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Flüchtlingsschicksal
Nach dem Tanz in den Westen geflohen

Roland Becker / 13.08.2019, 00:00 Uhr - Aktualisiert 13.08.2019, 17:33
Nieder Neuendorf (MOZ) Der Tag war so entscheidend in meinem Leben, dass ich noch heute alles weiß, was von morgens an geschah." Für Manfred Schmidt begann der 13. August 1961 nach durchzechter Nacht im Klubhaus der Hennigsdorfer Stahlwerker.

Es war gegen halb Fünf am Morgen, als der 19-Jährige auf seiner Jawa nach Hause gen Nieder Neuendorf knatterte. In seinen Gedanken – vielleicht an den letzten Tanz – wurde er jäh gestört. Für einen frühen Sonntagmorgen war ungewöhnlich viel los. "Da war mächtig viel Militär unterwegs Richtung Spandau", erinnert er sich. 58 Jahre später sagt Manfred Schmidt, dass er für diesen Sonntag ohnehin seine Flucht geplant habe. Offenbar war ihm im Fahrtwind auf der Jawa schnell klar, dass Westberlin abgeriegelt wird. Als er vom Fenster aus sah, wie Soldaten am Havelufer Stacheldraht ausrollten, war ihm klar: Die Grenze ist dicht. Und ihm dürfte ein Satz durch den Kopf geschossen sein, den ihm ein Grenzer eine Woche zuvor an der S-Bahn-Grenzstation Stolpe-Süd gesagt hatte: "Gib deine Arbeit auf. Du wirst hier bald nicht mehr durchkommen."

Der typische Grenzgänger

Bis zu diesem Tag war Manne ein typischen Grenzgänger gewesen: Im Westen arbeiten, im Osten leben. Und zwar gut. Bei den Deutschen Waggon- und Maschinenfabriken steckten jede Woche 60 Ost-Mark und 45 West-Mark in der Lohntüte. Die harte Währung 1:5 umgetauscht, brachte das einen Monatsverdienst von mehr als Tausend Mark. "Im Stahlwerk verdiente ich vorher 600 Mark", erinnert sich der gelernte Schlosser. Das reichte nicht nur fürs Motorrad, sondern auch noch für eine Lederjacke auf der Jawa. "Für ’nen jungschen Piepel war das sehr reizvoll!"

Der, der an diesem Sonntagmorgen wusste, dass er jetzt fliehen musste, war kein Politischer. Er war einer, der sich die Annehmlichkeiten des Lebens nicht nehmen lassen wollte. Manne, wie er schon damals gerufen wurde, räumt heute ein: "Ich hätte immer den leichteren Weg genommen." Dafür wäre er auch in die SED-Staatspartei eingetreten.

Seine Mutter, so erzählt er, sei da aus anderem Holz geschnitzt gewesen. Als sie Jahre zuvor entdeckt hatte, dass ihr Sohn heimlich in die Pionier-Organisation eingetreten war, bügelte sie das bis dahin gut versteckte blaue Halstuch und gab es beim Lehrer ab. Ihr Argument: "Mein Mann ist im Krieg gefallen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer politischen Organisation sind."

Und so hinderte ihn seine Mutter an jenem 13. August 1961 auch nicht daran, dass dieser mit einem Kumpel Richtung nach Pankow aufbrach. Der hatte ihm gesagt: "Ick weeß ’ne jute Stelle in Berlin anne Panke. Da kannste abhauen. Da brauchste bloß 200 Meter zu lofen, dann biste im Westen."  Manne hatte schon fast seine Füße in die Hand genommen, als er zwei Stahlhelme entdeckte. Und darunter Augen, die ihn fixierten. "Denen wäre ich in die Arme gelaufen." Der erste Fluchtversuch war damit gescheitert. Eine andere Idee musste her. Und zwar schnell!

Dorfstraße 37. Das Schmidtsche Grundstück in Nieder Neuendorf bot diese Gelegenheit. Es reichte bis ans Wasser. Es galt nur, den morgens eilig ausgerollten Stacheldraht zu überwinden und das Faltboot ins Wasser zu bringen. "Meine Keule", berlinert sich Manne durch seine eigene Flucht, "hat die Schnellboote auf der Havel beobachtet." Der Bruder stellte fest: Zwischen zwei Grenzpatrouillen blieben zehn Minuten Zeit. "Gut zu schaffen", urteilte der 19-Jährige. Und paddelte los. Über diese sein Leben entscheidenden Minuten geht Manfred Schmidt fast wortlos hinweg. Wahrscheinlich hat er damals an nichts anderes gedacht als an einen schnellen und kräftigen Ruderschlag. Eingebrannt in die Erinnerung hat sich die Ankunft: "Drüben haben mich die Leute schon beobachtet und in Empfang genommen." Gerade mal zwei Kilometer Fußweg waren es zur Oma, die im Heiligenseer Bekassinenweg wohnte. Ihr Häuschen wurde zur ersten West-Heimat. Seine Mutter hingegen verlor ihr Heim. Als Rache für seine Flucht musste sie raus aus ihrem Haus.

Da stand also Manne mit seiner Lederjacke. Jeans, zwei Hemden, zwei Paar Schuhe. Sein Fluchtgepäck. Mit 19 Jahren allein ein neues Leben beginnen. Klar, den Job bekam er zurück. "Die haben mir sogar den Lohnausfall der Woche zuvor in Westgeld ausgezahlt", scheint sich der heute 77-Jährige wie damals zu freuen. Was aber fehlte, das waren die Familie, die Kumpels. "Das Training hat mich aufgefangen", weiß der Flüchtling. Bei Hertha BSC hat er sich zurück in den Alltag geboxt. Im wahrsten Sinn des Wortes. Hatte er 1958 in Schwerin einen DDR-Meisterschaftstitel im Boxen errungen, so wurde er noch im Fluchtjahr Westberliner Meister im Halbmittelgewicht.

"Heimat ist Heimat." Für Manfred Schmidt ist das keine Altersweisheit. Er spürte das schon damals. Und so stand er in der Adventszeit 1963 in einer langen Schlange, um einen Passierschein zu bekommen. Mit diesem durften erstmals seit dem Mauerbau Westberliner ihre Verwandten im Osten besuchen. Ohne diesen ging’s erst ab 1972 in die DDR-Hauptstadt. Manne war dabei. Statt im Stahl-Klubhaus schwang er das Tanzbein im Pankower Café Nord. Dort traf er eines Abends seinen besten Hennigsdorfer Box-Kumpel. Auf dieses Wiedersehen wollte er anstoßen! Doch der Freund, längst DDR-Olympiassieger, reagierte kalt: "Du bist abgehauen. Wir haben uns nichts zu sagen."

Die Tanzabende im Café Nord endeten für ihn früh. Mitternacht musste Manne Westberliner Boden unter den Füßen haben. Ehe er wieder die Nacht im Osten durchmachen konnte, dauerte es bis zum Mauerfall. Für ihn ein Tag, der nochmals tief in sein Leben eingriff. "Ein gaaaanz", zieht er das A lang, um die Bedeutung zu unterstreichen, "besonderer Tag ist das gewesen. Das war eine Verbrüderung, die habe ich nie wieder in meinem Leben erlebt."

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