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Verfolgung
An einen doppelt Verfolgten erinnert

Wegen seines Glaubens wurde Wilhelm Busse in zwei Diktaturen inhaftiert. Ein Stasi-Verhör direkt nach seiner Verhaftung im Jahr 1950 wurde am Montag nachgespielt.
Wegen seines Glaubens wurde Wilhelm Busse in zwei Diktaturen inhaftiert. Ein Stasi-Verhör direkt nach seiner Verhaftung im Jahr 1950 wurde am Montag nachgespielt. © Foto: Roland Becker
Roland Becker / 16.07.2019, 21:30 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) 69 Jahre währte das Leben des Hennigsdorfers Wilhelm Busse. Als er 1957 starb, hatte er von seiner Lebenszeit mehr als 15 Jahre im Gefängnis, im Konzentrationslager und im Zuchthaus zubringen müssen. Als Mitglied der Zeugen Jehovas, die jegliche staatliche Obrigkeit ablehnen, war er Opfer zweier Regime geworden: dem der Nationalsozialisten und dem der DDR.

Nachdem am Montag für Wilhelm Busse vor dessen Wohnhaus an der Berliner Straße ein Stolperstein verlegt worden war (wir berichteten), lud sein Urenkel Stephan Steinfurth und die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas zu einem Gedächtnisabend ins überfüllte Stadtklubhaus ein.

Es war ein Abend, der mit leisen Geigentönen begann. Und es war ein Abend, der einem Opfer zweier Diktaturen ein Stück seiner Würde zurückgab. Dieses Wort hatte für den Urenkel eine ganz besondere Bedeutung. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitierte er aus dem Grundgesetz und fügte hinzu: "Heute sehen wir, wie wertvoll die darin verankerte Glaubens-, Gewissens- und Redefreiheit ist."

Wilhelm Busse, geboren 1887, konnte sich, nachdem er 1923 den Zeuge Jehovas beitrat, nur wenige Jahre auf diese Freiheiten berufen. "Wie hat es sich wohl angefühlt, wenn der eigene Name durch eine Häftlingsnummer ersetzt wird?", erinnerte der Urenkel an die erste Inhaftierung des Urgroßvaters im Jahr 1935. Es geht nahe, wenn es in einem seiner an die Tochter gerichteten Briefe aus der Gefangenschaft so schlicht heißt: "Ich bin gesund. Du und Mutti hoffentlich auch." Aber es ist auch nicht jedem zugänglich, wenn Wilhelm Busse aus dem KZ einen Brief schreibt, der allein von seiner strengen Gläubigkeit berichtet.

Andererseits: Genau das war es, was dem Häftling in diesen Jahren Kraft gab: sein unerschütterlicher Glaube. Ein ihm bekannter Glaubensbruder litt zur selben Zeit im KZ Sachsenhausen. Dessen Enkel berichtete am Montag aus den Erzählungen seines Großvaters: "Er beschrieb uns Lagerstrafen wie den Bock, auf den gebeugt ein Häftling bis zu 25 Schläge mit dem Ochsenziemer ertragen musste."

Am 31. August 1950 wurde die Glaubensgemeinschaft in der DDR erneut verboten. Busse, einen Tag zuvor festgenommen, wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die damaligen Verhörprotokolle der Stasi sind erhalten. Am Montag wurden sie in Szenen nachgestellt. Was muss Busse empfunden haben, als er seinen Vernehmer sagen hörte: "Vorstrafen: 1935 bis 1945. Grund: Jehova."? In der von der Stalin-Zeit geprägten Diktatur der DDR sagt das ein Vernehmer so, als berufe er sich bei der KZ-Haft auf ein demokratisch gefasstes Urteil.  Jetzt wurde ihm vorgeworfen, die weltliche Macht zu untergraben, weil er als Zeuge nicht an politischen Wahlen teilnehme. Busse parierte diesen Vorwurf gegenüber dem Vernehmer mit den Worten: "Wenn so wenige die Wahl beeinflussen können, dann ist es schlecht um die Macht bestellt."

Im Januar 1951 wurde Wilhelm Busse in Potsdam vor Gericht angeklagt. Der Staatsanwalt warf ihm in einer von der Stasi verfassten Anklageschrift vor: "Busse ist ein fanatischer Anhänger der Sekte der Zeugen Jehovas und ist krampfhaft bemüht, den staatsfeindlichen Charakter dieser Organisation sowie seine verräterischen Handlungen zu verbergen. Er ist ein verbissener Gegner der Deutschen Demokratischen Republik und beteiligt sich äußerst aktiv an der Wühlarbeit." Wilhelm Busse starb am 10. März 1957 im Zuchthaus.

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