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Erweiterungsbau
Biotech-Zentrum nicht vor 2022 fertig

Roland Becker / 14.03.2019, 18:24 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) Eigentlich sollte sich Hennigsdorf bereits bis 2021 zu einem Leuchtturm für Firmen der Biotechnologie mausern. Doch die Erweiterung des im Volksmund Blaues Wunder genannten Innovationsforums wird länger dauern. Vom Erfolg sind alle Beteiligten dennoch überzeugt.

2021, so kündigte es Landrat Ludger Weskamp (SPD) Ende 2016 an, solle der 25 Millionen Euro schwere Bau zwischen Blauem Wunder und Havel, genannt Biotech-Campus, bezogen werden. Das sagte er vor gut zwei Jahren, als er gemeinsam mit der Stadt Hennigsdorf und der Co:bios-Stiftung den Kooperationsvertrag zu Bau und Finanzierung unterschrieb.

Vom Jahr 2021 spricht auch Sonja Brodbeck. Die Chefin der Life Science Oberhavel (LCO), eine 100-prozentige Tochter des Kreises, meint damit allerdings nicht die Eröffnung, sondern den Baustart. "Vor Ende 2022, Anfang 2023 ist mit dem Einzug der Firmen nicht zu rechnen", sagt sie. Auf eine Anfrage im Landratsamt heißt es hingegen lapidar: "Die integrierte Gesamtmaßnahme wird plangemäß umgesetzt."

Wenn Sonja Brodbeck auf die Wiese an der Havel schaut, auf der einmal Trendsetter der Biotech-Branche beheimatet sein sollen, dann nimmt sie große Worte in den Mund: "Gut sein, reicht nicht. Wir stehen im harten Wettbewerb. Und zwar nicht zu Velten und Berlin, sondern zu Heidelberg, Nizza und London." Damit solch ein sogenanntes Cluster in dieser Liga erfolgreich mitspielen kann, bräuchte es 3 000 bis 5 000 Arbeitsplätze. Rechnet Brodbeck alle vorhandenen und avisierten Jobs zusammen, landet sie an der unteren Grenze.

Mit dem Bau des Blauen Wunders hat Hennigsdorf vor zwei Jahrzehnten eine Branche an Land gezogen, deren blühende Zukunft damals kaum vorstellbar war. Mittlerweile hat der Standort einen so guten Ruf, dass Brodbeck vermelden kann: "Seit Jahren sind wir das erste Mal voll vermietet." Und mehr noch: Firmen stehen Schlange, warten sehnsüchtig auf den Neubau. "Wir haben eine echt lange Interessentenliste. Daher stehen wir unter Zeitdruck. Ich weiß nicht, wie lange ich die bei der Stange halten kann."

Daher hat sie jetzt einen engen Fahrplan gestrickt. Ende Mai entscheidet ein von ihr als hochkarätig bezeichnetes Preisgericht über 43 Vorschläge ebenso renommierter Architekturbüros. Bis August soll feststehen, wie der Siegerentwurf umgesetzt wird. Im Januar 2020 will sie die Planung vorliegen haben, um das Jahr dann fürs Einholen der Genehmigungen zu nutzen. Spätestens Anfang 2021 soll gebaut werden. Voraussetzung für all das: Das Land muss die beantragten 15 Millionen Euro Förderung genehmigen.

Flankiert wird das neue Gebäude von zwei privaten Investitionen. Laut Brodbeck will das aus Bad Ems (Rheinland-Pfalz) stammende Familienunternehmen Löwenstein, ein Hersteller von Medizintechnik, hier seinen Berlin-Sitz errichten. Von 120 Arbeitsplätzen ist die Rede. Auf der anderen Seite plant die bereits ansässige Firma In.vent Diagnostica eine Erweiterung.

Um Ansiedlungswünsche zumindest teilweise zeitnah erfüllen zu können, hat Brodbeck ein zweites Eisen im Feuer: Haus 18 des Blauen Wunders wird ab Herbst für knapp zwölf Millionen Euro auf den neuesten Stand gebracht. Im September 2020 soll es seine Pforten öffnen. Ein anspruchsvolles Ziel, das Brodbeck angesichts des ausgelasteten Bausektors mit der Bemerkung begleitet: "Fragen Sie nicht nach Realitätsnähe."

Auffällig ruhig wird die Chefin, wenn es ums versprochene und als notwendig erachtete Zusammenspiel der Biotech-Firmen mit Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen geht. "Wir brauchen diese Durchmischung von Forschung, Produktion, Dienstleistern, etablierten Unternehmen und Startups", beteuert sie. Doch über konkrete Vereinbarungen mit universitären Einrichtungen kommt sie (noch) nicht zu sprechen.

Die Bewältigung dieser Aufgabe spielt in ein weiteres Vorhaben hinein. Ebenfalls mit Fördermitteln baut der Wachstumskern O-H-V ein Clustermanagement Gesundheitswirtschaft auf, das sich um die Vermarktung, aber auch um die Vernetzung in der Branche un ihre Forschungseinrichtungen kümmern soll. Außerdem wird das Management für die weichen Standortfaktoren zuständig sein. Hier geht’s auch ums Wohlfühlen. Brodbeck zählt Beispiele auf: "Der Inhaber einer Firma benötigt Hilfe, um ein Eigenheim zu finden. Ein Startup-Gründer sucht eine Mietwohnung oder einen Kindergartenplatz." Damit solche Probleme nicht dazu führen, dass sich die Firma anderswo ansiedelt, soll das Management hilfreich unter die Arme greifen.

Es sind ehrgeizige Pläne, die Ende 2016 vorgestellt wurden und nun langsam zu wachsen beginnen. Aber weshalb sind zwei Jahre verstrichen, die den bisherigen Zeitplan konterkariert haben? Brodbeck weiß, dass sie mit der Antwort anecken wird: "Ich glaube, die Leute nennen das Verwaltung."

Entstehungsgeschichte

■ Die Ursprünge des Innovationsforums Hennigsdorf reichen bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung zurück. Auf ehemaligem Industriegelände entstand Anfang der 1990er-Jahre das Technologiezentrum Verkehrstechnik. Später entstanden ein Biotechnologiezentrum und der Neubau der Firma Brahms, heute Thermo Fisher.

■ Daraus entwickelte sich ein Biotechnologie-Standort, an dem mehr als 100 Firmen 850 Arbeitsplätze anbieten. Vorteil zu Berlin: Hier gibt es Kaltmieten ab sechs Euro pro Quadratmeter.

■ Der Erweiterungsbau umfasst ein Areal von sechs Hektar. Fertigstellung: 2022/23.⇥(rol)

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