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Jobabbau
Das große Schweigen um Bombardiers Sparkurs

Roland Becker / 22.08.2019, 14:54 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) Bei Bombardier in Hennigsdorf tickt die Uhr. Nur noch bis Jahresende gilt die Vereinbarung, dass betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind. Diese Zusicherung ist Bestandteil des von der Spitze des kanadischen Konzerns vor eineinhalb Jahren beschlossenen Transformationsprozesses. Mit dem will Bombardier auch an den deutschen Standorten wieder aus den roten Zahlen kommen. Für Hennigsdorf bedeutet dies: Abschied von der Serienproduktion im großen Stil, der Verlust von 400.Arbeitsplätzen in der Produktion und der Ausbau des Standorts zum Kompetenzzentrum für die Entwicklung neuer Züge und U-Bahnen.

Hört man sich dieser Tage – und damit eineinhalb Jahre nach Verabschiedung des Gesundungsprogramms – bei den Beteiligten um, stößt man auf ein verdächtig auffälliges Schweigen. Niemand will eine Zwischenbilanz ziehen, keiner will noch zu erfüllende Forderungen aufzählen. Beispiel Betriebsrat. Der saß damals mit am Verhandlungstisch und hat auch für Hennigsdorf einige Verbesserungen hinsichtlich der Transformation aushandeln können. Betriebsratsvorsitzender Volkmar Pohl erklärte sich noch am Dienstag in einem Vorgespräch bereit, tags darauf über den Stand der Dinge zu informieren. Am gestrigen Mittwoch nun begann das Gespräch mit dem Satz: "Das ist ein blöder Zeitpunkt." Ähnlich hatte sich keine halbe Stunde zuvor die bei der Gewerkschaft IG Metall für Bombardier zuständige Anne Borchelt geäußert. "Es gibt gar nichts zu sagen und nichts zu kommentieren." Erstaunlich dabei: Während Pohl und Borchelt darauf verweisen, dass man sich "mittendrin im Thema" befinde und demnächst vielleicht Neuigkeit vermelden könne, behauptet Andrea Weingart, Sprecherin der IG Metall Berlin-Brandenburg und Sachsen, dass es derzeit keinerlei Bewegung gebe. "Wir haben nach außen nichts zu verkünden", fügt sie hinzu. Auch von Bombardier-Seite gibt es keine konkreten Äußerungen, wie weit die Umstrukturierung bereits erfolgreich umgesetzt wurde. Firmensprecherin Janes Olthof bestätigt, dass es beim Abbau der 400 Hennigsdorfer Arbeitsplätze bleibt. Zugleich weist sie darauf hin, dass der Standort einen großen Auftrag ausführe. Für Niedersachsen werden 88 Doppelstockzüge modernisiert. Der Auftrag umfasst 80 Millionen Euro.

Die Vorsicht von Betriebsrat Pohl geht so weit, dass er sich über die etwa aufs Vierfache gestiegene Zahl von Leiharbeitern und über die Probleme bei der Lieferung von Zügen zwar äußert, später aber erklärt, dass er davon nichts in der Zeitung lesen will.

Dabei hat Bombardier – wie schon seit Jahren – auch aktuell massiv mit Liefer- und Qualitätsproblemen zu kämpfen. Beispiel Bahnbetreiber Abellio. Im Oktober 2017 war eigens Winfried Hermann (Grüne), Verkehrsminister aus Baden-Württemberg, in Hennigsdorf vorgefahren, um den ersten von 48 Zügen der Baureihe Talent II zu steuern. Abellio benötigt die Züge dringend, um das Regionalnetz rund um Stuttgart bedienen zu können. Zwei Jahre später steuert Hermann nur noch harsche Kritik bei, wenn er nach Bombardier gefragt wird. Es ist gerade zwei Wochen her, da zitierten die Badischen Neuesten Nachrichten den Politiker mit den Worten: "Der Konzern ist offensichtlich international nicht gut aufgestellt, nicht leistungsfähig." Und Abellio-Manager Roman Müller wird damit zitiert, dass "wir mehr als verärgert über den wiederholten Lieferverzug und die Hinhaltetaktik von Bombardier sind". Von den bislang zu liefernden 16 Zügen seien bis Anfang August gerade einmal vier ins Ländle gerollt.

"Ein moderner Zug ist heutzutage kein Stahlross mehr, sondern ein echtes High-Tech-Produkt", erklärt Olthof. Die Zugsoftware sei ein ebenso umfangreiches Thema wie der "anspruchsvolle Zulassungsprozess" durch das Eisbenbahnbundesamt und zudem sehr zeitintensiv. Allerdings sind davon auch andere Zughersteller wie Stadler oder Siemens betroffen. Von deren Kunden hört man weniger häufig Klagen über extreme Zeitverzögerungen bei der Auslieferung von Zügen.

Hennigsdorfs Bürgermeister Thomas Günther (SPD) nimmt das Wort von der Hinhaltetaktik nicht in den Mund. Aber auch er kann ein Lied davon singen, wie schwer es ist, Verhandlungen mit Bombardier erfolgreich abzuschließen. Im Juni 2018 beschloss das Stadtparlament mit den Stimmen von SPD und CDU, mit der Industriepark Süd (IPS) eine Gesellschaft zu gründen, die sich um die Vermarktung von Flächen kümmern soll, die Bombardier in Hennigsdorf künftig nicht mehr benötigt. Der Vorstoß der Stadt, der mit Eigenmitteln in Höhe von fünf Millionen Euro verbunden ist, wurde von Bombardier damals mit Interesse und Wohlwollen aufgenommen. Eine direkte Zusage, nicht mehr benötigtes Betriebsareal in die IPS zu geben, hat es bis heute aber nicht gegeben. "Wir hätten uns das nach mehr als einem Jahr sehr gewünscht. Wir hätten uns in dieser Zeit auch größere Fortschritte erhofft", sagt der Bürgermeister. Treffen zwischen Stadt und Bombardier, wie jüngst um den Monatswechsel, hätten nichts Handfestes ergeben. "Das schwankt immer so zwischen Pro und Contra", beschreibt Günther die Reaktion von Bombardier auf die Vermarktungsidee. Auch gegenüber dieser Zeitung wollte sich Bombardier dazu nicht konkret äußern. Olthof dazu: "Es ist ein laufender Prozess, dass wir die Nutzung unserer Gewerbeflächen überdenken."

Bombardiers Pläne zur Umstrukturierung

Der kanadische Konzern Bombardier hat im März 2018 für seine Bahnsparte eine Umstrukturierung beschlossen, der in Deutschland 2 200 Jobs – und damit jeder vierte – geopfert wird.

Davon betroffen ist auch der Hennigsdorfer Standort. Hier sollen 400 der bislang 800 Jobs in der Produktion entfallen. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2019 ausgeschlossen. Die Serienproduktion soll in Hennigsdorf auf ein Minimum herabgefahren werden. Außerdem gibt es ein Freiwilligen- und Abfindungsprogramm.

Zahlen dazu, wie viele Arbeitnehmer dieses Programm bereits genutzt haben, gibt es nicht. Immer wieder ist aber von Firmen in Oberhavel zu hören, dass man ehemalige Bombardier-Mitarbeiter eingestellt habe.⇥rol

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