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Sonderpädagogik
Ein Tag an der Regenbogenschule in Hennigsdorf

Kunstunterricht: Fünf Erwachsene kümmern sich in der Klasse 1a der Regenbogenschule um acht Kinder.
Kunstunterricht: Fünf Erwachsene kümmern sich in der Klasse 1a der Regenbogenschule um acht Kinder. © Foto: Thomas Sabin
Thomas Sabin / 07.09.2019, 12:15 Uhr - Aktualisiert 01.10.2019, 10:31
Hennigsdorf (MOZ) "Geistige Entwicklung" heißt der sonderpädagogische Schwerpunkt der Regenbogenschule in Hennigsdorf. Knapp 100 Kinder und Jugendliche werden dort unterrichtet.

Am frühen Morgen wird es laut an der Regenbogenschule. Zwei Wagen vom Deutschen Rotes Kreuz machen Halt vor dem neuen, modernen Bau in Nachbarschaft des Hennigsdorfer Bahnhofs. Schüler steigen aus und eilen in das Gebäude aus rotbraunen Backsteinen. Die Morgensonne fällt durch die großen Fenster ins Innere, wo die Lehrkräfte ihre Schützlinge bereits erwarten. Für die Sozialpädagogen beginnt der Arbeitstag mit dem ersten Schritt, den ein Schüler in das Schulgebäude setzt. Fortan fordern ihnen die Kinder die volle Aufmerksamkeit ab.

Im Klassenraum der Klasse 1a bereiten sich die Lehrerinnen Henrike Stock und Pascale Gelew auf den Tag vor. Die beiden blonden Frauen sind ein eingespieltes Team. Gemeinsam haben sie schon viele erste Klassen übernommen. "Wir arbeiten gut zusammen", sagt Gelew gut gelaunt. Nach und nach kommen auch ihre Schützlinge an.

Die Regenbogenschule ist eine Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt "Geistige Entwicklung". Schüler werden hier von der ersten bis zur 12. Klasse unterrichtet. Viele von ihnen benötigen sogenannte Einzelfallhilfen, Menschen die rund um die Uhr an ihrer Seite sind und sie im Schulalltag unterstützen. An der Regenbogenschule stellt man sich Herausforderungen, denen Regelschulen nicht gewachsen sind. Hier werden Schüler unterrichtet, die an anderen Bildungseinrichtungen überfordern wären.

Schule mit modernem Charme

In ihrer neuen ersten Klasse haben Henrike Stock und Pascale Gelew acht Kinder. "Das ist eigentlich schon zu viel", sagt Stock, während Joel, Luis, Lucy, Elias, Noah, Josephine, Oscar und Clara eintrudeln. Acht, das klingt erst einmal nicht viel. Doch die Schüler der Regenbogenschule sind zum Teil schwer beeinträchtigt. "Fast alle habe einen Eins-zu-Eins-Bedarf", erklärt Stock. Auch deshalb gebe es in jeder Klasse zwei Klassenleiter. Hinzu kommen Einzelfallhelfer, Erzieher und weitere Sozialpädagogen. In der 1a sind heute fünf Erwachsene für acht Schüler im Einsatz.

"Um an unserer Schule unterrichtet zu werden", erklärt Schulleiter Sebastian Backhuß, "müssen die Schüler einen IQ von 70 oder weniger haben." Das Büro des 40-Jährigen liegt im zweiten Stock. Der Betonbau-Stil wahrt auch hier den modernen Charme der Schule. Hinter ihm lehnt ein Regenbogen an der Wand.

Backhuß, Drei-Tage-Bart und kurzes Haar, ist ein freundlicher und aufgeschlossener Mann. Gelassen scheint er den Arbeitsstress einfach wegzulächeln. Bereits mit 16 Jahren habe er gemerkt, dass die Sozialpädagogik etwas für ihn ist. Ein Aushang in seiner damaligen Schule zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Caritas-Einrichtung St. Johannesberg suchte Helfer für den Aufbau einer Theatergruppe. "Das hat mir viel Spaß gemacht. Vor allem mit den Kinder, Jugendlichen und auch Erwachsenen gemeinsam etwas zu entwickeln."

Seinen Zivildienst absolvierte er in der Schule in St. Johannesberg. Später begleitete er Ferienfahrten für Menschen mit geistiger Behinderung, studierte Sonderpädagogik und arbeitete nebenbei als Einzelfallhelfer. Nach seinem Referendariat kam er nach Hennigsdorf an die Regenbogenschule. "Damals waren wir noch sehr klein. 30 Schüler und wenig Personal. Da kommt man schnell in Verantwortung." Backhuß wurde stellvertretender Schulleiter. Seit fünf Jahren ist er Chef der Regenbogenschule.

2018 folgte das neue Schulgebäude. Smartboards, große Flure, ein großer Pausenhof. "Vorher waren wir in Hennigsdorf Nord. Da waren wir so ein bisschen weg vom Schuss. Jetzt sind wir sehr zentral und präsenter für die Öffentlichkeit", sagt Backhuß. Seine Schule der Öffentlichkeit zu zeigen, sich mehr zu öffnen – das sei sein nächstes Ziel. "Die meisten", sagt er nachdenklich, "können sich nämlich nichts über unseren Schultyp vorstellen."

Schritte in die Selbstständigkeit

Die Schule ist stetig gewachsen. Aus den 30 Schülern wurden knapp 100. Aus 12 Lehrkräften wurden 30. Hinzu kommen zwei Lehramtsanwärter, sechs Betreuer, 23 Einzelfallhelfer, 12 Therapeuten. "Wir kommen auf knapp hundert Personen, die die Schüler, über das Schuljahr verteilt, unterstützen", sagt Backhuß. Dieses Personal brauche es, um das Ziel der Schule umzusetzen: die Selbstständigkeit der Schüler im Alltag.

