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Arbeitskampf
Rheinland-Pfälzer Protest in Hennigsdorf

Roland Becker / 28.06.2019, 17:40 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) Die Belegschaften aus Rheinland-Pfalz fühlen sich vom Stahlkonzern benachteiligt. Im Kampf um einen Tarifvertrag sind sie bis nach Hennigsdorf gereist.

Andreas Arens ist so sauer, dass er fast 750 Kilometer gefahren ist. Der 51-Jährige gehört zu den Mitarbeitern von Riva in Trier und Horath, die ihr Stahlwerk seit dem 11. Juni bestreiken. Am Freitag ist er mit gut 100 Kollegen nach Hennigsdorf gekommen, um vor der Konzernzentrale für Lohngerechtigkeit zu demonstrieren.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Unternehmen im Osten besser als im Westen bezahlt. Vor zwei Jahren hat Riva die beiden kleinen Stahlwerke in Rheinland-Pfalz gekauft. Vielleicht dachten die Mitarbeiter damals, dass die wilden Zeiten in Sachen Entlohnung nun ein Ende hätten. Spätestens seit dem jüngsten Tarifabschluss in der Metallbranche sehen sie sich dieser Hoffnung beraubt. "Es gibt keine Vergütungsgrundlagen. Das läuft so ein bisschen nach Nase", weiß Jan Brauburger von der IG Metall in Rheinland-Pfalz zu berichten. Im Durchschnitt verdiene ein Mann in der Produktion keine zwölf Euro, ergänzt Rainer Kubitza, Betriebsrat im Trierer Werk. Das Facharbeiterentgelt liege bei 2 876 Euro brutto. Mancher ungelernter Stahlarbeiter verdiene aber nicht einmal so viel, dass er es später über die Grundrente schaffen wird.

Arens kann ein Lied davon singen: "Ich verdiene an die 30 Prozent unter Tarif. Das können wir uns nicht bieten lassen." Die beiden Werke seien die einzigen im Riva-Verbund, die keinen Tarifvertrag besitzen. "Ich möchte nicht, dass die uns verarschen", ärgert er sich. Seit sechs Jahren ist er als Kranfahrer und Maschinenführer so eine Art Hans-Dampf-in-allen-Riva-Gassen. Jetzt kocht vor allem seine Stahlarbeiter-Seele. Ihn ärgere nicht nur die schlechte Bezahlung. "Unser Werk ist unter aller Sau. In die ganze Bruchbude müsste kräftig investiert werden."

Bevor Arens vor dem Riva-Tor seinen Frust loslässt, hat bereits Stefanie Jahn von der hiesigen IG Metall auf dem Postplatz kämpferische und anklagende Worte gesprochen. Ihre Gewerkschaft überlege es sich sehr gut, bevor sie zu einem unbefristeten Streik aufrufe. "Was bei euch abläuft, ist unfair, unsozial und eines Riva-Konzerns nicht würdig!", schmettert sie über den Platz. Auch sie erwähnt Stundenlöhne von unter zehn Euro.

Neben Betriebsrat Kubitza ist auch sein Horather Kollege Georg Reutmeister mit nach Hennigsdorf gereist. Der Betriebsrat hat sich erst vor einem halben Jahr gegründet. Auch deshalb sei man verunsichert gewesen, als Riva-Vertreter unter Ausschluss der Gewerkschaft ein Angebot machten: 2,3 Prozent mehr Lohn. Doch was die Streikenden wirklich wollen, das schallt im Sprechchor über den Postplatz: "Einen Tarifvertrag wollen wir. Dazu sind wir heute hier."

Blockade umfahren

Aber bekommt die Riva-Spitze das überhaupt mit? Als der Demonstrationszug vor dem Haupttor ankommt und selbiges blockiert, lenkt die Polizei die Lkw über einen Seitenausgang. Die Blockade ist misslungen. Auch die erhoffte Solidarität der Hennigsdorfer bleibt aus. Der längst pensionierte ehemalige Betriebsrat Peter Schulz ist einer der wenigen, der Solidarität zeigt. Diese Zurückhaltung hat nicht nur mit der ungünstigen Zeit am Freitagmittag zu tun. "Wir haben Unterstützung von Werken in Frankreich, Italien und Belgien. Aber mit dem aus Hennigsdorf sieht es schwach aus", ärgert sich Betriebsrat Rentmeister. Sein Hennigsdorfer Kollege Detlef Krebs ruft diese Zeitung sogar aus dem Urlaub an; jedoch weniger, um die Kollegen zu unterstützen. Zwar sei es okay, dass diese für ihre Rechte kämpfen. Aber: "Dass die IG Metall gleich die große Keule rausholt! Wir haben fünf Jahre gebraucht, ehe wir einen Tarifvertrag hatten." Der Trierer Betriebsrat will das schneller erreichen: "Wir gehen davon aus, zehn Wochen zu streiken."

Standorte inDeutschland

Dem 1954 in Italien gegründeten Unternehmen gelang nach der Wiedervereinigung der Sprung nach Deutschland. Von der Treuhand wurden die Stahlwerke in Hennigsdorf und Brandenburg erworben.

Die Werke in Lampertheim, Trier und Horath kamen 2000 und 2017 dazu.⇥rol

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