Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Flucht übers Eis
Zeitzeugen erinnern sich an den Schicksalstag im Jahr 1963

Wiebke Wollek / 01.10.2019, 19:38 Uhr
Nieder Neuendorf ([]) Die Mauer trennte erst seit einem guten Jahr Ost und West. Als Karlheinz Kohl im Juli 1961 im Lehrlingswohnheim der Lokomotivbau Elektrotechnischen Werke (LEW) in Nieder Neuendorf ankam, fühlte er sich am Ziel seiner Träume. Das Heim gehörte zum Schloss, einem alten Gutshaus aus dem 16. Jahrhundert. "Es war eine Idylle, die Lehrlinge lagen nachmittags am Strand", erinnert er sich. Im September sollte die technische Ausbildung anfangen.

Doch als nur einen Monat später der Bau der Mauer begann, war es vorbei mit der paradiesischen Stimmung. "Ständig auf die Grenze und Soldaten zu schauen, war die Hölle. Sie standen mit Maschinenpistolen am Ufer", berichtet Kohl. Sein Blick ins westliche Heiligensee machte ihn traurig. "Dort waren alle so fröhlich", hatte der junge Mann den Eindruck. Den Grenzturm, der heute ein Museum ist, gab es noch lange nicht. Er wurde erst 1987 gebaut – zwei Jahre vor dem Mauerfall. "Man hatte gedacht, man hätte noch viele Jahre an der Grenze vor sich", sagt der 75-Jährige schmunzelnd. Anstelle des Betonturms gab es einen Holzturm, der mit sowjetischen Soldaten besetzt war.

Halt fand Karlheinz Kohl in der Freundschaft zu Hans-Georg Ziegler, einem Studenten der Technischen Hochschule in Ilmenau, der während seines Betriebspraktikums im Wohnheim untergebracht war. Beide verband nicht nur das Interesse an Technik und Maschinen, sondern auch ihre Zugehörigkeit zur jungen Gemeinde in Hennigsdorf. "In die Kirche zu gehen, galt als nicht linientreu", erzählte Karlheinz Kohl seinen Zuhörern in der Dorfkirche Nieder Neuendorf. Das Gespräch am Freitag ist von der Königin-Luise-Stiftung gemeinsam mit Pfarrerin Barbara Eger vorbereitet worden. Zum Publikum gehörten neben einigen interessierten Hennigsdorfern hauptsächlich zwei Berliner Schülergruppen, die die Originalschauplätze der Flucht aufsuchen wollten.

"Man konnte zwar in die Kirche gehen, aber es war nicht gerne gesehen", sagte Kohl. "Es war eine absolute Minderheit, die sich für die Kirche interessiert hat. Aber bedingt durch meine Familiengeschichte kam ich nicht daran vorbei." Als Pionier in der FDJ aktiv zu sein, sei dagegen die Regel gewesen. Die Dorfkirche befand sich unmittelbar in der Nähe zur Grenze.

In der Zeit nach dem Mauerbau wurde Karlheinz Kohl immer unglücklicher, fühlte sich nicht frei und hatte das Gefühl, "in dem Land keine Chance zu haben". Bitterkalt war es im Januar 1963. "Willst du auch abhauen", fragte Karlheinz seinen Freund Hans-Georg. "Ja, am besten schon morgen", antwortete dieser.

Lange geplant war die Flucht nicht, dennoch hatten sich die beiden jungen Männer vorbereitet. Nur etwa zehn bis 15 Meter von der Grenze entfernt, nahe dem Schloss, stand die Bibliothek  mit angeschlossener Heimleiter-Wohnung. "Dort haben wir uns immer wieder abends in der Toilette eingeschlossen, denn so konnten wir unbemerkt das Wasser, den Eisbrecher und die Patroillen beobachten", sagte Ziegler. Am letzten Tag im Januar 1963 war es schließlich soweit. "Wir hatten uns vorher abgehärtet, sind oft barfuß gelaufen und haben kalt geduscht", berichtet Ziegler.

Todesmutig sprangen die beiden ins eiskalte Wasser des Nieder Neuendorfer Sees. Immer im Blick: Heiligensee, ein Teil von West-Berlin. Bei der Planung zur Flucht überlegten sie, ob sie hinter dem Eisbrecher schwimmen oder übers zugefrorene Wasser laufen sollten. Letztlich entschieden sie sich fürs Schwimmen, weil die Gefahr, von der Besatzung des Eisbrechers entdeckt zu werden, geringer war. Beim ersten Wasserkontakt stockte der Atem. Jeder kämpfte für sich ums Überleben. Nebeneinander zu schwimmen, war unmöglich, da das Eis jeden in eine andere Richtung zwang. Noch nicht einmal eine halbe Stunde benötigten sie, um sicher ans andere Ufer zu gelangen. Völlig durchgefroren kletterten die jungen Männer, 19 und 20 Jahre alt, am späten Abend aus der Havel. Die nassen Sachen bildeten eine eisige Kruste. Hände und Füße waren blutig vom Stacheldrahtzaun. Sie kletterten über den Zaun einer Kleingartenkolonie. Anwohner versorgten die Flüchtigen mit Kleidung und boten ihnen eine warme Dusche an. Die mutige Flucht sprach sich schnell zu einem Reporter der WestBerliner B.Z. herum. Wenige Tage später erschien dort eine Meldung mit der Überschrift "Bei zwölf Grad Kälte: Flucht durch Eiswasser." Darin hieß es: "Sie waren so verzweifelt, dass sie bedenkenlos ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten."

Dass sie solches Glück hatten, können sie auch  mehr als 56 Jahre später kaum glauben. Mit jungen Menschen über die DDR-Geschichte zu sprechen, ist beiden ein Bedürfnis. "Man kann nur dann die Zukunft gestalten, wenn man die Vergangenheit verstanden hat", sagte Karlheinz Kohl. Nur wenige Jahre nach der geglückten Flucht ist das Schloss Nieder Neuendorf abgerissen worden. Danach war das Gelände für die Grenzer besser einsehbar.

Fliehen vor und nach dem Mauerbau

Seit den 50er-Jahren versuchten viele Menschen, die DDR zu verlassen und in den Westen zu gelangen. Über 2,7 Millionen DDR-Bürger konnten noch vor dem Mauerbau fliehen. Erst 1961 wurde West-Berlin von Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, abgeriegelt. Durch die Mauer wurde dieses letzte Nadelöhr als Fluchtmöglichkeit unterbunden.

In Nieder Neuendorf ereigneten sich kurz nach dem Mauerbau mehrere Fluchten. Die Grenze lag in der Mitte der Havel, und so versuchten junge Menschen, durchs Wasser nach Heiligensee zu schwimmen oder über den zugefrorenen See zu fliehen.

Die unmittelbare Lage an der Grenze zu West-Berlin beeinflusste das Leben in Hennigsdorf und Nieder Neuendorf während der deutschen Teilung nachhaltig. Nach der Wende entwickelte sich die Stadt zu einem modernen Wirtschafts- und Technologiestandort sowie Wohnort mit guter Infrastruktur.

Das Stadtarchiv im Alten Rathaus von Hennigsdorf beherbergt unzählige wichtige Zeitdokumente, wie Geburten- und Sterberegister. Außerdem gibt es  eine Dauerausstellung mit dem Titel "Dorfidyll – Industriestadt – Lebensort". Im Grenzturm gibt es ebenfalls eine Ausstellung. Diese ist jährlich vom 6. April bis zum 3. Oktober geöffnet. Der Turm ist als Mahnmal erhalten geblieben.⇥wol

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG