man es, Märchen so packend zu erzählen, dass Kindern der Mund offen stehen bleibt, sie die Welt um sich herum vergessen? Auf jeden Fall gehören Sprach- und Stimmbildung dazu. Kurse des Berlin-Brandenburgischen Märchenkreises sind für die gebürtige Heiligenseeerin selbst auferlegtes Pflichtprogramm.

Dass Marion Wölfer mittlerweile drei Dutzend Märchen auswendig kennt, hat viel mit dem Sport zu tun. Wenn sie im Studio auf dem Stepper übt, klebt vor ihr eine Geschichte, die sie Schritt für Schritt auswendig lernt. „Die Bewegung und das Lernen, das passt zusammen“, freut sie sich. Viele ihrer literarischen Schätze spricht sie auf eine App und hört sie sich immer wieder an. Manche Märchen verfolgen sie bis in ihre Träume.

Doch fruchten all die Anstrengungen auch? Fasziniert in einer reizüberfluteten Welt das Erzählen noch? Wölfer ist sich da ganz sicher. Ob Jung oder Alt – sie liest auch für Erwachsene –, fast alle lassen sich von dieser fantastischen Märchenwelt einfangen, hat die Erzählerin erfahren.

Wer sich dafür öffnet, „taucht in Geschichten ein,  entwickelt nachhaltigere Gefühle als beim Anschauen eines Films. Ja, der Film wird sogar selbst im Kopf gedreht“, argumentiert die Veltenerin.

Nach einem Jahr als Profi-Erzählerin ist sich Marion Wölfer sicher: „Das ist jetzt meins!“ Aber kann sie davon leben? Die Märchenbewahrerin lächelt ein wenig. Natürlich gebe es Leute, die sich gern etwas erzählen lassen, den Service aber als schönes Hobby ansehen. Oder Kindergärten, in denen ihr gesagt wird: „Toll, was Sie machen. Aber bezahlen können wir das nicht.“

Auch deshalb hat sich die gelernte Bürokauffrau in ihrer alten Remise an der Viktoriastraße weitere Standbeine geschaffen. Im kleinen Atelier bastelt die 49-Jährige mit Kindern, richtet Geburtstagsfeiern aus oder vermietet den Raum an Menschen, denen der Platz für ihr Hobby fehlt. Nach den Winterferien wird sie an beiden Veltener Grundschulen auch eine Theater-AG anbieten.

Wer sich von Mario Wölfer keine Märchen erzählen lassen will, kann mit Wölfers Kunst auch auf andere Weise in Berührung kommen. Demnächst wird die Hobbymalerin in leerstehenden Schaufenstern am Markt ausstellen.

Wer aber gebannt den schon seit einigen Jahrhunderten erzählten Geschichten lauschen will, kann sich gleich den 14. Februar kommenden Jahres vormerken. „Am Valentinstag werde ich mit anderen Erzählerinnen zum Abend mit Wein, Essen und etwas erotisch angehauchten Märchen einladen.“ Der böse Wolf, der kleine Mädchen vernascht, lässt grüßen.

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