Im Klassenraum der 1a machen die acht Neulinge ihre ersten Schritte von vielen in Richtung Selbstständigkeit. "Luis, du bist heute mit Tisch decken dran", sagt Henrike Stock. Hinter einer Schiebetür versteckt sich der Frühstücksraum – Kühlschrank, Ofen, es fehlt an nichts. Händewaschen, Essen, Stulle schmieren, Brot schneiden, den Tisch decken und wieder abräumen: die ersten Aufgaben, denen sich die Schüler stellen müssen. Sie wurden vor fünf Wochen eingeschult.

"Wir stehen also noch ganz am Anfang", sagt Stock. "Sie lernen jetzt Dinge wie die Wochentage, die ersten Zahlen oder einfach nur mal für eine Viertelstunde still zu sitzen." Das ist nicht immer ganz leicht. Manchmal schreit ein Kind, ein anderes verliert die Konzentration und wird teilnahmslos. Wieder ein anderes verspürt großen Bewegungsdrang. Dann sind die Pädagogen gefordert. Gemeinsam behalten sie die Kontrolle. "Den Kindern wird hier viel mehr abgefordert, als sie es aus der Kita gewohnt sind. Dort konnten sie fast die ganze Zeit spielen. Jetzt müssen sie sich disziplinieren", erklärt die 39-Jährige, während sie aufpassen muss, dass sich Joel den Mund nicht zu voll stopft. "Erst schlucken, Joel! Dann kannst du dir was Neues nehmen."

Nach dem Frühstück: Händewaschen. Es wird wieder lauter. "Pssst", ermahnt Stock, "wenn ihr so laut seid, können die anderen Klassen nicht lernen." Der Umgang der Mitarbeiter mit ihren Schülern ist liebevoll. Strenge Worte gibt es selten. Belohnungen und viel Lob funktionieren besser.

Im Bewegungsraum können sich die Schüler eine Viertelstunde austoben. Und die Pädagogen spielen mit. Stress empfinde Pascale Gelew während der Arbeit nicht, sagt sie und kickt den Fußball zurück zum flinken Joel. "Ich bin wirklich entspannt. Der Job macht mir großen Spaß. Das geht aber nur, wenn gute Teamarbeit herrscht", so die 40-Jährige.

Joel zum Beispiel habe acht verschiedene Epilepsien. Er benötigt eine Einzelfallhilfe. "Wir brauchen diese Hilfen in jeder Klasse. In einer Klasse zum Beispiel liegt ein Kind im Wachkoma, in einer anderen braucht es vier Einzelfallhelfer. Oft sind fast mehr Erwachsene im Raum als Kinder." Ohne diese gegenseitige Unterstützung wäre Unterricht nicht möglich.

Es wird viel gelacht

Zurück im Klassenraum erwartet die Kinder der tägliche Morgenkreis. Sie lernen Datum, Zahlen, Wochentage, Monate und das Jahr. Alles in Verbindung mit Gebärdensprache. Für den Herbst lassen die Kinder ihre kleinen Finger zappeln, so als würden Blätter von den Bäumen rieseln. Um 10 Uhr geht es in die Hofpause. Zeit zum Spielen. Auf kleinen Kipplastern aus Plastik fahren sie um die Wette. 10.30 Uhr steht der Kunstunterricht an. Winddrachen werden gebastelt. Während Stock das Wie erklärt, kümmern sich die anderen vier um die Schüler. Es wird viel gelacht.

"Es gibt natürlich auch andere Tage", gesteht Stock. "Auch die Lautstärke kann schon mal sehr anstrengend werden. Außerdem muss man überall seine Augen haben." Doch genau wie ihre Kollegin komme sie jeden Tag gerne wieder zur Arbeit. Dass ihnen ihr Wunschberuf so viel Freude bereitet, liege auch daran, dass die Kinder sehr dankbar sind. Man bekomme viel zurück. "Zudem sehen wir schnell Fortschritte. Wir begleiten die Kinder ganzheitlich", sagt Stock. "Wir fördern sie von der Haarspitze bis zur Sohle. Mit der Zeit fühlt es sich an wie in einer kleinen Familie."

100 Prozent Aufmerksamkeit

Pascale Gelew nickt zustimmend. "Doch alles steht und fällt mit der Personaldecke", fügt sie an. "Dadurch, dass die Kinder 100 Prozent Aufmerksamkeit brauchen, steigt der Stresslevel an Tagen, an denen Kollegen oder Einzelfallhelfer ausfallen. Denn die Kinder schrauben ihre Bedürfnisse nicht zurück."

Während unten bunte Drachen gebastelt werden, verrät Sebastian Backhuß in seinem Büro, was er mit der Schule noch vorhat. "Wir wollen uns in Zukunft immer weiter der Öffentlichkeit öffnen. Zum Beispiel mal an einem Markttag teilnehmen und uns im Stadtbild mehr zeigen", sagt er. Ihm ist es wichtig zu zeigen, "wer wir sind und vor allem, dass wir nicht die Schule der Schwächsten sind, sondern eine besondere Schule für ganz besondere Schüler".

Er weiß um den Unterstützungsbedarf seiner Schützlinge. "Aber auch, dass sie zum Teil Stärken haben, die anderen fehlen." Backhuß ist überzeugt, dass die Gesellschaft weiter wachsen muss. "Dann kann Inklusion gelingen. Ich denke, dafür müssen wir uns auch mehr der Gesellschaft zeigen. Wir können nicht immer erwarten, dass die Gesellschaft von allein auf uns zukommt."

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