Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Bildung
Steht Berufsausbildung mit Abitur vor einem Revival?

Roland Becker / 10.07.2019, 06:00 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) Könnte die in der DDR angebotene Berufsausbildung mit Abitur ein Revival erleben? Thomas Pehle klingt wenig begeistert: "Das Thema kocht immer mal wieder hoch." Der Vorsitzende des Brandenburgischen Lehrerverbandes beruflicher Schulen reagiert damit auf eine vom brandenburgischen Bildungsministerium beauftragte Studie zur Berufsausbildung. Darin wird vorgeschlagen, an den Oberstufenzentren (OSZ) wieder die Berufsausbildung mit Abitur (BmA) anzubieten.

In der DDR war die BmA eine Alternative vor allem für jene, die keinen Platz an der Erweiterten Oberschule (EOS) erhalten hatten, doch noch zum Abitur zu kommen. In der Regel an einen Großbetrieb angeschlossen konnten sie dort in drei Jahren einen Beruf erlernen und die Reifeprüfung ablegen. "Wie sollen wir das heutzutage zeitlich hinbekommen?", fragt Pehle, der als Vize-Rektor am Hennigsdorfer OSZ arbeitet. Da Berufsausbildungen wie die zum Mechatroniker oder Elektriker jetzt dreieinhalb Jahre dauern, müssten für die Doppelausbildung mindestens vier Jahre veranschlagt werden.

Schwierig, Partner zu finden

Als noch schwieriger sieht er es an, ein anderes Problem zu lösen. Man bräuchte einen Großbetrieb, der dazu bereit wäre, die berufliche Ausbildung zu übernehmen. Da eine Klasse mindestens 16 Schüler haben müsste, würde sich das als sehr kompliziert gestalten: "Wo gibt es in Brandenburg Betriebe, die das leisten könnten?" Selbst Unternehmen, die dazu in der Lage wären, würden sich ein solches Engagement drei Mal überlegen. Pehles Überlegung: "Wenn dieser Betrieb die Berufsausbildung finanziert, will dieser den Nachwuchs auch behalten. Der größte Teil derer, die eine Berufsausbildung mit Abitur absolvieren würden, möchte aber danach zum Studium gehen." In der DDR verbanden Betriebe mit der BmA oftmals die Hoffnung, dass die ehemaligen Schüler als junge Akademiker zurückkehren. Teilweise wurde dahingehend auch ein gewisser Druck ausgeübt.

Keinen Zweifel lässt Pehle daran, dass eine Bildungseinrichtung wie das Hennigsdorfer OSZ in der Lage wäre, die theoretische Ausbildung zu stemmen. Schon jetzt kann am OSZ ein Fachabitur mit Schwerpunkten wie Metall-, Elektro- oder Medientechnik abgelegt werden. Er selbst hat übrigens in der DDR von BmA-Angebot profitiert. In Gera legte er begleitend zur Maschinenbauer-Ausbildung das Abitur ab.

Auch Hennigsdorfs Bürgermeister Thomas Günther (SPD) erlangte 1987 auf diese Weise das Recht, studieren zu können. Er wurde dabei im damaligen Hennigsdorfer LEW (heute Bombardier) ebenfalls zum Maschinenbauer ausgebildet. "Meine Eltern hatten nach einer Möglichkeit gesucht, dass ich das Abitur erwerben konnte und es zugleich für sinnvoll gehalten, dass ich eine Berufsausbildung bekomme." Da sich das heute nicht mehr existente Schulgebäude auf dem Betriebsgelände – etwa dort, wo heute das Blaue Wunder steht – befand, habe er jeden Morgen das LEW-Betriebstor passiert. "Zwei Wochen Praxis wechselten sich mit zwei Wochen Theorie ab." Wenn allerdings die EOS-Schüler acht Wochen Sommerferien hatten, "habe ich im Wagenkasten-Rohbau mit einer Flex Schweißnähte weggeschliffen." Heute möchte er die Jahre im LEW nicht missen: "Als Abiturient hat man mitbekommen, wie Arbeit riecht und wie die Stimmung in einem Großbetrieb war." Die Arbeiter hätten dort ganz offen angesprochen, was sie am DDR-Alltag bemängelten. Er habe damals hohen Respekt vor denen bekommen, "die in dunklen Produktionshallen körperlich sehr anstrengend in Dreck, Staub und Geruch" gearbeitet haben.

Auch der Bürgermeister hält es heute nicht mehr für möglich, ein Unternehmen zu finden, dass diese Ausbildung übernimmt. "Wir haben nicht mehr die Großbetriebe mit 8 000 Mitarbeitern." Von der Idee her sei die Berufsausbildung samt Abitur aber "keine schlechte Variante". Die sehr praktisch orientierte Ausbildung am OSZ und die Möglichkeit, dort ein beruflich orientiertes Abitur abzulegen, seien gangbare Alternativen zur BmA. Er sei dafür, "die Attraktivität der Oberstufenzentren noch mehr zu stärken".

AlternativerBildungsweg

1959 wurde in der DDR die Berufsausbildung mit Abitur eingerichtet. Binnen drei Jahren wurden ein Berufsabschluss und das Abitur erworben.

Der Fächerkanon war gegenüber dem Gymnasium leicht eingeschränkt: Kunst und Musik entfielen, und es wurde nur Biologie oder Geographie unterrichtet. Ein Vorteil dieses Bildungsweges: Es gab keinen Unterricht am Sonnabend. Dafür waren die Ferien auf 24 Tage beschränkt. In der EOS gab es allein acht Wochen Sommerferien.

In Berlin bietet ein Oberstufenzentrum in Zusammenarbeit mit der Deutschen Telekom diesen Bildungsweg seit einigen Jahren wieder an.⇥rol

Schlagwörter

Berufsausbildung Thomas Günther Abitur Thomas Pehle Revival

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG